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Missbrauchsvorwürfe im Skisport:Ski-Legende Annemarie Moser-Pröll steht plötzlich mittendrin

++ ARCHIVBILD ++ ANNEMARIE MOSER-PRÖLL / KARL KAHR

Erfolgreiches Skisport-Paar – oder Opfer und Täter? Annemarie Moser-Pröll und Karl Kahr.

(Foto: Helmut Fohrin/dpa)
  • In Bludenz hat der Prozess in der Missbrauchsaffäre um den ehemaligen Skitrainer Karl Kahr begonnen.
  • Er soll sich früher an jungen Rennfahrerinnen sexuell vergangen haben.
  • Kahr bestreitet die Vorwürfe und gibt sich zu allem wortkarg.

Hat Karl "Charly" Kahr, die Trainerlegende des Österreichischen Skiverbands (ÖSV) in den 1960er- und 70er- Jahren, sich seinerzeit an jungen Rennfahrerinnen sexuell vergangen, auch an Minderjährigen? Diese Frage ist am Freitagnachmittag das erste Mal vor Gericht verhandelt worden. Sitzungssaal Nummer 27, erster Stock im Bezirksgericht Bludenz in Vorarlberg, draußen noch der Schnee auf den Bergen. Und was hier nun an neuen Vorwürfen auf den Tisch kam, das dürfte die Ski-Nation Österreich noch eine ganze Weile beschäftigen. Jetzt ist auch die erfolgreichste Skisportlerin des Landes mit Wucht in die Affäre hineingezogen worden: Annemarie Moser-Pröll, inzwischen 65, Gewinnerin von 62 Weltcuprennen, Olympiasiegerin 1980, "Weltwintersportlerin des 20. Jahrhunderts".

Die zentrale Frage, um die die Verhandlung in Bludenz bis weit in den Abend hinein kreiste, war eine, die im Grunde niemand vor Gericht behandelt haben will. Aber jetzt ist sie in der Welt: War es einst Karl Kahr, der die junge Annemarie Moser-Pröll entjungfert hat, als sie gerade mal 15 Jahre alt war? Und schützt sie Kahr heute dennoch, wider besseren Wissens, gegen die diversen Anschuldigungen des schweren Missbrauchs anderer Sportlerinnen?

Das also verhandelt Österreich jetzt in aller Öffentlichkeit. Die (mutmaßlichen) Bettgeschichten seiner größten Helden. Freiwillige, halbfreiwillige, dramatisch unfreiwillige. Moser-Pröll und Kahr bestritten vor Gericht das alles ausdrücklich, und weil sie als Zeugen auftraten, auch dezidiert unter Wahrheitspflicht.

Warum das nun plötzlich wichtig ist für die Wahrheitsfindung, hat einen fast kuriosen Hintergrund: Es waren Kahr und sein Anwalt Manfred Ainedter selbst, die den Fall vor Gericht brachten, und die Annemarie Moser-Pröll nun in die Affäre mit hineingezogen haben: Mit einer Privatklage gegen eine ehemalige Rennläuferin aus Vorarlberg sowie ihren Ehemann.

Es war der November 2017, die ehemalige ÖSV-Rennfahrerin Nicola Werdenigg hatte im Zuge der aufkeimenden #MeeToo-Debatte als erste von Missbrauchsfällen im österreichischen Ski-Team berichtet - unter anderem von der Vergewaltigung durch einen Teamkollegen. Und Moser-Pröll, die erfolgreichste Zeitzeugin jener Jahre? "So lange ich im aktiven Rennsport mit dabei war", sagte sie, "hat sich bei uns überhaupt nichts zugetragen, nicht das Geringste." Daraufhin schickte eine weitere ehemalige Teamkollegin ihr wütende WhatsApp-Nachrichten, darin auch das pikante Detail: Kahr als angeblicher "Entjungferer" von Moser-Pröll, "du warst noch keine 16".

Sie solle doch wenigstens gar nichts sagen, anstatt die Verhältnisse auch noch zu verharmlosen, wo sie doch selbst viel mehr wisse - das sei die Intention dieser Nachrichten gewesen, sagte die ehemalige Läuferin am Freitag vor Gericht. Ihr Ehemann hatte Moser-Pröll später Ähnliches geschrieben: Kahr habe gemeinsam mit Toni Sailer "Mädchen missbraucht und gebrochen" - Sailer, 2009 verstorben, war seinerseits einer der größten Skihelden des Landes, und später, als Kahr Trainer war, Sportlicher Leiter im ÖSV.

Moser-Pröll, das schilderte sie nun vor Gericht, rief Kahr an und las ihm die Nachrichten vor. Der ging zum Anwalt, der Anwalt verlangte eine Unterlassung - nachdem weder die Läuferin noch ihr Mann etwas zurücknehmen oder sich entschuldigen wollten, ging die Sache vor Gericht.

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