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Topnews:Kraft des Sports: Bahnbrecher gegen Apartheid

Hamburg (dpa) - Es gibt Ereignisse, da entfaltet der Sport enorme politische Wirkungen. Dafür steht das "Wunder von Bern", als am 4. Juli 1954 die deutsche Fußball-Nationalmannschaft mit 3:2 im WM- Finale über Ungarn triumphierte und dem zerstörten, verstörten Land ein neues Selbstwertgefühl vermittelte.

Doch es ist auch ein "Wunder von Johannesburg" geschehen. Am 24. Juni 1995 bezwang Südafrikas Rugby-Team den haushohen Favoriten Neuseeland in der WM-Verlängerung mit 15:12. Als Nelson Mandela im grün-goldenen Trikot der "Springboks" den Weltpokal überreichte, erlebte das die Regenbogennation als einen großen Moment der Versöhnung von Rassen: Der schwarze Präsident, der das sportliche Symbol der schlimmen Weißen-Herrschaft auszeichnet und damit demonstriert: Wir müssen uns gegenseitig respektieren.

Nur 15 Jahre später erhält die junge, labile Demokratie am Kap mit der Ausrichtung der Fußball-WM einen Ritterschlag. Voraussetzung dafür war die Beendigung der unmenschlichen Rassentrennung, die 1994 durch Mandelas Wahl zum Präsidenten ihren Ausdruck fand. Der Sport hat bei der Abschaffung der Apartheid als Bahnbrecher und Beschleuniger mitgewirkt und dabei gezeigt, dass er seine politischen Wirkungen längst nicht nur aus seiner Symbolik bezieht.

Zwischen 1950 und 1953 legte die Regierung der Weißen die gesetzlichen Grundlagen für die Apartheid, in dem sie die Rassen in Weiße, Schwarze, Farbige und Asiaten einteilte, für Weiße und Nichtweiße getrennte Wohngebiete vorschrieb und das gemeinsame Auftreten an öffentlichen Orten verbot. Für den Sport galten, mit Rücksicht auf das Ausland, noch gewisse Ausnahmeregeln. Das änderte sich zwischen 1956 und 1965 durch die Verschärfung von Gesetzten, die direkt auf den Sport zielten.

Gemeinsames Sporttreiben von Weißen und Nichtweißen wurde unter Strafe gestellt, untersagt wurden gemischtrassige Auswahlmannschaften. Nur weiße Nationalteams durften Südafrika repräsentieren. Jede Rasse bekam ihren eigenen Sportverband, auf den Sporttribünen gab es eigene Segmente für Nichtweiße, die in der Praxis wie Ghettos wirkten. Schwarze Weltklassesportler wie der amerikanische Tennisspieler Arthur Ashe erhielten Einreiseverbot. Als die Briten 1968 für die Wettkampfreise ihres Cricket-Teams auch einen nichtweißen Spieler nominierten, belegte Südafrikas Ministerpräsident John Vorster die Tournee mit einem Verbot.

Das Ausland reagierte mit Sanktionen. Die UNO appellierte 1968 an alle Staaten, Südafrikas Sport zu boykottieren und setzte eine Kommission zur Überwachung ein. Eine schwarze Liste geißelte jene Sportler, die in Südafrika aufgetreten oder gegen Südafrikaner angetreten waren. Darauf standen auch der deutsche Golfprofi Bernhard Langer und der österreichische Formel 1-Weltmeister Niki Lauda. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) untersagte dem Land die Teilnahme an den Olympischen Spielen in Tokio (1964) und Mexiko-Stadt (1968) und schloss es 1970 aus seinen Reihen aus. Suspendierung und Bann durch den Fußball-Weltverband FIFA erfolgten 1964 und 1976.

Als Neuseelands Regierung 1976 eine Tournee des Springbok-Teams durch das eigene Land erlaubte, weigerten sich 30 afrikanische und asiatische Länder, an den Olympischen Spielen in Montreal teilzunehmen. Sie reagierten damit auf die Weigerung des IOC, Neuseeland von den Spielen auszuschließen. Südafrikanische Weltklasse-Athleten wie die Barfuß-Läuferin Zola Budd nahmen fremde Staatsbürgerschaften an, um der Isolation zu entrinnen.

Sie führte zu einer Verwüstung der südafrikanischen Sportlandschaft und übte andererseits starken Druck aus auf die weiße politische Führung. Sie hatte den Ruf des Landes als Sportnation ruiniert. Früher als anderen gesellschaftlichen Gruppierungen gelang es dem Sport in der zweiten Hälfte der 70er Jahre, erste Rassenschranken zu überwinden. Noch vor den ersten demokratischen Wahlen 1994 war Südafrika wieder Mitglied des Weltsports, 1991 wurde es vom IOC, ein Jahr später von der FIFA aufgenommen.

So schuf der Sport im ehemaligen Apartheid-Land ein Lehrbeispiel dafür, dass er über seine symbolische Kraft hinaus politische Entwicklungen befördern und Einfluss nehmen kann auf gesellschaftliche Bedingungen. Er war einer der Bahnbrecher dafür, dass diese Fußball-WM in Südafrika ausgerichtet werden kann.

Doch neben dem Fortschritt steht auch die Begrenzung der jungen Republik auf den Weg zur Rassengleichheit. Sie wird verkörpert durch Matthew Booth. Als Fußballer hat es der hünenhafte Abwehrspieler als einziger Weißer in den WM-Kader der Bafana Bafana geschafft. Sie ist nach wie vor eine Domäne der Schwarzen. Verheiratet ist Booth mit der 30-jährigen Sonia, einer im Johannisburger Township Soweto aufgewachsenen schwarzen Schönheitskönigin und Unternehmerin. Nach 15 Jahren demokratischer Anstrengungen sind.