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Spaniens Triumph im EM-Finale:Zum Fürchten gut

Fade Kurzpasskreisel als Selbstzweck? Eine satte Generation? Nicht so gut wie noch 2008? Spaniens Nationalmannschaft liefert mit einem spektakulären 4:0 im Endspiel gegen Italien allen Kritikern eine deutliche Antwort.

Während er sprach, hielt Sergio Ramos in der linken Hand den Pokal an einem der Henkel fest. Lässig sah das aus, wie der zehn Kilogramm schwere Coupe Henri Delaunay so neben seinem Knie baumelte, als wäre er einer dieser aufblasbaren Gummipokale. "Wir können das nun genießen. Bei der Krise, die unser Land durchstehen muss, können heute alle einmal wieder stolz darauf sein, Spanier zu sein."

EURO 2012 - Spanien - Italien

Sehr gut, gut, überragend, ausgezeichnet, exzellent: So könnte ein Abschlusszeugnis für Spaniens Nationalspieler nach dieser EM aussehen.

(Foto: dpa)

Der Verteidiger von Real Madrid schlug die Brücke zwischen den wirtschaftlichen Problemen in der Heimat und dieser Nacht in Kiew. Diese Brücke ist immer ein wenig fadenscheinig, denn was hilft es schon einer notleidenden Familie in Andalusien, wenn hier ein paar Fußballer ein Spiel gewinnen. Doch Ramos, ein waschechter Andalusier, war sich sicher, dass diese Mannschaft dem Land ein bisschen Würde zurückgeben konnte.

Und welche Mannschaft hätte das je von sich behaupten dürfen, wenn nicht diese: 4:0 im Finale der Europameisterschaft gegen Italien, der dritte große Titel in Folge nach der Weltmeisterschaft 2010 und der EM 2008 - noch nie zuvor in der Geschichte des Fußballs hat ein Verband das geschafft. "Heute haben wir ein Rendezvous mit der Geschichte, mit unserem Land. Alle, die das Spiel gesehen haben, können stolz sein auf Spanien", wiederholte Ramos.

Dabei hätten die Mitspieler ihm diese Trophäe niemals anvertrauen dürfen. Hatte er nicht vor einem Jahr die spanische Copa del Rey, den Landespokal, aus dem Doppeldeckerbus in Madrid fallen lassen, woraufhin der schöne Pott unter die Räder kam? Diesmal verstaute er eine Turnhose in dem 42 Zentimeter großen Gefäß: "Die hat mir Glück gebracht, meine Mutter hat sie mir mitgegeben."

Die Spanier hinterließen den Eindruck, als hätten sie sich gerade diesen EM-Pokal abgeholt wie der Musterschüler die nächste Eins in einer Klausur. Bestnote? Gut. Hatte jemand anderes erwartet? Während die Mannschaft 2008 in Wien und 2010 in Johannesburg noch mittels einer lauthals brüllenden Polonaise durch die Katakomben der Stadien gehoppelt war, kamen die Spieler diesmal einzeln und eher leise aus der Kabine. "Vor vier Jahren war es eine Riesen-Euphorie, heute ist es fast schon normal", erklärte Mittelfeldspieler Xabi Alonso.

Als die Spanier kurz vor zwei Uhr ukrainischer Zeit zum Mannschaftsbus gingen, tanzten und tollten sie nicht. Aber sie strahlten eine tiefe innere Zufriedenheit aus. Sie hatten zuvor auf dem Rasen des Stadion Olimpijskyj alle Kritiker widerlegt, die ihren Stil als ziellos und selbstverliebt kritisiert hatten.

Sie hatten gegen wenngleich geschwächte Italiener alles gezeigt, was diese spanische Generation an guten Tagen ausmacht: Perfekte Ballbeherrschung bei höchstem Tempo, irrwitzige Tempowechsel, die Vollendung der Defensivkunst. Spaniens Künstler brachten alles auf den Platz, was sie in den vergangenen Jahren zur dominierenden Kraft im Weltfußball hat werden lassen.

Gerade in den Anfangsminuten kreiselte der Ball unaufhaltsam von einem Spanier zum anderen. Und diesmal hatten sie sich fest vorgenommen, ihre Passzirkulation auch zum Ziel zu bringen. Zuvor waren sie im Turnier schwer kritisiert worden: Der Ballbesitz-Fußball diene nur noch einem kunstvollen Selbstzweck, ihre Taktik ohne ausgebildeten Stürmer brachte ihnen den Beinamen "Tiki Takanaccio" in Anlehnung an das ultradefensive Catenaccio-Italien aus den sechziger Jahren.