Toni Kroos gegen Schweden "Da hab' ich zu Marco gesagt: Hm, bin nicht überzeugt"

Toni Kroos (re.) war der entscheidende Mann in dieser höchst umkämpften WM-Partie gegen Schweden.

(Foto: REUTERS)

Toni Kroos verliert gegen Schweden auf fatale Weise den Ball, doch am Ende ist er trotzdem Mann des Abends. Hinterher erklärt er seinen Freistoß-Dialog mit Reus.

Aufgezeichnet von Martin Schneider, Sotschi

SZ: Herr Kroos, mit welchem Gefühl gehen Sie nach diesem Spiel nach Hause?

Toni Kroos: Mit einem guten, weil wir gewonnen haben. Weil wir uns belohnt haben für ein mehr als ordentliches Spiel. Wir haben sehr gut angefangen und haben in der zweiten Halbzeit guten Fußball gespielt, haben Druck gemacht, haben uns durchkombiniert und über außen flache Bälle reingespielt. Das tat den Schweden weh, denn hohe Bälle verteidigen sie gut - das war vorher klar.

Sie waren in der 95. Minute nur ein kleines Stück vom wahrscheinlichen Ausscheiden entfernt. Als Sie sich vor dem Freistoß den Ball von Marco Reus geschnappt haben, war ihnen da klar: Ich schieß' direkt aufs Tor?

Wir haben uns erstmal die Situation angeschaut - und es war über das Spiel so, dass die Schweden hohe Flanken einfach rausgeköpft haben. Dann wollte Marco erst direkt schießen. Da hab' ich zu ihm gesagt: Hm, davon bin ich nicht überzeugt. Und dann haben wir uns für den Weg entschieden, den Ball einfach nochmal kurz reinzuspielen, um einen besseren Winkel zu bekommen für den Schuss - und dann eben auch abzuziehen.

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Dann haben Sie Mats Hummels ignoriert. Der sagte gerade, er habe reingerufen: Ihr sollt flanken!

Ja, was heißt ignoriert? Ich hab' ihn nicht gehört.

Was ist Ihnen denn durch den Kopf gegangen, als der Freistoß ins Netz flog?

Natürlich große Freude ... und fünf Sekunden später hab' ich mir gedacht: Wie lange haben wir denn noch? Da kommen bestimmt noch ein, zwei lange Bälle von den Schweden. Wir waren ja einer weniger und bis auf Toni Rüdiger relativ viele kleine Leute und Schweden hat viele große Jungs. Ich hatte darauf gehofft, dass schon recht viel von den fünf Minuten Nachspielzeit rum ist. Dann kam aber nur noch ein langer Ball und den haben wir gut verteidigt.

Sie haben ein verloren geglaubtes Spiel damit umgebogen. Was kann so ein emotionaler Sieg auslösen?

Das werden wir sehen. Wir sind erstmal froh, weil dieser Erfolg sehr wichtig war. Hier nicht zu gewinnen, wäre bei der Situation in unserer Gruppe wahnsinnig schwierig gewesen für uns. Von daher hoffe ich, dass wir das gute Gefühl mitnehmen und weiterkommen.

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Von außen hat es so ausgesehen, als habe der Fehlpass vor dem 1:0 der Schweden Sie sehr gewurmt und sie hätten dann extra Gas gegeben. Täuschte der Eindruck?

Nee, der täuschte nicht. Natürlich brauchen wir nicht darüber reden, dass das 1:0 auf meine Kappe geht. Das war ein relativ einfacher Fehlpass, der mir normalerweise so nicht passiert. Aber es kommt vor. Wenn man im Spiel 400 Pässe spielt, kommen auch mal zwei nicht an und der eine hat leider zum Gegentreffer geführt. Aber dann gibt es zwei Richtungen: Entweder so ein Fehler macht Dein Spiel kaputt - oder Du versuchst alles reinzuhauen. Das hab' ich in der zweiten Halbzeit versucht.

Glauben Sie, dass der Sieg eine Initialzündung sein kann?

Ich hoffe es. Das ist natürlich eine Vorlage, um ein gutes Gefühl mitzunehmen. Jetzt sind wir erleichtert - aber am Mittwoch haben wir wieder ein K.o.-Spiel. Dann müssen wir wieder da sein.

Sie haben erst mit Sebastian Rudy und dann mit Ilkay Gündogan im Mittelfeld gespielt. In welcher Konstellation fühlten Sie sich wohler?

Für mich macht das so oder so keinen Unterschied. Sebastian hat das sehr abgeklärt gemacht in der ersten halben Stunde. Wie wir auch als Mannschaft gut begonnen haben - aber dann das Tor nicht gemacht haben. Wenn man ehrlich ist, gab es schon vor dem Gegentor komplizierte Situationen und dazu die Aktion, wo Schweden Elfmeter reklamiert hat - da hätten wir besser verteidigen können.

War es aus Ihrer Sicht ein Strafstoß?

Puh, wir haben ja heutzutage mit dem Videoschiedsrichter Überprüfungsmöglichkeiten en masse und wenn da keiner interveniert? Aus meiner Sicht ist ein Schubser da, Marcus Berg kommt zum Abschluss und wenn er den Abschluss nicht macht, ist die Chance größer, dass es Elfmeter gibt. Aber man muss ihn nicht geben.

Wie bewerten Sie Ihre Leistung bis zum Tor?

Ich hab' gefühlt 200 Ballkontakte, davon leider ein Fehlpass zum 0:1. In der zweiten Halbzeit hab' ich dann - wie erwähnt - versucht, alles reinzulegen und unsere Mannschaft anzutreiben. Ich glaube, das hat gut geklappt.

Sie haben vor den Fernsehmikrofonen sinngemäß gesagt, Sie hätten den Eindruck, einige in Deutschland hätten sich das Aus gewünscht. Wie kommen Sie darauf?

Sehr gute Frage: Ich gewöhn' es mir eigentlich immer mehr ab, nach Spielen etwas anzuschauen oder was zu lesen - wer sich da heutzutage alles zu Wort meldet und was geschrieben wird. Bei mir kommt da ein Gefühl rüber - und ich spreche jetzt nicht von den Fans, die auf die Fanmeilen gehen - dass es mehr Spaß macht, schlecht über uns zu schreiben, zu reden oder zu analysieren als anders herum. Wenn das Gefühl falsch ist, tut es mir leid, aber ich habe es ganz klar in den letzten vier, fünf Tagen gehabt. Mir ist klar geworden: Es wird uns keiner zum Titel schreiben, das muss alles von uns kommen. Wir wissen, dass wir viele Fans hinter uns haben, aber mehr Hilfe kriegen wir nicht - den Rest müssen wir selbst machen.

Glauben Sie, dass die Sicherheit, die auch gegen Schweden in manchen Situationen gefehlt hat, jetzt endgültig zurück ist?

Ich glaube, dass wir trotzdem sehr, sehr dominant waren und auch vernünftig gespielt haben. Schweden hat sich von der ersten Minute aufs Verteidigen und aufs Zeitspiel konzentriert. Aber natürlich hoffen wir, dass das jedem nochmal einen Push gibt für das Turnier.

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