Skiflug-WM:Die Sehnsucht nach dem Dauer-High

Skiflug-WM: "Ich bin auf dem richtigen Weg": Andreas Wellinger vergangene Woche beim Springen von der Großschanze im polnischen Zakopane, wo er Platz zwei belegte hinter Stefan Kraft.

"Ich bin auf dem richtigen Weg": Andreas Wellinger vergangene Woche beim Springen von der Großschanze im polnischen Zakopane, wo er Platz zwei belegte hinter Stefan Kraft.

(Foto: Radoslaw Jozwiak/Cyfrasport/Imago)

Vier Wettkampftage, eine Riesenschanze: Die Weltmeisterschaft am Kulm in der Steiermark dreht sich nicht allein um den Titel - für viele Skiflieger gibt es etwas viel Verlockenderes als den Sieg.

Von Volker Kreisl

Die Zutaten zu diesem Vergnügen sind fleißiges Training und perfekte Technik. Außerdem braucht man den richtigen Ski, Kraft in den Beinen, Gefühl bis in die Fingerspitzen. Und Angst.

Die Angst ist normal, sie hält den Ski-Flieger auf seinen zwei Latten bei einem 250-Meter-Flug in der Konzentration. Sie ist ein Gegengewicht zu den Glückshormonen. Denn benebelt ist der Flieger schon, wenn er mit mehr als 100 Stundenkilometern abspringt, sich gewissermaßen auf das Luftkissen setzt und dann das erlebt, was man kaum beschreiben kann. Etwa so, wie es Markus Eisenbichler aus Siegsdorf einmal versucht hat, der Fliegerspezialist, der zurzeit außer Form ist: "In der Luft will man, dass das Fliegen nicht zu Ende geht."

Ab Mittwoch beginnt wieder die Party, diesmal am steirischen Berg Kulm bei Bad Mitterndorf in Österreich, genauer gesagt einem Hügel Kulm vergleichsweise mit den Felswänden um ihn herum. Von der Qualifikation bis zum Ende am Sonntagabend erleben die Zuschauer zwei Wettkämpfe, das Einzel über vier Springen und zwei Tage, also Freitag und Samstag. Und das Teamspringen am Sonntag. Dann ist diese spektakuläre und seltene Disziplin doch wieder zu Ende gegangen, die wegen des Aufwands einer Riesenschanzen-Präparation über den ganzen Winter nicht einfach irgendwo trainiert werden kann.

Dennoch nehmen die Akteure dabei einiges mit in den anschließenden Alltag. Etwa, wenn wieder auf kurzen Schanzen die zu überspringende grüne Linie nach wenigen Sekunden schon unter ihnen daherkommt. Wenn nach dem Frühling das Training wieder beginnt, mit Krafteinheiten und Sprungübungen, wenn von Bergen noch gar keine Rede ist und im August erste grüne Mattenschanzen schon Freude verheißen. Dann kann der Gedanke an eine WM am Kulm Energie erzeugen, wie beim Österreicher Michael Hayböck, der die Vierschanzentournee, "ja, schon auch wichtig" findet, aber letztlich einen anderen Winterhöhepunkt hat - den Riesenbakken am Kulm, "dieses Ziel steht über allem".

Wellingers Stärke ist das Fliegen - hier geht es mehr als 100 Meter weiter

Somit geht das Fliegen also weiter, nur eben in den Köpfen. Vor Hayböck, der sich durchaus etwas ausrechnet, sind aber immer noch andere zu schlagen - die drei Konkurrenten an der Spitze der Gesamtwertung: der Österreicher Stefan Kraft (1.), der Chiemgauer Andreas Wellinger (2.) und der Japaner Ryoyu Kobayashi (3.). Kraft hat im Weltcup einen großen Vorsprung von 252 Punkten, Kobayashi hat den Aufwind des Tourneesiegers. Und Wellinger hat zurzeit zwar keine aktuelle Sieger-Dekoration, aber er spürt, vielleicht etwas mehr als die anderen, die Vorfreude aufs Fliegen.

Skiflug-WM: Ryoyu Kobayashi tritt bei der Weltmeisterschaft an mit dem Aufwind des Tourneesiegers.

