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Vierschanzentournee:Österreich guckt in Österreich wieder zu

68. Vierschanzentournee - Garmisch-Partenkirchen

Stefan Kraft beim Neujahrsspringen.

(Foto: dpa)
  • Wie schon 2017/18 und 2018/19 hat bereits in Innsbruck kein Österreicher mehr reele Chancen auf den Tourneesieg.
  • Viele Teammitglieder sind nicht in Form - und der beständigste Springer Stefan Kraft fängt sich erneut einen Infekt ein.
  • Hier geht es zu den Ergebnissen der Vierschanzentournee.

Von Volker Kreisl, Innsbruck

Ein ideales Neujahrserwachen für einen Skispringer dürfte so aussehen: Der blaue Himmel leuchtet, und mit dem ersten Gedanken rückt die Olympiaschanze von Garmisch-Partenkirchen ins Bewusstsein. Der Athlet atmet die frische Luft ein, gerät in Körperspannung und ist, wie zum Beispiel Stefan Kraft aus Österreich, kaum noch zu bändigen. Am liebsten spielt der nach dem Frühstück noch ein bisschen Fußball und albert anderweitig herum, während er sich aufs Fliegen freut. "Ich bin einer, der vor dem Wettkampf gerne voll aktiviert ist", sagt er.

Doch als Kraft diesen Mittwoch aufwachte, da war der Himmel zwar blau, aber seine Nase verstopft, die Lider lasteten schwer und die Beine waren müde.

Stefan Kraft, geboren in Schwarzach im Pongau, ist einer der beständigsten Top-Skispringer dieser Zeit. Er war schon Weltmeister 2017 und Tourneesieger 2015, und von allen seinen Zeitgenossen in diesem Sport am häufigsten unter den Top drei im Weltcup. Er scheint keine langen Krisen zu kennen, kommt aus Form-Tiefs schneller raus als jeder andere, und er ist auch ein Team-Player, weil er den Schmäh liebt, also das liebevolle Sprücheklopfen über den Nebenmann. Es wirkt zurzeit so, als grinse Kraft immer und überall. Nur nicht in Garmisch-Partenkirchen.

Am Neujahrstag verlor Österreichs Topspringer abermals den Anschluss an die Tourneespitze, und das ganze Sprungteam erlebte zum dritten Mal nacheinander eine schwere Enttäuschung. Wieder einmal wich für Österreich genau dann die Spannung aus der Tournee, wenn sie nach Österreich hinüberwechselt. Die Chancen, dass einer doch noch im Kampf um den Gesamtsieg eingreifen könnte, sind so gut wie ausgeschlossen. Der Zillertaler Philipp Aschenwald, dessen Stern gerade aufzugehen schien, kam in Sprung zwei stark ins Trudeln und fiel insgesamt zurück von Platz sechs auf Platz 15. Der Salzburger Daniel Huber wurde zwar in Partenkirchen Sechster, hatte aber beim ersten Springen in Oberstdorf gar keine Punkte geholt. Michael Hayböck und Gregor Schlierenzauer wiederum warten eher langfristig auf ihre Form, bleibt also Stefan Kraft als Hoffnung übrig. Aber der liegt schon 33,6 Punkte zurück, umgerechnet also 18,6 Meter, und weiß: "Da müssten die anderen schon ein Riesenpech und ich ein Riesenglück haben, und das wünscht man keinem."

Genauso wenig, wie man einem Team das Schicksal der Österreicher wünscht. Schon 2017 überkam diese Mannschaft auf der Reise nach Innsbruck eine Magen-Darm-Attacke, die vor allem im Doppelzimmer Hayböck/Kraft zuschlug. 2018 und 2019 hatte Kraft an Neujahr mangels Form alle Tournee-Aussichten verloren, und nun lag es wieder an einem Infekt, der sich dem Vernehmen nach von Trainer Andreas Felder über Aschenwald in Richtung Schlierenzauer und dann ins Doppelzimmer Hayböck/Kraft vorgearbeitet hatte. Kraft sagt, er habe dann doch ein Schmerzmittel genommen, aber: "Da haut's dir den Schweiß raus, und alles ist anstrengend."

Und so stellt sich nach der Jahreswende abermals die Frage, wann die Österreicher wieder eine schlagkräftige Mannschaft aufstellen, die bei der Tournee auch in Innsbruck und Bischofshofen Stimmung entfacht. Jene Stimmung, die nicht nur Partyfröhlichkeit darstellt, sondern Vorfreude und Spannung und die Lust am Diskutieren über die Chancen der eigenen Mitfavoriten. Mit dem Trainerwechsel von Heinz Kuttin zu Felder vor zwei Jahren wurde ein wichtiger Schritt getan. Aber von den Jüngsten hat es bislang nur der 21-jährige Jan Hörl ins Weltcupteam geschafft, die Synchronisierung des Trainings der vier mächtigen Landeszentren im Skisprung dauert an. Noch hängt alles an Kraft.

Immerhin, der ist beständig, auch deshalb, weil er die Dinge mit Leichtigkeit zu nehmen weiß. Krisen kann er recht schnell verarbeiten, selbst wenn der nächste Tag grau und verhangen ist. Außerdem scheint Kraft seine Sportart auch immer ein bisschen zu karikieren, wenn er statt "Springen" wie selbstverständlich "Hupfen" sagt. Bei der Neujahrs-Krise 2019 hatte er sich schnell wieder gefangen, beim Bergiselspringen in Innsbruck mit Platz zwei gekontert und somit zumindest einen Tageserfolg für Österreich erzielt.

Und auch nun, am ersten Tag nach Neujahr des Jahres 2020, da wirkte er wieder gelöst und beantwortete sämtliche Fragen ausführlich, auch manche, die Radio-Kollegen eben stellen müssen, etwa die nach dem Singen der Nationalhymne: "Ja", sagte Kraft ganz ohne Routine in der Stimme, "ich bin ein Patriot und singe schon gerne die Hymne, ich weiß, wie gut es uns geht, und das schätz' ich."

Die Hymne kann er aber nur mitsingen, wenn er auch gewinnt am Bergisel oder vielleicht am Dreikönigstag auf der Paul-Außerleitner-Schanze in Bischofshofen, beim vierten Springen. Auch das wird nicht ganz einfach, weil in dem Japaner Ryoyu Kobayashi, dem Oberstdorfer Karl Geiger und dem Polen Dawid Kubacki drei Springer um den Gesamtsieg streiten, die in bester Form sind und bereit, am Samstagnachmittag schon beim Finale in Innsbruck voll zu attackieren. Die drei haben sich nicht umsonst schon um zehn Punkte vom Rest des Feldes abgesetzt.

Andererseits hatte das Trio in Garmisch-Partenkirchen ja auch schon dominiert, und trotzdem, so könnte sich der wieder erholte Stefan Kraft nun sagen, trotzdem kam dann der 21-jährige Norweger Marius Lindvik daher, und ist vor den dreien auf Platz eins g'hupft.

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© SZ vom 03.01.2020/schm
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