Stanley-Cup-Finale:Der Willen-und-Mut-Moment

2021 NHL Stanley Cup Final - Game Four

Tor des Willens: Josh Anderson freut sich auf dem Rücken liegend über sein Entscheidungstor für Montréal in der Verlängerung. Teamkollege Jeff Petry jubelt mit.

(Foto: Mark Blinch/AFP)

Die Montréal Candiens verkürzen mit einem 3:2 nach Verlängerung die NHL-Finalserie gegen die Tampa Bay Lightning - und säen wie schon zuvor in den Playoffs Zweifel beim Gegner.

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Jetzt, im Nachhinein, wenn man sich das noch mal in Ruhe ansieht, da ist natürlich völlig klar, dass Josh Anderson ein Tor erzielen würde. Der Stürmer der Montréal Canadiens stibitzte im eigenen Drittel den Puck, steckte seinen Kopf zwischen die Schultern und marschierte wild nach vorne; an einem Gegenspieler von Tampa Bay Lightning vorbei, an einem zweiten. Kurz vor dem gegnerischen Tor verlor er das Spielgerät, wurde heftig gegen die Bande gecheckt; doch das hielt ihn nicht auf. Er hechtete heldenhaft zurück und schubste den Puck im Fallen ins Tor. Dieses 3:2 in der Verlängerung war ein Tor des Willens, vielleicht auch der Wut. Es steht nun nur noch 1:3 in der Best-of-seven-Finalserie der Eishockeyliga NHL, und in den Köpfen der Lightning-Akteure könnte sich nun der Zweifel einschleichen, dieser miese Verräter.

Es war eine Partie, die der Titelverteidiger aus Tampa Bay niemals hätte verlieren dürfen. 34:21 war die Schussbilanz, und am Ende der regulären Spielzeit bekam Shea Weber, Verteidiger der Canadiens, eine Vier-Minuten-Zeitstrafe aufgebrummt; knapp drei Minuten davon wurden in die Verlängerung übertragen. Wer das Lightning-Power-Play kennt, ahnte, dass Partie und Finalserie nun wohl vorbei sein würden: Sie spielen sich den Puck derart sicher zu, wie man es nur in Computerspiel-Simulationen sieht, sie kreieren damit zahlreiche Gelegenheiten, und irgendwann, da klingelt es eben. Am Montagabend jedoch überstand Montréal auch wegen des famosen Torhüters Carey Price (er hielt in den vier Minuten fünf Schüsse) diese Unterzahl, gleich danach hatte Anderson diesen Willen-und-Wut-Moment.

Die Bürgermeisterin von Tampa Bay motivierte die Canadiens mit ihren arroganten Aussagen zusätzlich

Wut deshalb, weil sich Jane Castor, die Bürgermeisterin von Tampa Bay, genau dieses Ergebnis gewünscht hatte. "Mir würde es gefallen, wenn Lightning ein bisschen lockerer spielen und die Canadiens in deren Halle gewinnen lassen würde", hatte sie gesagt: "Dann sollen sie den Stanley Cup daheim gewinnen." Schlimmer als ein 0:3-Rückstand und komplette Chancenlosigkeit ist nur arrogantes Mitleid wie dieses. Es kann erstaunliche Kräfte freisetzen bei einem Team, das sich mit den wenigsten Punkten für die Playoffs qualifiziert, stets als Außenseiter gegolten und schon in der ersten Runde mit 1:3 zurückgelegen hatte. Es ist die typische Cinderella-Story, die es in der NHL viel häufiger gibt als in den anderen Best-of-seven-Sportarten, das ist sogar statistisch belegt.

Montréal spielt nicht so spektakulär wie Tampa Bay, aber das müssen sie nicht; das können sie nicht und konnten es auch auf dem Weg ins Finale nicht. Was sie aber können, und das nahe der Perfektion: den Gegner nerven, immer wieder sticheln und dann präzise und heftig zuschlagen. In Nordamerika vergleichen sie das mittlerweile mit der legendären Rope-a-dope-Taktik des Boxers Muhammad Ali gegen George Foreman. Nur sah die Finalserie bislang eher so aus, als würde Cinderella im Ring stehen - gegen Foreman, Sonny Liston und Joe Frazier gleichzeitig. Die Resultate genügen, um zu wissen, was los war: 5:1, 3:1, 6:3.

Die vierte Partie lief ein wenig anders: Zum ersten Mal in der Serie gingen die Canadiens in Führung, zwei Mal gar, doch am Ende wirkten sie nach den Ausgleichstreffern von Tampa Bay ratlos, frustriert, ausgelaugt. Es brauchte also diese Wut- und Willen-Aktion von Anderson, damit die Saison doch nicht vorbei ist, sondern am Mittwoch in Tampa Bay weitergeht. Lightning ist nach wie vor der große Favorit, doch wenn diese Playoffs eines gezeigt haben, dann dies: Man sollte Montréal nicht abschreiben, und man sollte sie keinesfalls öffentlich bemitleiden.

© SZ/sewi/sjo
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