Umbruch beim BVB Große Experimente erheitern die Dortmunder Laune

BVB-Trainer Lucien Favre solle den Revierklub in eine positive Zukunft führen.

(Foto: dpa)
Von Freddie Röckenhaus, Dortmund

Im Business-Outfit, in feinem Tuch und mit Krawatte, sieht man Hans-Joachim Watzke meist nur noch dann, wenn es um die Verkündung kommerzieller Zahlen geht. Am Freitagmittag, zwei Tage vor dem ersten Saisonspiel gegen Rasenball Leipzig, lieferte Watzke routiniert die neuesten Rekordzahlen von Borussia Dortmund ab; dabei nestelte er bisweilen am Krawattenknoten, als könne er es kaum erwarten, ins legere Outfit des Fußballmanagers zurückzuwechseln.

Rekord! Mal wieder: 536 Millionen Euro Umsatz, 28 Millionen Euro Jahresgewinn, nach Steuern, Zinsen, Abschreibungen. Aber was nützt das alles, wenn man am Fußball keinen Spaß mehr hat, wie in der vergangenen Saison. Wenn man "sich ohnmächtig auf der Tribüne fühlt", wie Watzke seine damalige Stimmungslage beschreibt. In der "Saison nach dem Anschlag", wie sie in Dortmund sagen; der Saison, in der der Teambus attackiert wurde.

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Dass gerade scheinbar alles anders wird beim BVB, hat jedenfalls die allgemeine Laune hochschnellen lassen. Während Watzke am Freitag die jüngsten Erfolgszahlen der Borussia Dortmund Kommanditgesellschaft auf Aktien präsentierte, liefen ein paar Hundert Meter entfernt auf der Geschäftsstelle des Fußballkonzerns gerade die Vorbereitungen für den letzten Transfer, den sich der BVB für diesen Sommer wünscht: Paco Alcácer soll das sein, wie man hört. Der Mittelstürmer, der im Dortmunder Managerspiel dieser Transferperiode noch fehlte, 24 Jahre jung, vom FC Barcelona. Zunächst soll er für ein Jahr ausgeliehen werden, aber mit der fixierten Option, ihn bei Gefallen für gut 20 Millionen Euro im Sommer 2019 fest zu verpflichten. In Spanien war Alcácer mit 20 Jahren Nationalspieler und mit 22 schon Kapitän des stolzen FC Valencia, auch in der Champions League. Dann wechselte er nach Barcelona. Und kam - natürlich - nicht an Messi und Suárez vorbei.

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Solche Typen, Leute also, die bereits mit 22 Kapitän eines großen Klubs werden und sich dann Barça zutrauen, haben sie diesen Sommer bei Borussia Dortmund gesucht. Und ein paar scheinen sie gefunden zu haben. 100 Millionen Euro hat der BVB seit dem Winter jetzt schon für neue Spieler ausgegeben. Fast ausschließlich für Spieler mit einer vorrangig defensiven Denke. Spieler, die "Mentalität" haben sollen, die "in schwierigen Situationen mutig sind, gerade wenn es ruppig wird, wenn man sich wehren muss", wie Watzke das neue BVB-Credo beschreibt.

Ein bisschen spät, nörgeln manche, denn vielleicht hätte Dortmund sich auch schon vor zwei Jahren, spätestens aber nach dem Abschied vom ungeliebten Trainers Thomas Tuchel entscheiden können, die Marschrichtung zu ändern. Weniger auf den feinen Fuß zu achten und auch mal breite Schultern sprechen zu lassen. Das eine wie das andere gehört halt zum Fußball. Was wäre Real Madrid ohne einen Typ wie Ramos? Oder der FC Bayern ohne einen wie Martinez? Jetzt machen sie in Dortmund ernst mit diesem Umbruch in einer Vehemenz, wie sie dort noch nie zu beobachten war. Und die vielleicht in der Bundesliga insgesamt ihresgleichen sucht.

Für die Verteidiger Manuel Akanji (aus Basel) und Abdou Diallo (aus Mainz) hat der BVB binnen sechs Monaten fast 50 Millionen Euro Ablöse gezahlt, für die Mittelfeld-Brummer Thomas Delaney (aus Bremen) und den Belgier Axel Witsel (aus China, zuvor Zenit St. Petersburg) noch einmal 40 Millionen. Und in all dem Changieren waltet wieder ein Trainer, der eine ziemlich eigene Spielidee hat. Lucien Favre, der so schweizerisch-professoral daherkommt, dass man sich bisweilen wundert, warum er zum Fußball-Tüftler wurde und nicht zum Kernphysiker. So besessen scheint der Mann zu sein selbst von den kleinsten Teilchen seiner Arbeit.

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An jedem Detail wird gefeilt, wie einst auf Favres deutschen Stationen in Berlin und Mönchengladbach. Und wenn der frankophone Favre in seinem noch immer leicht holperigen Deutsch über die richtige Fußstellung bei dieser oder jener Passart doziert, sind selbst die Spieler offenbar von ihm fasziniert, die unter Favre Gefahr laufen, nicht einmal regelmäßig in den 18er-Kader für die Spiele zu kommen. Niemand weiß, wie der sensible Taktik-Professor mit dem raueren Klima eines europäischen Top-Ten-Klubs klarkommt - aber als Fußballfachmann wurde er blitzartig eingemeindet. Sicher ist allerdings auch: Die rhetorische Wucht eines Jürgen Klopp, noch immer der Volksheld von Dortmund, wird der 60-jährige Schweizer nicht erreichen, das wäre völlig gegen sein Naturell.