Ryoyu Kobayashi tritt bei der Weltmeisterschaft an mit dem Aufwind des Tourneesiegers.

(Foto: Georg Hochmuth/AFP)

Wenn man ihn fliegen sieht, lässt sich erahnen, wie stark die Eisenbichler'sche Sehnsucht nach Dauerfliegen bei ihm sein kann. Wellinger, so hat es den Anschein, ist auch ein Süchtiger der Lüfte. Er nimmt die Wirkung des Windes noch mit dem Gesicht, mit dem Mund mit, so lange wie möglich. Das hat ihn nach anderthalb Jahren Verletzungsphase wieder zur stabilen Form gebracht, was er zuletzt auf der "Polski-Tour" durch Polen mit Platz zwei hinter Kraft unterstrichen hat. Seine Form, sagt Wellinger, sei im Ansteigen: "Ich bin auf dem richtigen Weg, jetzt freu' ich mich auf die Skiflug-WM - denn da ist alles möglich." Weil, auf den Bauten in Übergröße kann er im Vergleich zu normalen Großschanzen noch mal rund 100 Meter weiter fliegen.

Außer der Motivation braucht der Skiflieger natürlich auch eine spezielle Eigenschaft, die nicht selbstverständlich ist: Er muss die Kunst des Fliegens beherrschen. Insgesamt sollte er zunächst wie immer, auf dem Balken sitzend, ein Zen-Mönch sein und alle Gedanken freilassen. Sich darauf in der Anlaufspur zu einem Projektil verwandeln. Dann auf dem Schanzentisch die entscheidenden Zentimeter des Absprungs erwischen und schließlich das umsetzen, was Wellinger exzellent beherrscht: eine Art Luftsegeln.

"Man fühlt sich mutterseelenallein, wie im Weltall", beschreibt der viermalige Weltmeister Martin Schmitt das Fluggefühl

Wellinger ist aber kein Mönch. Eher wirkt er wie ein Spaßvogel, der die Menschen um sich herum gerne unterhält und an seiner Laune teilhaben lässt. Sogar wenn er schon auf dem Startbalken sitzt, fällt ihm noch eine Pointe ein, oder eine Geste, die jene Stille dort oben kurz unterbricht. Man könnte sagen, Wellinger hat andere Tricks zur Konzentration, Spaß machen ist ja auch ein Instrument, um Zweifel und falsche Gedanken zu vertreiben. Jedenfalls beherrscht er die letzte Phase des Sprungs, das Fliegen, besonders gut. Er hat ein feines Sensorium für die anströmende Luft, er kann zunächst seinen Körper besser auf den Aufwind legen als die meisten anderen Skispringer. Und er verliert dabei kaum Geschwindigkeit, weil sein Flugsystem in der zweiten Phase wiederum windschlüpfrig ist.

Die nützliche Angst der Skiflieger beschleicht auch große Athleten. Vor 40 Jahren dachte man da aber noch anders. Jens Weißflog, Olympiasieger von Sarajewo 1984, wurde mit solchen Problemen von seinen Trainern nicht ernst genommen, er behalf sich aber schließlich mit Klettern, was jeglicher Tiefe die Bedrohung nahm. Heute macht man das längst mithilfe von Psychologen.

Skispringer sind erfindungsreich, Skiflieger haben zudem auch manchmal eine poetische Ader. Markus Eisenbichler sagte auch noch auf die Frage nach dem Gefühl des Skifliegers: "Es ist wie in Zeitlupe, du meinst, du bist eine halbe Minute in der Luft, dabei waren's nur sieben, acht Sekunden." Und der viermalige Weltmeister Martin Schmitt antwortete auf die Frage, was er beim Skifliegen erlebt: "Man fühlt sich mutterseelenallein, wie im Weltall."

Was wohl gar nicht so schlimm ist, denn besonders das Skifliegen, sagen Psychologen, kann diesen Effekt auslösen, dass man alle Gedanken und Sorgen hinter sich lässt und in einen Zustand vollständiger Harmonie mit sich und seinem Sport gerät. Ein Zustand, in dem man die Angst hinter sich gelassen hat.

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