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Doping im Radsport:Eine Kontrollinstanz wird abserviert

Tour de France

Das Peloton bei der Tour de France.

(Foto: REUTERS)

Der Radsport-Weltverband trennt sich von einer etablierten Organisation im Kampf gegen Doping. Ein umstrittener Einschnitt, der Zweifel nährt.

Von Johannes Aumüller

Auch aus Sicht des Anti-Doping-Kampfes ist eine Tour de France in Corona-Zeiten ein schwieriges Unterfangen. Das ohnehin schwache Kontrollsystem war just in der Vorbereitungszeit im Frühjahr lahmgelegt, das Schlupfloch für potenzielle Betrüger somit groß. Nun, während der Rundfahrt, ist der Testvorgang logistisch umständlicher, weil auch bei ihm gewisse Hygienevorgaben gelten.

Aber unabhängig von allen Corona-Aspekten ist beim Anti-Doping-Programm diesmal noch etwas besonders: 2020 findet es bei der Tour de France - und bei allen anderen wichtigen Rennen des Radsports - zum letzten Mal unter Oberaufsicht der Cycling Anti-Doping Foundation (CADF) statt. Zur kommenden Saison übernimmt das Management im gesamten Radsport eine Organisation namens ITA. Das ist ein Schritt, der im vorgeblichen Kampf des Radsports um mehr Glaubwürdigkeit die Zweifel verstärkt.

Seit 2008 gibt es die CADF, als Reaktion auf die Welle an Dopingenthüllungen jener Zeit. Seit 2013 ist sie komplett unabhängig vom Rad-Weltverband (UCI). Zwar gibt es nach wie vor viele Schwachstellen und strukturelle Probleme im Kampf gegen Doping, aber die Arbeit der CADF ist allgemein anerkannt. Insbesondere trieb sie den Blutpass voran, mit dem sich auffällige Werte schneller feststellen lassen. Es gab auch investigative Ermittlungen abseits von Kontrollen; zum Beispiel zu etwaigen Kontakten von Astana-Fahrern zum berüchtigten Dottore Michele Ferrari, oder zum zuletzt erstarkten slowenischen Radsport, der im Zuge der "Operation Aderlass" um einen Erfurter Sportarzt eine auffällige Rolle spielt. Offenkundig gelang es der CADF, eine gute Zusammenarbeit mit staatlichen Ermittlern aufzubauen - und zugleich eine große Unabhängigkeit gegenüber dem Weltverband zu bewahren.

Waren dem Weltverband die Verantwortlichen von der CADF zu eigenständig?

Und dennoch - böse Zungen sagen: deswegen - beschloss die UCI vor einigen Monaten den Wechsel. Von 2021 an soll die ITA die Anti-Doping-Aufgaben übernehmen, die International Testing Agency. Diese behauptet zwar auch von sich, unabhängig zu sein, ist aber sehr eng an den organisierten Sport angedockt. 2018 wurde sie auf Betreiben der olympischen Bewegung gegründet, inzwischen ist sie für mehr als 40 Verbände tätig. Im siebenköpfigen Führungsgremium sitzen gleich drei Vertreter der olympischen Welt: Kirsty Coventry (Simbabwe) und Uğur Erdener (Türkei), beide Mitglieder des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), sowie Francesco Ricci Bitti, Präsident der Vereinigung aller Sommersportverbände. In der ITA ist ein Interessenskonflikt also immanent.

Offiziell begründete die UCI den Schritt damit, dass er dem Radsport im Anti-Doping-Kampf einige Vorteile bringe, "insbesondere wichtige Synergien in Bereichen wie Forschung, Innovation und Investigation". Doch in der Szene kursiert eine andere Begründung: Die CADF sei UCI-Chef David Lappartient zu eigenständig gewesen.

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