Stade Brest in Frankreich:Gemüsehändler düpiert Oligarch

Stade Brest in Frankreich: Bretonisches Kollektiv: Mahdi Camara (re.) bejubelt eines seiner drei Tore beim 3:0 in Straßburg am vergangenen Freitag gemeinsam mit seinen Kollegen.

Bretonisches Kollektiv: Mahdi Camara (re.) bejubelt eines seiner drei Tore beim 3:0 in Straßburg am vergangenen Freitag gemeinsam mit seinen Kollegen.

(Foto: Sébastien Bozon/AFP)

Stade Brest liegt nach 23 Spieltagen in Frankreich auf Rang zwei und verblüfft die Konkurrenz. Dabei haben die Bretonen nur wenig bekannte Spieler, einen Mini-Etat und einen Coach, der elf Jahre lang keine Mannschaft trainiert hat.

Von Stefan Galler

Womöglich wusste Gennaro Gattuso bis vor kurzem noch gar nicht, wo das französische Städtchen Brest liegt. Seit knapp zwei Wochen dürfte es dem italienischen Fußballweltmeister von 2006 klar sein, schließlich endete dort, im äußersten Westen der Bretagne, sein Engagement als Trainer von Olympique Marseille. Mit 0:1 verlor seine Mannschaft durch ein spätes Gegentor gegen den kleinen Klub aus der Hafenstadt, Gattuso wurde daraufhin entlassen, nach nicht einmal fünf Monaten Amtszeit.

OM ist nicht der einzige große Klub im französischen Fußball, der in dieser Saison die Stärke des Außenseiters zu spüren bekommen hat. Stade Brest liegt nach 23 von 34 Spieltagen mit 43 Punkten auf dem zweiten Tabellenplatz, mit elf Punkten Rückstand zwar auf Dauer-Meister Paris Saint-Germain, aber vor dem gesamten prominenten Rest der Belegschaft, Monaco, Nizza, Lille, Lens und Rennes. Und satte zehn Punkte vor Marseille, sogar 15 vor Lyon.

Und das, obwohl der Traditionsklub, der seit 2019 wieder der obersten Spielklasse angehört, nur den viertniedrigsten Etat der Ligue 1 aufweisen kann - 48 Millionen Euro beträgt das Budget der Brestois in dieser Saison. Zum Vergleich: Die AS Monaco, die dem einstigen russischen Oligarchen Dmitrij Rybolowlew gehört, gibt 205 Millionen aus, die von US-Geldgebern bestimmten Olympique Lyon und Marseille 220 beziehungsweise 270 - und das vom Emirat Katar finanzierte PSG satte 700 Millionen Euro. Auch Stade Brest hat einen Mehrheitsaktionär, 51 Prozent der Anteile hält Klubpräsident Denis Le Saint. Gemeinsam mit seinem Bruder Gérard führt er das Familienunternehmen "Le Saint Fruit et Légumes", die Brüder sind damit französischer Marktführer beim Vertrieb von Obst und Gemüse mit einem Jahresumsatz in Höhe von knapp 100 Millionen Euro.

"Der schwierigste Teil für uns beginnt jetzt", sagt Trainer Eric Roy

Trotz vergleichsweise beschränkter finanzieller Mittel schafft es Brest, die Konkurrenz immer wieder zu düpieren: Seit zwölf Spielen ist das Team nun in der Liga unbesiegt, davon wurden acht gewonnen. Trainer Eric Roy, 56, gilt als Vater des Erfolgs. Und das, obwohl er vor seinem Amtsantritt bei Brest im Januar 2023 über elf Jahre lang kein Traineramt innehatte - er war in dieser Zeit Sportdirektor in Nizza, Lens und beim FC Watford, arbeitete bei verschiedenen Sendern als Fernsehexperte. Dass er das Team innerhalb eines Jahres vom vorletzten auf den zweiten Tabellenrang geführt hat, nimmt der frühere Profi gelassen: "Ich weiß nicht, ob wir in dieser Saison die Überraschungsmannschaft sind. Was ich weiß, ist: Der schwierigste Teil für uns beginnt jetzt. Wir werden nun nicht mehr unterschätzt."

Stade Brest in Frankreich: Gemüse-Mogul und Klubpräsident: Denis Le Saint.

