Fußball-Regionalliga:Ein Hexenkessel voller Bratwürste

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Fußball-Regionalliga: 196 Gründe für Hankofens Heimstärke: die Tribüne des Klubs aus der Nähe von Straubing.

196 Gründe für Hankofens Heimstärke: die Tribüne des Klubs aus der Nähe von Straubing.

(Foto: Stefan Ritzinger/Imago)

Aufsteiger SpVgg Hankofen-Hailing holt die meisten Punkte zu Hause. Die Dorfklubs haben in der Regionalliga Bayern aber nicht nur wegen der Atmosphäre Standortvorteile.

Von Christoph Leischwitz

Auf die Wiesn? "Naa, viel zu teuer", sagt einer im Vereinsheim. Das sehen im niederbayerischen Hankofen nahe Straubing offenbar viele so, jedenfalls ist das Stadion der SpVgg voll am Tag der Deutschen Einheit. Hier geht man noch auf den Fußballplatz, nicht zu einem Event, mehr als 900 Besucher sind gekommen. Für den Gegner SV Heimstetten aus dem Münchner Speckgürtel eine unerreichbare Zahl, auch in Zeiten ohne Oktoberfest. Laut Hankofens Stadionsprecher ist die Wiesn ja auch voll mit Touristen, "die kein Interesse an Blasmusik haben", deshalb gibt's in der Halbzeit beim Spiel gegen den SV Heimstetten: Blasmusik, aus der gerade neu installierten Lautsprecheranlage. Und nach dem Spiel: Bon Jovi.

Lokalkolorit? Ländlicher Stolz gar? Natürlich, warum nicht. In Hankofen sind einige Baseballmützen mit der Beflockung "Dorfbuam" zu sehen, dem Claim der Fußballmannschaft, die vergangene Saison erstmals in die höchste Amateurklasse aufstieg. Die Regionalliga Bayern lebt von ihren Unterschieden. Einerseits das Grünwalder Stadion (FC Bayern II) oder die Rosenau (FC Augsburg II). Andererseits wissen die Profiklubs wie die Würzburger Kickers oder die SpVgg Unterhaching genau: Meister wird man in Bayern nur auf dem Weg über die Dörfer. Also mit der Einstellung, Außenseiter ernst zu nehmen. Übrigens ganz anders als in anderen Regionalligen, wo Traditionsteams wie Alemannia Aachen und Rot-Weiß Oberhausen das Gesicht prägen.

Vielleicht muss man in Bayern sogar noch einen Schritt weiter gehen als Favorit. Und anerkennen, dass man es überhaupt nicht mehr am Ambiente festmachen kann, ob jemand Außenseiter ist.

Hankofen schlägt diesmal den SV Heimstetten knapp, aber verdient 1:0. Allein bei der Pressekonferenz im großen Saal, rechnen sie hier stolz vor, sind mehr Leute, als in Oberbayern zu einem Ligaspiel kommen. Jeder Gästetrainer, der hier das Mikro in die Hand nimmt, muss sich vor dem überdimensionalen Aufstiegsfoto postieren, das an der Stirnseite hängt. Trainer Harry Ketterl ist darauf zu sehen, liegend und lachend, übergossen mit Bierschaum. "Und, geht's heut noch auf die Wiesn?", wird Heimstettens Trainer Christoph Schmitt gefragt. Der wüsste nicht, wieso. Der SVH ist Tabellenletzter, elf Spieler fehlten erkrankt oder verletzt. Immerhin bekam Schmitt, wie jeder Gästetrainer in dieser Saison, von einem Sponsor der SpVgg ein passendes Geschenk überreicht, einen Akkubohrschrauber.

"Die Haupttribüne hat 196 Sitzplätze, 175 haben wir als Jahreskarten verkauft."

"Die Haupttribüne hat 196 Sitzplätze. 175 haben wir als Jahreskarten verkauft", erzählt Sportchef Richard Maierhofer, während er mit einer Halben in der Hand den Sieg genießt. Seine Familie hat jene Tribüne gebaut, hier kennt jeder jeden, man hält zusammen, im Wortsinn. Auf der Gegengeraden, zwischen Spielfeld und einem kleinen Bächlein, drängen sich um 14 Uhr auch schon gut 200 Zuschauer, wegen des Andrangs erfolgt der Anpfiff ein paar Minuten später. Hinter dem Tor hauen Kinder auf die Werbebande, wenn der Ball in Tornähe kommt. Stress bekommt der Gegner hier von jeder Seite. Hankofen steht in der Auswärtstabelle nur auf Rang 15 (trotz eines Remis in Würzburg und eines Siegs in Unterhaching) - in der Heimtabelle auf Rang drei.

