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Skispringer Karl Geiger:Allen Ablenkungen getrotzt

Four Hills Tournament - Oberstdorf

Schwebt (fast) über die Alpen: Karl Geiger.

(Foto: REUTERS)
  • In der Tourneebilanz von Karl Geiger stehen einige Rückschläge, aber dieses Mal gelingt ihm ein starker Auftakt.
  • Als Zweiter liegt nur der Top-Skispringer dieser Zeit, der Japaner Ryoyu Kobayashi, vor ihm.
  • Geiger demonstriert, dass man unspektakulär daherkommen und trotzdem irgendwann ein Team anführen und um den Gesamtsieg der Tournee mitspringen kann - wenn man nur nicht aufgibt.

Von Volker Kreisl, Oberstdorf

Yin und Yang stehen für ein universelles Prinzip: Gegensätze müssen sich nicht abstoßen, sondern können sich ergänzen. Das harte und heißblütige Yang kann von Yin, dem Weichen und Ruhigen, besänftigt werden, umgekehrt könnte vielleicht Yang das Yin zu großen Taten anstacheln; so hilft einer dem anderen, etwa wenn die beiden Skispringer sind und eine Zweier-Gemeinschaft bilden, weil sie sich immer das Hotelzimmer teilen. Markus Eisenbichler jedenfalls sagte kürzlich: "Wir sind wie Yin und Yang."

Eisenbichler, 28, ist demnach der Heißsporn, und der andere, der 26-jährige Karl Geiger, ist der Ruhige. Eisenbichler ist der Weltmeister von 2019, Geiger der WM-Zweite von 2019. Eisenbichler empfindet sich als Gefühlsspringer, wogegen Geiger ganz anders sei: nämlich eher der Denker, überlegt und vernünftig, einer, der alles gut analysiere, was ein bisschen nach Mathematiker klingt.

Diesmal trotzte Geiger den Ablenkungen

Nur werden auch Mathe-Typen hin und wieder von Gefühlen übermannt, etwa von großer Aufregung, wenn sie hoch oben auf einer Skisprungschanze stehen, und unter ihnen die Gesichter von 25 500 Menschen zu einer großen wuselnden Masse verschmelzen, garniert mit Hunderten geschwenkten Fahnen und begleitet von einem Lärm, der dem Denker Geiger oben das Gefühl gibt, "als würde ich vibrieren". Es waren am Sonntag die Fans beim Auftaktspringen der Vierschanzentournee in Oberstdorf, die am Ende nur noch auf ihn warteten: Karl Geiger, den Oberstdorfer.

Aber diesmal hat Geiger den Ablenkungen getrotzt. Am Sonntag hat er auch im zweiten Durchgang einen fabelhaften Sprung vorgeführt, als habe es seine Einbrüche der vergangenen Jahre bei der Tournee nie gegeben. Diesmal übertraf ihn nur der Top-Skispringer dieser Zeit, der Japaner Ryoyu Kobayashi, 23, der rechtzeitig zum Saisonhöhepunkt seine Idealform gefunden hatte. Geiger aber liegt nach dieser ersten Station vor allen übrigen im Feld, und er hat noch solide Chancen, Kobayashi wieder einzuholen. Denn er segelte hinunter, immer näher heran an die Menge, bis die Gesichter schon erkennbar waren, die er aber nicht beachtete, weil er in diesem Moment zum ersten Mal so richtig ganz woanders war.

Der Denker Geiger macht keine großen Worte, er antwortet überlegt, sachlich, ausgewogen. Über die Fahnen und das Vibrieren sagte er: "Ich musste schauen, dass ich es so gut wie möglich ausblende und mein Zeug mache, und das ist mir heute gut gelungen." Über Jahre hatte er sich das erarbeiten müssen, erzählte er, und lange hatte es nicht wirklich geklappt. In seiner Tournee-Bilanz stehen Rückschläge, etwa zwei ultraknapp verpasste Qualifikationen als 51., aber dann robbte er sich Stück für Stück nach oben. 2017 Platz 17, 2018 Gesamtelfter, 2019 ebenfalls, obwohl er da schon Mitfavorit war und noch am Oberstdorfer Lärm scheiterte. Nun riss er nach der Landung die Arme hoch und durfte genießen. Geiger stellte fest: "Ich bin aus dem Grinsen nicht mehr rausgekommen."

Yin Markus Eisenbichler, sein Gegenpart, würde in dieser Lage den Mund so weit aufreißen, dass man Angst um sein Kiefergelenk bekäme, aber Karl Geiger, Abiturient, Hochschulabschluss in Energie- und Umwelttechnik, teaminterner Spitzname "der Ingenieur", ist eben Karl Geiger. Und die Frage stellt sich, ob dieser stille Mann auch einmal ein Star in diesem durchaus hochfliegenden Sport werden könnte.

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