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Ski alpin:Eine ehemalige Rennläuferin präzisiert in Bludenz die Vorwürfe gegen Kahr

Als die Vorarlbergerin im ORF dann noch eine Doku sah, in der Kahr und Moser-Pröll "nebeneinander im Stuhl saßen wie ein altes Ehepaar", da fotografierte sie den Bildschirm ab und schickte das Foto von Kahr per WhatsApp an Moser-Pröll, dazu die Nachricht: "Dein Entjungferer Charly. Du warst noch keine 16 Jahre alt." Ihr Mann legte mit eigenen WhatsApp-Botschaften nach, etwa mit dieser: "Schämen Sie sich, einen CK in Schutz zu nehmen, der zusammen mit TS viele Mädchen missbraucht und gebrochen hat. Sie wissen das sehr genau. Ich fordere Sie auf, endlich die Wahrheit zu sagen."

"CK" ist Charly Kahr, "TS" steht für: Toni Sailer. Der nächste Alpen-Skiheld in dieser Geschichte: drei Mal Olympiasieger 1956, später Sänger und Schauspieler, in Polen 1974 kurzzeitig inhaftiert, weil er eine Frau vergewaltigt und schwer verletzt haben soll. Sailer zog seinerzeit als Sportdirektor mit dem ÖSV-Tross von Rennen zu Rennen.

Sailer war der "Blitz von Kitz". Kahr nannten sie "Downhill-Charly".

Sie hätten Moser-Pröll nur ins Gewissen reden wollen, sagten die beiden WhatsApp-Schreiber nun vor Gericht. Sie solle wenigstens mit dem "Weißwaschen" aufhören, wo sie es doch besser wisse. Moser-Pröll hingegen gab an, sie habe seitdem schlaflose Nächte. "Mir ist die ganze Lebensfreude genommen worden, das kann ich Ihnen sagen." Sie hat also Kahr angerufen und ihm die Nachrichten vorgelesen, Kahr ging zum Anwalt, der Anwalt ging zum Gericht. "Das kann man ja als ein Charly Kahr nicht stehen lassen." Und so nahm das Drama seinen Lauf. Richterin Flatz brachte noch eine Schlichtung ins Spiel, vergeblich. Darauf der Anwalt Ainedter, der diesen Nachmittag, an dem es um schwerste Missbrauchsvorwürfe ging, dennoch immer wieder feixend verbrachte: "Dann werden wir uns all die 65-Jährigen, die vergewaltigt worden sein sollen, anhören. Her damit!"

Fünf Stunden dauert allein die Befragung der Läuferin und ihres Mannes

Ein mutmaßliches Opfer saß ihm da, wie sich herausstellen sollte, schon gegenüber: die Beklagte, die Absenderin der WhatsApp-Nachrichten. Sie offenbarte sich in Bludenz als eine der beiden Läuferinnen, die auch in der SZ geschildert hatten, was Kahr ihnen angetan haben soll. Das wiederholte sie nun, nur mit noch viel mehr Details.

Wie Kahr sie in der Saison 1968/69, auf der Rückfahrt von einem Rennen in Frankreich, in sein Zugabteil gebeten und ihr den Kopf auf seinen unter der Skijacke entblößten Penis gedrückt habe; wie sie habe weglaufen können. 16 war sie damals. Und einen Vorfall Jahre später, 1976 in Québec: Da habe Kahr sie in sein Hotelzimmer gezogen und aufs Bett geworfen ("So, heute bist du dran") - im Bett daneben habe Toni Sailer gelegen, nackter Oberkörper, lüsterner Blick. Sie habe sich losreißen und ins Bad flüchten können. Sie berichtete auch von einer Verletzungen am Handgelenk, die sie davongetragen habe.

Und sie gab an, dass sie schon 1975 auspacken wollte, da musste sie wegen einer Sperre vor die Rennsportkommission des ÖSV. Als sie dort begonnen habe, über die sexuellen Ausschweifungen von Toni Sailer zu berichten, sei die Sitzung sehr schnell abgebrochen worden. Freispruch, Fall erledigt. Das ist ein Strang der Episode, der den ÖSV noch beschäftigen dürfte: ob und was damals vertuscht wurde.

Fünf Stunden dauert allein die Befragung der Läuferin und ihres Mannes. Und danach ist auch folgendes klar: Ob Kahr die Taten begangen hat, die ihm vorgeworfen werden, wird nur ein Teil der Wahrheitsfindung sein. Die beiden Beklagten müssen am Ende beweisen, dass ihre WhatsApp-Nachrichten stimmten. Der "Entjungferer Kahr". Die "missbrauchten" und "gebrochenen Mädchen", "zusammen mit TS". Schon deshalb müssen jetzt auch diese Details auf den Tisch, es hilft ja nichts.

Kahrs Kernbotschaft: "Alles ist erlogen"

Die Entjungferung also: Im Januar 1969 soll es gewesen sein, in Saint-Gervais-les-Bains. Spät abends sei Moser-Pröll ins gemeinsame Zimmer gekommen, aufgewühlt. "Er ist einfach in mich eingedrungen", habe sie gesagt, "es hat weh getan."

