Süddeutsche Zeitung

Tour de France:Warum sind die Slowenen so stark?

Lesezeit: 3 min

Mit Fahrern wie Roglic und Pogacar prägt das kleine Land die Tour de France, der plötzliche Aufstieg wirft aber Fragen auf. Zuletzt waren slowenische Protagonisten in die "Operation Aderlass" verwickelt.

Von Johannes Aumüller

"Zgodovinski dan" ist eine Formulierung, an der Sloweniens Öffentlichkeit einen großen Gefallen gefunden hat, wenn es um den heimischen Radsport geht. "Historischer Tag" bedeuten diese beiden Wörter übersetzt, und in den vergangenen Jahren hat es in Sloweniens Radsport demnach ein paar historische Tage geben. Im Sommer 2017 zum Beispiel, als Primoz Roglic als erster Slowene eine Etappe bei der Tour de France gewann; oder im Herbst 2019, als Roglic als erster Slowene eine große Landesrundfahrt für sich entschied, die Vuelta a España - und zugleich das große Talent Tadej Pogacar drei Etappensiege und Gesamtrang drei schaffte.

Aber noch nie lag dieser bedeutungsschwangere Begriff so nahe wie in diesen Tagen der Tour de France. Am Dienstagabend erlebte das Peloton auf der Skistation in Orcières-Merlette seine erste Bergankunft, und aus slowenischer Sicht hätte das nicht besser laufen können: Platz eins für Roglic (Jumbo-Visma), Platz zwei für Pogacar (Team UAE). Wenn die größte slowenische Tageszeitung Delo schrieb, dass dieser Erfolg nur die "Vorspeise" für die kommenden Etappen gewesen sei, klang das nachvollziehbar.

Roglic ist dank seiner Fähigkeiten und seines starken Teams neben Vorjahreschampion Egan Bernal der große Favorit auf den Gesamtsieg und Pogacar zumindest ein Anwärter aufs Podium. Das kleine Slowenien prägt das wichtigste Radrennen der Welt - das ist der Höhepunkt einer erstaunlichen Entwicklung.

In der "Operation Aderlass" geht es auch um slowenische Fahrer

Das Land, das nur zwei Millionen Einwohner hat, ist binnen weniger Jahre zu einer der besten Radsportnationen aufgestiegen, die jede Menge Topfahrer hervorbringt. Roglic, 30, verblüfft mit der Geschichte, wie er im fortgeschrittenen Alter vom Skispringer zu einem der besten Radrundfahrer der Welt umschulte. Das Ausnahmetalent Pogacar, 21, handeln viele Beobachter als künftigen Tourchampion. Und hinter diesem herausstechenden Duo versammeln sich weitere starke Fahrer wie Jan Polanc, Matej Mohoric und Sprinter Luka Mezgec. Insgesamt fünf Slowenen bestreiten die Tour 2020 - ein Rekordwert.

Einen "kometenhaften Aufstieg" des nationalen Radsports konstatiert Delo. Aber dieses Kometenhafte ist es, das andernorts die Fragen erzeugt.

Es gab im (Rad-)Sport schon öfter Länder mit einer auffallend erfolgreichen Generation. Oft war dies von Zweifeln begleitet, so ist das auch beim slowenischen Radsport-Aufstieg. Bei ihm gibt es sogar so viele Fragen, dass der Rad-Weltverband (UCI) im Vorjahr einen erstaunlichen Schritt beschloss. Er teilte mit, er und seine Anti-Doping-Einheit CADF hätten "die Aktivitäten mehrerer slowenischer Personen, darunter Fahrer, Betreuer und Mitarbeiter des Teammanagements, sorgfältig verfolgt, um mögliche Rollen in einer Reihe verschiedener Untersuchungen zu ermitteln".

Das betraf insbesondere die Rolle von slowenischen Protagonisten in der "Operation Aderlass", den Ermittlungen deutscher und österreichischer Behörden zu einem mutmaßlichen Blutdopingring um den Erfurter Sportarzt Mark Schmidt. Im Vorjahr flogen die Slowenen Kristijan Koren und Borut Bozic (zu dem Zeitpunkt bereits Sportdirektor beim Team Bahrain) als mutmaßliche Kunden auf und erhielten Zweijahressperren. Auch andere Fährten in der Aderlass-Affäre führen nach Slowenien und ins Nachbarland Kroatien.

Seltsam, wie die UCI mit dem Thema umgeht

Laut UCI gründete der Verdacht gegen Sloweniens Radsport aber nicht nur auf der Operation Aderlass, sondern auch auf anderen Vorgängen. In der Tat sind im vergangenen Jahrzehnt weitere Slowenen wegen Dopings suspendiert worden, darunter Janez Brajkovic, früher Teamkollege von Lance Armstrong und der erste Slowene, der im Peloton Aufsehen erregte.

Allerdings ist es auch seltsam, wie die UCI mit diesem Thema umgeht. Im Frühjahr 2019 veröffentlichte sie ihren ungewöhnlichen Schritt, dass sie gegen Sloweniens Radsport ermittele. Seitdem tat sich offenkundig nichts mehr - und wer dieser Tage Fragen zum Verfahrensstand stellt, erhält keine Antworten darauf. Bei Roglic und Pogacar sind bisher noch keinerlei Hinweise auf Fehlverhalten bekannt.

In jedem Fall gibt es in Slowenien einen großen Pool an guten jungen Radsportlern - und aufgrund der überschaubaren Laufwege ein gutes Beobachtungsnetzwerk. Eine wichtige Rolle spielt etwa das Team Adria Mobil, ein Zweitligist, der unter der Verantwortung des Generalmanagers Bogdan Fink seit eineinhalb Jahrzehnten als Sammelstelle für viele junge slowenische Talente gilt. Auch Primoz Roglic erhielt dort seinen ersten Vertrag.

Eine andere wichtige Figur ist Milan Erzen, der als Trainer und Manager im slowenischen Radsport über viele Jahre vieles vorantrieb. Zuletzt war er daran beteiligt, das Team Bahrain-McLaren aufzubauen. Im Vorjahr veröffentlichte die französische Tageszeitung Le Monde eine Recherche, in der es darum ging, dass mögliche Verbindungen Erzens zur Aderlass-Affäre geprüft würden. Erzen wies jede Verstrickung stets strikt zurück: "Alle und jedwede Implikationen bezüglich meiner Involvierung an Aderlass sind absolut falsch und unbegründet." Die UCI eröffnete auch kein Verfahren gegen ihn. Erzen fügte am Mittwoch am Telefon noch an, dass er seit 2013 auch nichts mehr mit slowenischen Sportlern zu tun hatte.

Sloweniens Radsport stehen jedenfalls bemerkenswerte Tage bevor. In Frankreich wollen Roglic und Pogacar die weiteren Tour-Tage prägen; in dieser Woche stehen noch die schwere Ankunft auf dem Aigoual in den Cevennen (Donnerstag) und zwei Pyrenäen-Etappen am Wochenende an. Womöglich holt die Blutdopingaffäre den Radsport aber bald doch noch ein. Am 16. September, während der letzten Woche der Tour, beginnt in München der Prozess gegen den Sportarzt Mark Schmidt.

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SZ vom 03.09.2020/ebc
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