Tennis:Hinter Kerber klafft die Lücke

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Billie Jean King Cup - Finals

Angelique Kerber im Spiel gegen die Tschechin Barbora Krejcikova.

(Foto: REUTERS)

Bei den Niederlagen im Billie Jean King Cup zeigen sich die Probleme im deutschen Frauentennis. Abseits der etablierten Kräfte fehlen nachrückende Spitzenspielerinnen. Für einen Lichtblick in Prag sorgt das Duo der Debütantinnen.

Von Barbara Klimke

Spät am Abend, als die Niederlage feststand und Angelique Kerber gefasst und auch ein wenig betrübt vor den Mikrofonen saß, wurde sie um einen abschließenden Rat für die Debütantinnen von Prag gebeten. Die Antwort kam so schleunig, nachdrücklich und direkt wie ein Passierball Kerbers gegen Olympiasiegerin Belinda Bencic aus der Schweiz eine Stunde zuvor. "Geduldig sein, hart an sich arbeiten", gab sie zurück. Darauf komme es an. Die Gelegenheit zu nutzen, mit vielen Leuten zu sprechen, von Kleinigkeiten zu lernen, auch das sei hilfreich. Entscheidend sei die Bereitschaft, Beschwernisse hinzunehmen: "Harte Arbeit zahlt sich aus."

Kerber hat sich selten geschont zwischen den weißen Linien. So brauchten die Neuankömmlinge im deutschen Tennisnationalteam, Jule Niemeier, 22, und Nastasja Schunk, 18, beim Billie Jean King Cup - wie die der Traditionswettbewerb Fed Cup seit Neuestem heißt - auch nicht den Blick durch die Prager Halle schweifen lassen, um ein vitales Beispiel für das Kerbersche Arbeitsethos zu entdecken: Es saß im Zweifelsfall direkt neben ihnen.

Kerber ist stolz auf ihr "unglaubliches halbes Jahr"

Den einzigen Sieg in den beiden Länder-Duellen gegen Tschiechen (1:2) und die Schweiz (0:3) hat Kerber für die Auswahl des Deutschen Tennis Bundes verbucht, als sie am Montagabend die French-Open-Siegerin Barbora Krejcikova in drei Sätzen niederrang, ehe sie einen Tag später gegen Bencic 7:5, 2:6, 2:6 verlor. Vor allem aber hat sie zuletzt den wuchtigen Nachweis geführt, dass sie auch im Alter von 33 Jahren mit den besten Haudraufs ihrer Szene mithalten kann.

Angelique Kerber war 17 Jahre jung, als sie ihre Premierenvorstellung in der DTB-Auswahl erlebte, 2005 gegen Kroatien, wie sie sich gut erinnert. Damals spielte sie Tennis für den Regionalligisten TG Alsterquelle-Henstedt-Ulzburg. Sechzehn Jahre und drei Grand-Slam-Siege später hat sie sich nach langen, wenig erquicklichen Monaten gerade erst wieder in die ersten Zehn der Weltrangliste hochgerackert. In dem "unglaublichen halben Jahr", das hinter ihr liegt, verbuchte sie den ersten Turniersieg seit langem bei dem vor ihr selbst mit organisierten Wettbewerb in Bad Homburg. Sie hat auf dem Wimbledon-Rasen noch einmal im Halbfinale brilliert, "gute Spielerinnen geschlagen" und sich "wieder oben bei den Top-Leuten" etabliert, wie sie in ihrer Saisonbilanz schlüssig darlegte. Auch beim Abschied aus Prag verwies sie noch einmal auf "das Positive": auf ihren Eindruck, dass das Debüt der Nachwuchskräfte Niemeier und Schunk sehr vielversprechend verlaufen sei.

Billie Jean King Cup - Finals

Nur zwei Punkte fehlten zum Sieg: Die 22-jährige Jule Niemeier aus Dortmund (links neben Anna-Lena Friedsam) zeigt in Prag temperamentvolle Furchtlosigkeit.

