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Skispringer Ryoyu Kobayashi:Aus westlicher Sicht könnte man befürchten, dass ein junger Top-Springer da in innere Konflikte gerät

Kein Wunder also, dass Kobayashi in seiner ersten Saison von seinem Klubchef, dem 47-jährigen Sprung-Heroen Noriaki Kasai, dazu angehalten wurde, seinen überbordenden Jubel zu bändigen. Kobayashi hatte in den Wind geboxt und geschrien und die Arme hoch gerissen, wie jeder andere Springer es auch täte. Kasai wusste genau, wie sich das anfühlt, wenn die Anspannung sich löst und die Glückshormone nach einem Flug verrückt spielen, aber er wusste auch, dass da ein Team ist, und das, sagt Neitzel, sei in Japan immer noch wichtiger als der Einzelne.

Aus westlicher Sicht könnte man befürchten, dass ein junger Top-Springer da in innere Konflikte gerät. Er soll oben alles rauslassen, sich unten aber zügeln. Er soll ein ganzes Team anführen, vielleicht eine neue Erfolgsgeneration nach der Generation um Kasai in den Neunzigerjahren, sich aber nicht wie ein Anführer benehmen. Und er soll die Tradition hochhalten, ist aber nun mal Teil einer neuen Jugend, der Instagram-Generation, er lebt in einer Welt, in der gestylt und gegelt wird, in der man sich darstellt und Fans das Neueste erzählt. Ryoyu Kobayashi, dessen Gesamteinnahmen auf rund eine Million Euro geschätzt werden, hat sich von seinem ersten Erfolg ein Luxus-Auto gekauft.

Er bleibt aber auch Japaner, und obwohl er nicht mehr ganz so verlässlich zum Sieg springt, scheint ihn die strenge Tradition nicht zu stören. Seine etwas verspätet eingetroffene Form lag an leichten Rückenschmerzen, die er erst Mitte Dezember wieder los wurde. Und offenbar hat er auch das Selbstbewusstsein, sich eigene Wünsche zu erfüllen. An Weihnachten etwa flog er nicht wie sonst nach Hause, sondern nach Paris, das er gerne mal sehen wollte, und wo er überraschenderweise zwei Tage gar nicht trainierte.

Ein Problem hatte Kobayashi durchaus: als er plötzlich besser war als Kasai

In der Qualifikation am Freitag am Bergisel in Innsbruck wurde er Fünfter, und obwohl Rivale Karl Geiger auf Platz drei kam, bleibt Kobayashi fürs Finale dieser dritten Tourneestation der Favorit. Markus Neitzel, der Pastor, Dolmetscher und Sport-Fan, betrachtet dies alles auch mit spiritueller Gelassenheit. Schließlich erinnert der Sport, mit seinen Ergebnissen, die nach wenigen Jahren schon verblassen, auch an die Endlichkeit allen Tuns.

Und das Bewusstsein, in einer Gemeinschaft zu sein, ist auch ein Mittel gegen diese Endlichkeit. Kobayashi wisse um seinen Platz in dieser Gemeinschaft, meint Neitzel, was auch einer der schwereren Momente zeigte. Denn ein Problem hatte Kobayashi durchaus, als er plötzlich besser war als Kasai, sein großer Lehrer, sein, wenn man so will, Samurai. Und das geht eigentlich nicht, im Skispringen aber schon, jedenfalls wenn der Lehrer alle Altersrekorde bricht und bis heute immer noch aktiv dabei sein will. Aber Kobayashi, sagt Neitzel, der wisse schon, was zu tun sei, und er sage seinem Mentor Kasai über die Gründe des Erfolges: "Okage de." Wörtlich übersetzt: "In Ihrem Schatten!" - Also: "Dank Ihnen!"

Für Pastor Neitzel wiederum sind nicht nur die Gemeinschaft und die Vergänglichkeit Themen, sondern auch das Leben selber. Und der Bergisel bietet ihm Inspiration für Predigten. "Etwa der Blick hinunter von der Anlaufspur", sagt er. Dieses Bild ist ein Symbol für den Blick aufs Wesentliche, und er berichtet seiner japanisch-deutschen Gemeinde, wie die Springer in dieser Spur nicht auf die grandiose Umgebung schauen, nicht auf die Berge, nicht auf Stadt, nicht auf die Barockkirchen, sondern nur auf das, was gerade ansteht.

© SZ vom 04.01.2020/tbr
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