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Spaniens WM-Aus:Sturz des überforderten Hegemons

Spain v Chile: Group B - 2014 FIFA World Cup Brazil

Ende der Brasilien-Reise: Javi Martinez und Sergio Ramos

(Foto: Getty Images)

Nie gesehene Fehlpässe, böse Fouls, körperliche Überforderung: Weltmeister Spanien verliert krachend gegen Chile - und fliegt viel zu früh von Brasilien aus in den Urlaub. Noch im Maracanã-Stadion beginnt die Debatte, wie es weitergehen soll mit den ehemaligen Helden.

Wie wohl Joachim Löw diesen Schlag aufnimmt? Die großen Spanier, sein Vorbild, sie sind raus. Hat er sie nicht stets mit Wonne beobachtet, sie analysiert und beobachtet, wie das geht: absolute Spielkontrolle, den Zufall des Spiels reduzieren, die Titel abräumen. Erst kürzlich war der Bundestrainer befragt worden, ob der Titelverteidiger seinen Zenit überschritten habe. "Diese Meinung teile ich keineswegs", hatte Löw erklärt, "ich glaube, dass die Spanier den Hunger haben, den Titel zu verteidigen. Die Qualität des spanischen Fußballs, von den einzelnen Spielern, ist extrem hoch."

Dem Bundestrainer zu widersprechen ist selbstredend keine Option - und so ganz unrecht hatte Joachim Löw mit seinen Ausführungen ja auch keineswegs. Dennoch sind diese extrem hoch qualifizierten Spieler die ersten, die von der WM in Brasilien aus in den Urlaub fliegen. Spanien, der Hegemon im Weltfußball der vergangenen sechs Jahre, hat seine ersten zwei Partien krachend verloren und scheidet aus.

"Spanien war die Titanic", titelte die Zeitung El País, laut Mundo Deportivo verabschiedet sich die Mannschaft "durch die Hintertür": Das Sportblatt Marca schrieb: "Zerschmettert! - Vom Himmel in die Hölle. Es war schön, aber im Leben ist alles irgendwann vorbei."

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Weltmeisterlich gescheitert: Titelverteidiger Spanien verliert auch sein zweites Gruppenspiel gegen Chile - und scheidet nach einem 0:2 bereits in der Vorrunde aus. Gegen die geschickten Südamerikaner offenbart sich einmal mehr, dass die Selección nicht mehr genügend Wucht entwickeln kann. Damit ist eine Ära fürs Erste vorbei.   Von Peter Burghardt

Der Titelverteidiger war nach dem desaströsen 1:5 gegen die Niederlande erheblich unter Druck gestanden. Gegen Chile musste ein Sieg her, um in Gruppe B noch Aussicht auf das Achtelfinale zu haben. Selbst ein Unentschieden wäre ob des schlechten Torverhältnisses wohl zu wenig gewesen. Von wegen Sieg! Spanien erlebte sein Maracanazo. In Brasilien wird mit diesem Wort an die völlig unterwartete Niederlage im letzten WM-Spiel 1950 in Rio gegen Uruguay und dem dadurch verlorenen Titel gedacht. Nun also wieder Maracanã, diesmal hat es Spanien erwischt.

Schon nach dem Holland-Debakel hatte die Fußballwelt diskutiert, ob denn nun die Ära der unbesiegbaren Xavi-Generation vorbei ist. Und ob Vicente del Bosque die Mannschaft umstellen würde, um noch irgendwie das Turnier zu retten. Nun, der Trainer rang sich zu zwei Änderungen durch: Javi Martínez vom FC Bayern rückte für Gerard Piqué in die Abwehr. Pedro Rodriguez ersetzte Xavi Hernández. Tatsächlich: Der geniale Xavi, das Hirn und Herz der Passmaschine, saß auf der Ersatzbank. Vielleicht hatte der 34-Jährige selbst erkannt, dass er für den Power-Fußball dieser Gegner nicht mehr geschaffen ist.

Doch del Bosque hätte noch viel mehr verändern müssen, hätte er gegen diese Chilenen eine Chance haben wollen. Bisweilen sah es wieder ganz nett und manchmal sogar zielstrebig aus, was die Spanier boten. Doch gegen die ständigen Attacken der Chilenen wirkten einige körperlich überfordert. Die Saison in Spanien war lang gewesen, Real und Atlético standen im Champions-League-Finale, einige Profis wirkten ausgelaugt. Vor allem Xabi Alonso, 32-jähriger Mittelfeld-Papa von Real Madrid. Das 0:1 leitete er mit einem Fehlpass ein, er zeigte nie gesehene Zuspielfehler, schlug Freistoß-Flanken ins Nirgendwo und foulte einmal böse seinen Gegenspieler Isla. Seine Auswechslung in der Halbzeit war überfällig, sie kam zu spät.