Als dann am Freitagabend endlich Charly Kahr in den Zeugenstand tritt, hat er nicht viel beizutragen zu all den Details. Seine Kernbotschaft: "Es ist alles erlogen." Nicht nur das mit dem vielfachen Missbrauch. Es habe auch nie Alkoholexzesse gegeben, nie Anzüglichkeiten - der Umgang sei immer "ein distanzierter" gewesen. Nicht ein einziges Mal habe er das Zimmer einer Fahrerin auch nur betreten. Man habe ja als Trainer immer "viel zu viel Arbeit gehabt". Und mit einem Zug sei er auch nie gefahren nach einem Rennen.

"Sie sind ertappt, Herr Kollege", sagt der Vertreter der Beklagten zu Kahrs Anwalt

Verleumdung per WhatsApp

WhatsApp-Nachrichten von einem Handy auf das andere, nicht für die Öffentlichkeit bestimmt: Kann eine derart private Kommunikation den Tatbestand der Verleumdung oder üblen Nachrede erfüllen? Auch um diese Frage geht es in dem Prozess, den der des Missbrauchs beschuldigte, ehemalige Skitrainer Karl Kahr gegen eine Ex-Rennläuferin und ihren Mann führt. Die Auffassung des Gerichts hat Richterin Daniela Flatz schon mitgeteilt: Ja, wenn in der Nachricht ein unwahrer Vorwurf erhoben wird (hier: gegen Kahr), der den Betroffenen beim Empfänger in ein schlechtes Licht rückt. Wechselseitige Beschuldigungen reichen aber nicht aus - der Vorwurf muss gegenüber einem "Dritten" formuliert sein. Hier wäre diese Dritte: Annemarie Moser-Pröll, die ehemalige Skirennläuferin, die auch unter Kahr aktiv war. Dass sie ihrem einstigen Trainer über die WhatsApp-Nachrichten ihrer ehemaligen Teamkollegin informierte, ist Ausgangspunkt von Kahrs Klage. Und so kommt der delikate Inhalt der Nachrichten nun doch an die Öffentlichkeit: vor Gericht. Das gibt dem Prozess eine Bedeutung über den konkreten Fall hinaus; täglich wird ja millionenfach per Kurznachrichtendienst WhatsApp oder per SMS Schlechtes über Dritte behauptet. Wenn die Beklagten vor Gericht nun allerdings beweisen können, dass die Vorwürfe stimmen: Dann werden sie freigesprochen. Claudio Catuogno

Konkret wird es nur einmal: als Martin Mennel, der Anwalt des Ehepaars, aus einem Artikel auf dem Portal Österreich zitiert. Da hatte Ainedter am 9. Februar in einer ersten Reaktion auf die in der SZ erhobenen Vorwürfe gegen Kahr gesagt: "Ich habe bereits Klage eingereicht gegen jene Frau, die anonym derartige Dinge" über Kahr behaupte. "Ach, das ist recht spannend", sagte die Richterin. Mennel: "Sie haben's verstanden." - Richterin: "Ich hab's verstanden." - Ainedter: "Ich hab's nicht verstanden." - Richterin (zu Kahr): "Ihr Anwalt hat damals gesagt, es ist schon eine Klage gegen die Frau eingebracht worden, die anonym in der Süddeutschen Zeitung solche Angaben gemacht hat. Woher wusste er damals schon, dass genau diese Frau das war? Das kann doch nur der Täter wissen!" - Mennel: "Sie sind ertappt, Herr Kollege." - Aineter: "Joooo! Jetzt möchte ich endlich die Frau Moser-Pröll hören!"

Die bekommt er dann zu hören. Und Richterin Flatz kann ihr das jetzt nicht ersparen: sie mit all den Geschichten aus sieben Stunden Zeugenvernehmung zu konfrontieren. Also, der Reihe nach: Hat Kahr sie entjungfert? Hatte sie 1973 oder 1974 Sex mit ihm in Sankt Moritz, auf der einen Seite des Bettes, während ihre Teamkollegin auf der anderen schlief? Hatte sie 1974 Sex mit Toni Sailer in Anchorage, Alaska?

23:20 Uhr, der Prozess ist vertagt - jetzt werden weitere Zeugen gesucht

"Ja bin i überhaupt no Ski g'fahrn?", ruft Moser-Pröll. So viel Sex mit so vielen Leuten? "I bin doch koa Schlampen ned." Aber es geht immer noch weiter, und irgendwann schüttelt die Jahrhundertsportlerin nur noch den Kopf: "Die Welt steht nimmer lang!"

Was aber in Bludenz auch sie nicht sagen kann: Warum sollten sich gleich mehrere Frauen all das ausdenken? Sich in die Öffentlichkeit begeben mit intimsten Details - wenn sie nicht stimmen? "Ihr braucht Namen!", das ist Moser-Prölls Theorie, "ihr braucht den Sailer Toni, den Kahr Charly und die Jahrhundertsportlerin, die ihr oobaazen könnt."

23:20 Uhr, der Prozess ist vertagt. Jetzt werden erst mal weitere Zeugen gesucht, vom Anwalt Mennel, vom Anwalt Ainedter. Und irgendwann wird sich dann zeigen, ob es hier wirklich nur ums Oobaazen geht.

© SZ vom 09.04.2018/jki

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