Gemüse-Mogul und Klubpräsident: Denis Le Saint.

(Foto: Anthony Bibard/imago/PanoramiC)

Auch Sportdirektor Grégory Lorenzi, 40, hält sich mit kühnen Prognosen zurück. "Ob wir am Ende der Saison noch oben dabei sein werden, ist schwer zu sagen, da noch elf Spiele ausstehen", sagte er in einem Interview mit L'Équipe zu Beginn der Woche. Und er stellte klar: "Wir mögen individuell nicht die Qualität wie andere haben, die über mehr Ressourcen verfügen. Aber wir haben kollektive Stärke, wir sind ein echtes Team."

Bekannte Namen sucht man im Kader vergeblich, dennoch weckt der erfolgreiche Underdog Begehrlichkeiten. Nachdem im vergangenen Sommer Mittelfeldspieler Franck Honorat für acht Millionen Euro zu Borussia Mönchengladbach gewechselt war, konnte diesen Winter der Kader zusammengehalten werden - obwohl etwa an Verteidiger Lilian Brassier, 24, unter anderem der VfB Stuttgart Interesse angemeldet haben soll. Für Mittelfeldlenker Pierre Lees-Melou, 30, lag gar ein 14-Millionen-Euro-Angebot vom bretonischen Rivalen Stade Rennes vor. Doch die Verantwortlichen blieben standhaft.

Stade Brest in Frankreich: Vater des Erfolgs: Trainer Eric Roy führte Brest in der vergangenen Saison vom vorletzten Platz zum Klassenerhalt und klopft mit seinem Team nun an die Tür zum Europapokal.

Vater des Erfolgs: Trainer Eric Roy führte Brest in der vergangenen Saison vom vorletzten Platz zum Klassenerhalt und klopft mit seinem Team nun an die Tür zum Europapokal.

(Foto: Federico Pestellini/IMAGO/PanoramiC)

Lees-Melou steckte es offensichtlich gut weg, dass er eben nicht in den Genuss des drei- bis viermal so hohen Gehalts kam, das er in Rennes hätte einstreichen können - er entschied zuletzt die Partie gegen Marseille. Weitere Stützen im Team sind der niederländische Torwart Marco Bizot, ehemals Stammkeeper bei AZ Alkmaar, Hugo Magnetti, nimmermüder Arbeiter im Mittelfeld, sowie sein Nebenmann Mahdi Camara, der beim 2:2 im Pariser Prinzenpark im Januar einmal und beim jüngsten 3:0-Erfolg in Straßburg am Freitag gar dreimal traf.

Franck Ribéry startete hier einst seine Profikarriere - und stieg mit Brest in die zweite Liga auf

Doch was tun, wenn tatsächlich die Europapokal-Qualifikation gelingt? Das heimische Stade Francis-Le-Blé bietet nur 14 000 Zuschauern Platz, François Cuillandre, seit 20 Jahren Bürgermeister der 139 000-Einwohner-Stadt, hat bereits angekündigt, dass eine neue Arena nicht infrage komme: "Das brauchen wir nicht, nur weil einmal im Jahr Marseille und PSG bei uns spielen." Für den internationalen Wettbewerb könne man ja nach Lorient oder Guingamp ausweichen, schlug der sozialistische Politiker vor.

Der Verein Stade Brest hat in den vergangenen gut 30 Jahren eine bemerkenswerte Entwicklung genommen: 1991 musste man Insolvenz anmelden, 1997 hatte man gerade mal zwei Angestellte, heute sind es fast 150. In Brest wurden spätere Nationalspieler wie David Ginola oder Paul Le Guen geformt, Franck Ribéry absolvierte hier 2003/04 seine erste Profisaison und stieg mit Stade Brest als Zweiter der dritten Liga in die Ligue 2 auf, ehe er zum Erstligisten Metz wechselte.

Mittlerweile klopft Stade Brest an die europäische Tür, eine immer noch ungewohnte Situation für den einstigen Abstiegskandidaten. Oder, wie es Sportdirektor Lorenzi ausdrückt: "Letztes Jahr haben wir dafür gebetet, dass die Großen die Kleinen schlagen, diese Saison ist es andersherum."

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