Snowboardcross:Das Geld reicht bis zur ersten Kurve

Snowboardcross: Manchen Nationen voraus, aber nicht in der Förderung: Martin Nörl, rechts, beim olympischen Mixed-Wettbewerb.

Manchen Nationen voraus, aber nicht in der Förderung: Martin Nörl, rechts, beim olympischen Mixed-Wettbewerb.

(Foto: Xu Chang/Xinhua/Imago)

Wenn der Sport zum Draufzahlgeschäft wird: Weltcup-Gesamtsieger Martin Nörl beklagt die Nachteile der deutschen Snowboardcrosser gegenüber der internationalen Konkurrenz.

Von Thomas Becker

Der Start ist die Problemzone von Martin Nörl. Das wird auch beim Weltcup-Auftakt der Snowboardcrosser am Wochenende in Les Deux Alpes nicht anders sein. Es sei nun mal nicht einfach, 95 Kilo in Schwung zu bringen, bekannte der gebürtige Landshuter unlängst beim Medientag von Snowboard Germany: "Die Masse, die mir auf der Strecke hilft, wirkt sich natürlich gegenteilig am Start aus. Ich will aber auch nicht leichter werden, weil ich dadurch meine Stärken ausspielen kann." Es gebe verschiedene Fahrertypen: Starter, Gleiter, Kurvenfahrer - "ich kann halt ganz gut überholen. Und mit 15 Kilo weniger wäre ich trotzdem nicht der Beste am Start."

Das ist - typisch Nörl - maßlos untertrieben. Der Mann kann auch gleiten, springen, Wellen schlucken und Kurven fahren wie kein anderer. Sonst gewinnt man nicht zweimal nacheinander den Gesamtweltcup.

Snowboardcross: "Ich kann halt ganz gut überholen": Weltcup-Gesamtsieger Martin Nörl.

"Ich kann halt ganz gut überholen": Weltcup-Gesamtsieger Martin Nörl.

(Foto: Angelika Warmuth/dpa)

Beim Start in den Dauphiné-Alpen wird sich Nörl wohl wieder schwertun, aber der 30-Jährige ist Kummer gewohnt. Der begann in diesem Jahr schon mit der Saisonvorbereitung. Von Mai bis August stand Athletiktraining an, danach ging es nach Australien. "Es war absehbar, dass die Bedingungen in Europa nicht gut sein würden", sagt Nörl. Als er aber erfuhr, wie schlecht es wirklich war, sei er geradezu schockiert gewesen. Auf dem Gletscher von Saas-Fee konnte nur die Start-Gerade und eine Kurve trainiert werden. Ein Witz, wenn man weiß, wie lang und vielseitig ein Weltcup-Kurs ist. Nörl hatte dagegen am Mount Hothem, einem Skigebiet zwischen Melbourne und Sydney, beste Bedingungen: In drei Wochen kam er auf gute 13 Schneetage. Klingt prima, hat aber zwei Haken: Bis auf Jana Fischer war niemand vom Team dabei, und zahlen mussten die beiden das Trainingslager zum Großteil aus eigener Tasche. Willkommen in der deutschen Sportförderung!

Wie viel er für Hotel und das internationale Trainingscamp gezahlt hat, verrät Nörl nicht. "Genug", sagt er. Fünfstellig? "Ich will's nicht sagen. Bis vor Kurzem war ich Alleinverdiener, meine Frau war zu Hause und hat auf zwei Kinder aufgepasst. Da sitzt die Kohle nicht so locker. Da muss man schon gucken, ob man das macht." Andererseits habe er keine Wahl, wenn er wettbewerbsfähig bleiben will: "Wenn man über die Jahre immer weniger hochwertige Schneetage sammelt, kann man sich nicht in der Weltspitze halten." Immerhin die Flüge übernahm der Verband, konnte aber weder Trainer noch Physiotherapeuten mitschicken. Im Gegensatz zur Konkurrenz, wie Nörl erzählt: "Die Schweiz war mit dem kompletten Team da - acht Sportler, zwei Trainer, zwei Serviceleute. Australier, Tschechen: Alle waren da, bis auf uns und die Österreicher, und die haben sich in Sölden exklusiv eine Teilstrecke gebaut." Der Rest von Team Germany übte derweil in Saas-Fee Start plus eine Kurve.