Nach einer halben Stunde: rote Karte für den Heimstettner Mohamad Awata. Riesenempörung, als er sich den Ball zu weit vorlegt und sowohl er als auch Gegenspieler Andreas Wagner ineinander grätschen, Wagner schreit wie am Spieß, die Zuschauer brüllen. Man kann es nicht beweisen, aber auf einem anderen Platz mit weniger Protesten von der Seite hätte es vielleicht Gelb gegeben.

Die Regionalliga ist 2022 noch ländlicher geworden. Memmingen und Rosenheim stiegen ab, dafür jetzt Vilzing und Hankofen. Doch die Hexenkessel mit ihrer zünftigen Stimmung, wie auch in Buchbach (3200 Einwohner) oder bei den erfolgreichen Aubstädtern (700 Einwohner), sind nur einer von vielen Gründen, warum sich diese Teams so lange in der Liga halten oder auch mal unter den besten Fünf landen. "Wir leben von den umliegenden NLZ's", sagt Trainer Ketterl. Die Nachwuchsleistungszentren in ganz Niederbayern stehen dem Team jetzt ziemlich exklusiv zur Verfügung, ähnlich wie den Aubstädtern die Region Nürnberg-Fürth-Erlangen oder dem FC Pipinsried der Raum München. Denn: "Jetzt spielt sogar Schalding unter uns", sagt Ketterl über den großen Lokalkonkurrenten, der vergangene Saison abstieg.

Auf dem Land ergibt es für Sponsoren oft noch Sinn, sich für den wichtigsten Sportverein ins Zeug zu legen

Ketterl ist 62 Jahre alt. Der zweite Trainer Tobias Beck, der auch noch spielt, ist 27. Die beiden haben eine erfolgreiche, taktisch originelle Mischung aus spielerischen und kämpferischen Elementen entwickelt, die Mannschaft kommt ohne Stars aus und ist variabel genug, um Favoriten zu ärgern und gegen Kellerkinder mit dem viel gerühmten Arbeitssieg zu punkten. Natürlich hat das Trainerduo nicht nur den bestehenden Kader besser gemacht, sondern neue Spieler hinzugewonnen. Wie zum Beispiel Lukas Mrozek. Eigentlich hatten sie in der Abwehr keinen Bedarf mehr, aber nach zehn Minuten im Probetraining war klar: Der 19-Jährige von der SpVgg Greuther Fürth ist ein Zugewinn. Eine Win-win-Situation, denn das Talent kommt in Hankofen auf viel Einsatzzeit.

Doch so sehr es heute für junge Spieler bedeutsam ist, möglichst hochklassig zu spielen: Ein bisschen was muss man ihnen auch bezahlen, das ist aus jedem Dorfklub zu hören. Das Dorf hat manchmal tatsächlich einen Standortvorteil. Denn auf dem Land ist es für Sponsoren oft noch sinnvoll, sich für den wichtigsten Sportverein ins Zeug zu legen, im Gegensatz zum Groß- oder Vorstadtklub. Und gegen Heimstetten laufen so viele Zuschauer mit Bratwurstsemmeln in der Hand herum, dass sie vermutlich allein über den Verkauf am "Holzhäusl" schon wieder einen Spieler finanzieren.

Heimstettens Trainer Schmitt ist seit 2017 Cheftrainer, zuvor hat er drei Jahre in der Regionalliga gespielt. Er ist also schon oft über die Dörfer gereist im ewigen Kampf um den Ligaverbleib, und er sagt über Hankofen: "Es macht unglaublich Spaß zu sehen, was die hier runterreißen für so einen kleinen Verein." Allerdings hätte er sich diesmal "ein Stück mehr Solidarität" gewünscht: Weil so viele Spieler fehlten, hatte er gebeten, das Spiel zu verschieben. Aber das ist eben auf dem Land ein großes Problem: Die Würstl sind bestellt, die Karten verkauft - für das nächste Heimspiel gegen den FC Bayern II schon knapp 2000. Hier ein Spiel abzusagen, das wäre ein bisschen so, als würde man anderswo das Volksfest absagen.

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