Türkgücü München:Ein Abschied im Streit

Türkgücü München: Alper Kayabunar leitet allen Unstimmigkeiten zum Trotz erst einmal weiter das Training.

Alper Kayabunar leitet allen Unstimmigkeiten zum Trotz erst einmal weiter das Training.

(Foto: Wolfgang Zink/Sportfoto Zink/Imago)

Im Umfeld häufen sich Zweifel an der Zahlungsfähigkeit des Regionalligisten. Nun muss er auch noch einen Punktabzug hinnehmen - und steht ohne Geschäftsstellenleiter da.

Von Christoph Leischwitz

Am Mittwoch hatte Türkgücü München Trainingsauftakt, das war deutlich früher als ursprünglich vereinbart. Fast alle Spieler waren gekommen. Doch das bedeutet noch lange nicht, dass nun wieder Aufbruchsstimmung herrscht bei dem Fußball-Regionalligisten, von dem im Dezember bekannt wurde, dass monatelang Spielergehälter nicht gezahlt worden waren. Aus dem Umfeld der Spieler ist zu hören: Einige kommen nur, weil sie sich in den aktuellen Verhandlungen nichts zuschulden kommen lassen wollen.

Türkgücü-Präsident Taskin Akkay erklärt auf Nachfrage, dass man das Training so früh abhalte, weil im Februar das wichtige Toto-Pokal-Viertelfinale gegen den Drittligisten FC Ingolstadt ansteht. Damit suggeriert Akkay ein Stück weit Normalität. Der 57-Jährige bleibt dabei: Eine Insolvenz stehe "Stand heute" nicht im Raum, der Verein sei "Stand heute" sehr wohl noch zahlungsfähig. Und das, obwohl sich die Termine beim Arbeitsgericht häufen.

Andere haben ihre Zweifel an der Zahlungsfähigkeit. Die Verhandlungen mit Spielern und Jugendtrainern über Vertragsauflösungen, Abfindungen und Freistellungen für andere Vereine ziehen sich hin. Nach SZ-Informationen soll es auch mindestens einen Gläubiger-Vertreter geben, der den Antrag auf ein Insolvenzverfahren erwägt - es ist auch für Gläubiger möglich, dieses Verfahren einzuleiten.

Der Verein muss in der aktuellen Lage besonders genau darauf achten, schriftlich fixierte Zahlungen einzuhalten. So stehen etwa Ratenzahlungen im Raum, um noch ausstehende Gehälter zu begleichen. Türkgücü wäre laut Insolvenzrecht verpflichtet, selbst den Antrag auf Eröffnung des Insolvenzverfahrens zu stellen, wenn der Verein mit solch einer Zahlung einige Wochen in Verzug gerät.

In Zahlungsnöte kam der Verein im vergangenen Herbst, nachdem sich der Investor Milan Rapaic und dessen Sohn Boris zurückgezogen hatten. Sie hatten vor allem fehlende Transparenz des Vereins als Grund angegeben. Wie die SZ damals vorab berichtete, führte dies unter anderem zu einem Sportgerichtsverfahren beim Verband, dessen Urteil nun publik ist: Der Mannschaft wird ein Zähler aus dem Remis gegen den 1. FC Nürnberg II aberkannt und zusätzlich werden zwei Punkte abgezogen. Der Verein hatte bei zwei in dieser Partie eingesetzten Spielern den Nachweis für Sozialversicherungsabgaben nicht rechtzeitig eingereicht. Laut dem Schiedsrichter der Partie von Anfang Oktober habe der Verein darauf bestanden, die Spieler einsetzen zu dürfen, obwohl diese im System als gesperrt angezeigt waren.

Mitten in die Unruhe platzte die Nachricht vom Rücktritt des Geschäftsstellenleiters Oktay Kaya, der hauptamtlich viele Aufgaben übernommen hatte. Am Donnerstagabend hatte der 30-Jährige seinen Zugang zum Presseverteiler genutzt, um seine Sicht der Dinge darzulegen: "Leider habe ich festgestellt, dass mein Verständnis vom Fußball sich stark von den Vorstandsmitgliedern Taskin Akkay und Serdar Yilmaz unterscheidet", schrieb er, und: "Entscheidungen wurden ohne Absprache getroffen."

Akkay erklärt, Kaya sei Anfang Dezember gekündigt worden, er sei nicht zurückgetreten

Akkay zeigt sich auf Nachfrage enttäuscht von Kayas Schritt in die Öffentlichkeit und erklärt, Kaya sei Anfang Dezember aus Kostengründen gekündigt worden, er sei nicht zurückgetreten. Obendrein habe er versäumt, einen Einspruch gegen das Punktabzugs-Urteil einzulegen. Kaya weist diese Aussagen weit von sich. Er erklärt, Verwaltungsangelegenheiten gehörten seit dem vergangenen Lizenzierungsverfahren nicht mehr zu seinen Aufgaben - und ihm sei auch nicht gekündigt worden.

Die Lizenzierung habe er übrigens übernommen, nachdem er wenige Wochen vor der Frist darum gebeten wurde - "sonst würde der Verein jetzt in der C-Klasse spielen", glaubt Kaya. Und: Er sei über Vertragsauflösungen nicht mehr in Kenntnis gesetzt worden, was sehr wohl zu seinem Arbeitsbereich gehört habe.

Das Gesamtbild, das sich aus den Aussagen ehemaliger Spieler, Trainer und Mitarbeiter ergibt: Immer wieder wurden Dinge auf den letzten Drücker erledigt, manchmal eben auch zu spät, und zudem schlecht kommuniziert. Das Insolvenzrecht wiederum ist in Bezug auf die Fristen zum Nachweis der Zahlungsfähigkeit oft sehr streng.

Es scheint nun einsam zu werden um die Vorstände Akkay und Yilmaz. Dem Vernehmen nach soll es sogar Unstimmigkeiten zwischen Yilmaz und Trainer Alper Kayabunar gegeben haben, dem langjährigsten Türkgücü-Mitarbeiter. Dieser möchte sich dazu allerdings nicht äußern, er leitet auch erst einmal weiter das Training.

Auf die Frage, ob denn angesichts der Unruhe und der finanziellen Engpässe ein Verbleib in der Regionalliga überhaupt noch Sinn ergebe, sagt Akkay: "Wir werden weiter versuchen, ein Vertreter der Landeshauptstadt für die Regionalliga zu sein." Dafür sei freilich die Unterstützung der Stadt nötig, sprich: deutlich verringerte Stadionkosten. Ob wiederum die Stadt aktuell einen Sinn darin sieht, den Verein finanziell zu unterstützen, erscheint fraglich.

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