"Gute, strukturierte Arbeit, wie sie früher bei uns gemacht wurde, ist perspektivisch nicht mehr zu stemmen."

Das war nicht immer so, sagt Nörl: "Vor vier, fünf Jahren waren wir mit dem ganzen Team dort, ohne Eigenbeteiligung. Da hat das funktioniert. Jetzt haben wir nicht weniger Geld, aber auch nicht mehr. Es wird halt alles teurer, und dann können wir uns das nicht mehr leisten." Im internationalen Vergleich gebe es wenige Nationen, die finanziell so beschränkt seien, glaubt der WM-Zweite: "Wir dachten immer, man muss bei einem Großereignis eine Medaille holen, dann wird das schon. Aber momentan haben wir nicht das Gefühl, dass es besser wird. Das ist langsam ein Kampf mit ungleichen Mitteln." Er sei eher am Ende seiner Karriere - da könne er noch mal in Vorlage gehen, findet er: "Mir macht das ja auch Spaß. Ich schleppe mich nicht jeden Tag in die Arbeit. Aber perspektivisch ist gute, strukturierte Arbeit, wie sie früher bei uns gemacht wurde, nicht mehr zu stemmen. Das ist extrem frustrierend." Ob er den finanziellen Aufwand wieder betreiben wird? "Ich weiß gar nicht, ob ich das überhaupt kann."

Snowboardcross: Sieg und Crash liegen im Snowboardcross eng beisammen: Martin Nörl, links, im März auf dem Weg zur WM-Silbermedaille.

Sieg und Crash liegen im Snowboardcross eng beisammen: Martin Nörl, links, im März auf dem Weg zur WM-Silbermedaille.

(Foto: Matic Klansek/GEPA pictures/Imago)

Sieg und Crash liegen im Snowboardcross, wo vier Mann auf einer engen Piste gegeneinander antreten, eng beisammen: Im Rennen vor WM-Silber war er 17. geworden, im Rennen danach 33. "Bei uns kann so viel passieren. Es liegt nicht in meiner Hand, es liegt auch nicht am Snowboardverband. Der ist abhängig von den Mitteln, die er bekommt. Es liegt an den höheren Stellen, wo man zwar überall Weltspitze sein, aber nicht die notwendigen Mittel bereitstellen will."

"Mit der Potenzialanalyse haben wir ein Bürokratie-Monster geschaffen", sagt DOSB-Vize Miriam Welte

Stefan Knirsch, Finanz- und Marketingdirektor der Snowboarder, konnte beim Bundesinnenministerium nicht mehr herausschlagen. Das Budget ist seit 2019 unverändert, doch die allgemeine Preissteigerung bedeutet letztlich eine Budgetkürzung. Zwei Trainer sind zuletzt in die Schweiz gewechselt, weil dort besser gezahlt wird. Dabei konnten deutsche Snowboarder in den vergangenen drei Wintern 16 Weltcup-Siege und vier WM-Medaillen inklusive Gold gewinnen. Trainer und Sportdirektoren berichten, dass Erhöhungen des Spitzensportbudgets durch bürokratische Reibungsverluste fast komplett verloren gehen. Manche Anträge und Formulare müssten durch bis zu sieben Instanzen. DOSB-Vizepräsidentin Miriam Welte klagte unlängst: "Viel von dem Geld kommt nicht bei denen an, die es brauchen, viel versickert in der Bürokratie. Mit der als Kontrollmechanismus eingeführten Potenzialanalyse, die als Grundlage für Fördermittelzuteilung gilt, haben wir ein bürokratisches Monster geschaffen, das viel zu viel Geld auffrisst."

Bescheidene Aussichten für den Karriereherbst von Martin Nörl, der Olympia 2026 in Cortina und Mailand noch gern mitnehmen würde. Auf Sicht führt wohl wieder nichts an Eigeninitiative vorbei. Oder schön viel Preisgeld. Seine drei und fünf Jahre alten Töchter haben sich nämlich einen teuren Sport ausgesucht: Skifahren.

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