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Tour de France:Warum sind die Slowenen so stark?

Tour de France 2020: Primoz Roglic gewinnt die vierte Etappe

Erstes Anschwitzen der Favoriten: Nicht nur der geschlagene Tadej Pogacar staunt am Dienstag über den Sieg von Landsmann Primoz Roglic.

(Foto: AP)

Mit Fahrern wie Roglic und Pogacar prägt das kleine Land die Tour de France, der plötzliche Aufstieg wirft aber Fragen auf. Zuletzt waren slowenische Protagonisten in die "Operation Aderlass" verwickelt.

Von Johannes Aumüller

"Zgodovinski dan" ist eine Formulierung, an der Sloweniens Öffentlichkeit einen großen Gefallen gefunden hat, wenn es um den heimischen Radsport geht. "Historischer Tag" bedeuten diese beiden Wörter übersetzt, und in den vergangenen Jahren hat es in Sloweniens Radsport demnach ein paar historische Tage geben. Im Sommer 2017 zum Beispiel, als Primoz Roglic als erster Slowene eine Etappe bei der Tour de France gewann; oder im Herbst 2019, als Roglic als erster Slowene eine große Landesrundfahrt für sich entschied, die Vuelta a España - und zugleich das große Talent Tadej Pogacar drei Etappensiege und Gesamtrang drei schaffte.

Aber noch nie lag dieser bedeutungsschwangere Begriff so nahe wie in diesen Tagen der Tour de France. Am Dienstagabend erlebte das Peloton auf der Skistation in Orcières-Merlette seine erste Bergankunft, und aus slowenischer Sicht hätte das nicht besser laufen können: Platz eins für Roglic (Jumbo-Visma), Platz zwei für Pogacar (Team UAE). Wenn die größte slowenische Tageszeitung Delo schrieb, dass dieser Erfolg nur die "Vorspeise" für die kommenden Etappen gewesen sei, klang das nachvollziehbar.

Roglic ist dank seiner Fähigkeiten und seines starken Teams neben Vorjahreschampion Egan Bernal der große Favorit auf den Gesamtsieg und Pogacar zumindest ein Anwärter aufs Podium. Das kleine Slowenien prägt das wichtigste Radrennen der Welt - das ist der Höhepunkt einer erstaunlichen Entwicklung.

In der "Operation Aderlass" geht es auch um slowenische Fahrer

Das Land, das nur zwei Millionen Einwohner hat, ist binnen weniger Jahre zu einer der besten Radsportnationen aufgestiegen, die jede Menge Topfahrer hervorbringt. Roglic, 30, verblüfft mit der Geschichte, wie er im fortgeschrittenen Alter vom Skispringer zu einem der besten Radrundfahrer der Welt umschulte. Das Ausnahmetalent Pogacar, 21, handeln viele Beobachter als künftigen Tourchampion. Und hinter diesem herausstechenden Duo versammeln sich weitere starke Fahrer wie Jan Polanc, Matej Mohoric und Sprinter Luka Mezgec. Insgesamt fünf Slowenen bestreiten die Tour 2020 - ein Rekordwert.

Einen "kometenhaften Aufstieg" des nationalen Radsports konstatiert Delo. Aber dieses Kometenhafte ist es, das andernorts die Fragen erzeugt.

Es gab im (Rad-)Sport schon öfter Länder mit einer auffallend erfolgreichen Generation. Oft war dies von Zweifeln begleitet, so ist das auch beim slowenischen Radsport-Aufstieg. Bei ihm gibt es sogar so viele Fragen, dass der Rad-Weltverband (UCI) im Vorjahr einen erstaunlichen Schritt beschloss. Er teilte mit, er und seine Anti-Doping-Einheit CADF hätten "die Aktivitäten mehrerer slowenischer Personen, darunter Fahrer, Betreuer und Mitarbeiter des Teammanagements, sorgfältig verfolgt, um mögliche Rollen in einer Reihe verschiedener Untersuchungen zu ermitteln".

Das betraf insbesondere die Rolle von slowenischen Protagonisten in der "Operation Aderlass", den Ermittlungen deutscher und österreichischer Behörden zu einem mutmaßlichen Blutdopingring um den Erfurter Sportarzt Mark Schmidt. Im Vorjahr flogen die Slowenen Kristijan Koren und Borut Bozic (zu dem Zeitpunkt bereits Sportdirektor beim Team Bahrain) als mutmaßliche Kunden auf und erhielten Zweijahressperren. Auch andere Fährten in der Aderlass-Affäre führen nach Slowenien und ins Nachbarland Kroatien.

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