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Todestag von Robert Enke:Die Nummer eins wird wieder vergeben

Heute, ein Jahr später, hat die Branche Heuchelei nicht mehr nötig. Im Sommer hat der Verein Hannover 96 die Trikotnummer Eins, die nie wieder vergeben werden sollte, dem Enke-Nachfolger im Tor aufs Hemd bügeln lassen. So stark fühlt sich der Klub, dass nun sogar ein Fernsehkrimi in den 96-Kulissen gedreht wird, der von einem ermordeten Fußballprofi handelt, der ein Doppelleben führte. Thema des Tatorts: Homophobie im Profifußball. Das sei ein Tabu, sagte 96-Chef Kind, der "gerne" das Stadion zur Verfügung stellte. Tabus wollen gebrochen werden. In jenem Stadion stand noch vor einem Jahr der Sarg eines Fußballers, der ein Doppelleben geführt hatte und sich dann das Leben nahm.

Zur Normalität um jeden Preis gehört, dass der Deutsche Fußball-Bund den Medien ankündigt, um welche exakte Uhrzeit eine Delegation des Verbandes mit Präsident Theo Zwanziger und Bundestrainer Joachim Löw an der Spitze an Enkes Grab einen Kranz niederlegen wird - um sie dann zu bitten, nicht zu erscheinen. Fernsehbilder und Fotos liefere der DFB selbst. Jahrestagsbilder.

Auch Andreas Biermann wird ihnen nicht entgehen können. Er ist heute kein Profifußballer mehr. In den Tagen nach dem Tod von Robert Enke hatte er seinem Verein, dem FC St. Pauli, offenbart, unter Depressionen zu leiden. Er hat es überhaupt erst bemerkt, als Teresa Enke die Krankheit ihres Mannes öffentlich machte. Die Angst, "Enkes Geschichte hätte meine sein können", hat ihn dazu gebracht. Bei St. Pauli wurde sein auslaufender Vertrag dann nicht mehr verlängert, andere Klubs lehnten eine Verpflichtung Biermanns ab, angeblich unter Bezug auf die Krankheit. Beruflich, sagte er, habe ihm sein Outing geschadet, menschlich aber geholfen. Letzten Samstag war er zu Gast im ZDF-Sportstudio, gemeinsam mit einem schwulen US-Basketballer. In der Sendung ging es um Tabus im Sport.

Das System Leistungssport schreibt vor, dass nur die beste Leistung den höchsten Ertrag bringt. Das wird sich nie ändern. Das System Leistungssport verbietet aber nicht einen menschlichen Umgang mit denen, die nicht die Besten sind. In Bremen gibt es gerade eine zwar unbeholfen geführte, aber gut gemeinte Auseinandersetzung über den Spieler Mikael Silvestre, der von den eigenen Fans ausgepfiffen wird. Erlaubt oder verboten? Und in München hat Uli Hoeneß, der alte Menschenfreund, in einem seiner Meinung nach passenden Moment daran erinnert, doch bitteschön auch mit den Leuten aus der zweiten Reihe gut umzugehen.

Der Gedanke wäre geeignet gewesen, ihn für einen Moment der Stille wirken zu lassen. Er versank im Getöse zurückgekehrter Normalität.

© SZ vom 10.11.2010/ebc

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