(Foto: David W. Cerny/REUTERS)

Das generelle Fazit von Teamchef Rainer Schüttler klang unmittelbar nach dem verpassten Halbfinale und den Niederlagen gegen bessere Mannschaften mindestens eine Oktave grimmiger: "Wir sind hierher gekommen, um gut zu spielen und zu gewinnen. Und wenn wir zwei Mal verlieren, dann sind wir mit Sicherheit nicht happy." Auch er aber dürfte mit dem Auftritt der Jüngsten zufrieden gewesen sein, die er jeweils für die Doppel nominierte.

Jule Niemeier besticht durch temperamentvolle Furchtlosigkeit

Die 22-jährige Jule Niemeier aus Dortmund wird derzeit nach zwei Halbfinal-Teilnahmen in Straßburg und Hamburg auf Position 134 der Weltrangliste geführt. Sie bestach in Prag an der Seite der erfahrenen Anna-Lena Friedsam, 27, durch eindrucksvoll zur Schau getragene temperamentvolle Furchtlosigkeit. Bei der Niederlage im ersten Gruppenspiel gegen Tschechien drosch das neuformierte Tandem dem Weltklasse-Duo Katerina Siniakova/Lucie Hradecka zeitweise die Bälle um die Ohren und gab sich erst im Match-Tiebreak geschlagen; zwei Punkte fehlten zum Sieg.

"Spielerisch ist sie für mich eine absolute Top-20-Spielerin. Das sage ich ihr jeden Tag sieben Mal", berichtete Andrea Petkovic, 33, die ihre beiden Einzel verlor. Über welche Anlagen die zweite Debütantin, die 18-jährige Nastasja Schunk, verfügt, weiß das tennisinteressierte Publikum spätestens seit dem Sommer, als sie im Finale des Juniorinnenturniers von Wimbledon stand. Mutmaßungen, wonach es sich bei dem Auftritt der beiden um eine Bereicherung der unverhofften Art für das deutsche Frauentennis gehandelt haben könnte, wies Schüttler jedoch zurück: "Die Talente, die wir hier haben, kennen wir schon einige Zeit. Die sind jetzt nicht hier neu entdeckt worden."

Billie Jean King Cup 2021 Finals, O2 Arena, Prag, Team Germany, Anna-Lena Friedsam und Nastasja Schunk, Damen Doppel Te

Zweite Debütantin beim Billie Jean King Cup: Nastasja Schunk hat schon das Finale des Juniorinnenturniers von Wimbledon erreicht.

(Foto: Juergen Hasenkopf /Hasenkopf/imago)

Ebenfalls seit einiger Zeit ist bekannt, dass im Tennis-Frauenkader hierzulande eine große Lücke klafft hinter Kerber, Petkovic und der derzeit verletzten Laura Siegemund, ebenfalls bereits 33 Jahre alt. Dies wird besonders deutlich, wenn Petkovic am Ende einer strapaziösen Saison, in der sie sich den ersten Turnersieg seit Jahren sicherte und die Weltranglistenposition 78 zurückeroberte, die Kräfte schwinden. Ihr Körper habe bei der Niederlage gegen die Schweizerin Viktorija Golubic (4:6, 5:7) zwanzig Minuten gebraucht, um "in Schwung zu kommen", sagte sie, "da spüre ich dann schon mein Alter". Auch Kerber musste eine Behandlungspause für den Rücken nehmen. Die Nachfolgegeneration wird momentan hauptsächlich von Anna-Lena Friedsam vertreten. Und so ruhen die Hoffnungen im Verband nun auf den Jüngsten, die allesamt noch einen arbeitsreichen Weg vor sich haben.

Insofern war eine der positiven Botschaften für den DTB aus Prag, dass sowohl Kerber als auch Petkovic gewillt sind, noch ein Jahr dranzuhängen an ihre Karrieren. Falls jemand nach Vorbildern für Arbeitsethos sucht, muss er also auch weiterhin nicht sehr weit schauen.

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