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Ski alpin:Abgründe einer goldenen Vergangenheit

07 02 2013 Tirolberg Schladming AUT FIS Weltmeisterschaften Ski Alpin AIPS Night im Bild Charl

Der ehemalige Cheftrainer Karl Kahr zieht seine Berufung zurück.

(Foto: Eibner/imago)
  • In Bludenz beginnt der Gerichtsprozess um mutmaßlichen Missbrauch im österreichischen Skisport.
  • Der ehemalige Trainer Karl "Charly" Kahr klagt gegen eine Ex-Rennläuferin und deren Ehemann, von denen er sich verleumdet fühlt.
  • Auch Annemarie Moser-Pröll, Österreichs Jahrhundertsportlerin, sagt im Prozess aus.

Um 20:39 Uhr sitzt sie dann tatsächlich auf dem Holzstuhl in der Mitte des Saales, Bezirksgericht Bludenz in Vorarlberg, erstes Obergeschoss, die Beine übereinandergeschlagen: Österreichs Jahrhundertsportlerin.

"Sieben Stunden, des is ein Wahnsinn", sagt Annemarie Moser-Pröll.

Sieben Stunden, so lange läuft der Prozess da schon, so lange hat die 65-Jährige warten müssen unten im Zeugenzimmer. Und jetzt soll sie tatsächlich über ihre Entjungferung reden.

Um kurz vor 14 Uhr hatte Richterin Daniela Flatz die Tür aufgesperrt, gegen viertel nach zwei musste der Gerichtsvorsteher die Polizei holen, weil Zuschauer Stühle vom Gang ins Sitzungszimmer geschleppt hatten, das geht natürlich so nicht. Brandschutzverordnung. Als dann vier Stunden später klar ist, dass die Sache heute bis Mitternacht gehen kann, da lässt der Anwalt Manfred Ainedter den Herrn Hofrat Gerichtsvorsteher tatsächlich mit zehn Euro runter auf die Straße laufen, damit der den Taxifahrer ausbezahlt, für den es noch längst niemanden zum Abholen gibt.

"Keine Ahnung, wie man sich so was zusammenreimen kann", sagt Kahr

Man kann jene Frage, um die die stolze Skination Österreich seit Monaten kreist, halt auch nicht im Schnelldurchgang abhandeln. Sexueller Missbrauch an Rennläuferinnen in den 1960er- und 70er-Jahren, auch an Minderjährigen, und der angebliche Haupttäter: der Chefcoach persönlich, Karl "Charly" Kahr, 85 inzwischen, Österreichs Trainer-Ikone. Das ist der Vorwurf, der im Raum steht. Und die Frage war nun, ob Moser-Pröll, die einst beste Rennläuferin von allen, Olympiasiegerin in der Abfahrt 1980, fünfmal Weltmeisterin, sechs Gesamtweltcup-Siege, davon wirklich nie auch nur die kleinste Kleinigkeit mitgekriegt hat.

Nachdem Anwalt Ainedter, der Kahr in der Sache vertritt, das erste Mal das Wort ergriffen hat, ist dann klar, dass dieses Gerichtsdrama um Sex, Missbrauchsvorwürfe und Dementis am Ende in einer viel persönlicheren Frage kulminieren wird. Hat Kahr, der Trainer, Moser-Pröll, die ihm anvertraute Rennläuferin, einst sogar entjungfert? Noch ehe sie 16 Jahre alt war?

"Ich bin weder sexuell belästigt, noch missbraucht, noch vom Charly entjungfert worden", sagt Moser-Pröll. "Ich hab nie jemanden geschändet, vergewaltigt oder Sex gehabt", versichert Kahr. "Na, Sex werden'S scho g'habt haben", vermutet Richterin Flatz, "aber halt nicht mit diesen Mädchen." - "Nein, genau", sagt Kahr. "Keine Ahnung wie man sich so was zusammenreimen kann. Ich habe nicht auf so einem Niveau gelebt."

Kahr ist in Bludenz nicht der Angeklagte, er hat geklagt

Es gibt keinen Sport, der den Österreichern so viel bedeutet wie das Skirennfahren, gerade die Erfolge jener Zeit haben das Land vereint hinter seinen Pistengrößen. Und nun also, 50 Jahre später: eine Heldenzertrümmerung vor Gericht, die das Land wieder spaltet. Wem soll man glauben? Den Frauen, die von Leid und Missbrauch erzählen? Den alten Helden? "Das war doch auf Frieden aufgebaut", sagt Moser-Pröll am Freitag in Bludenz. Und nun all das. "Statt dass man zufrieden wär."

Allerdings, das muss schon dazugesagt werden, sind es in diesem Prozess Kahr und sein Anwalt, die Moser-Pröll samt der pikanten Details an die Öffentlichkeit zerren. Kahr ist in Bludenz nicht der Angeklagte, er hat geklagt, gegen eine seiner ehemaligen Rennläuferinnen und deren Ehemann, von denen er sich verleumdet fühlt.

Begonnen hatte die Geschichte im November 2017, da berichtete Nicola Werdenigg, Mädchenname Spieß, im Standard über sexuellen Missbrauch zu ihrer Zeit als Rennläuferin. Als junge Sportlerin sei man im Österreichischen Skiverband (ÖSV) damals "Freiwild" gewesen, sie selbst sei von einem Teamkollegen vergewaltigt worden. Werdenigg warf den Stein, der jetzt immer höhere Wellen schlägt. Den Namen Kahr brachten dann Anfang Februar zwei weitere Läuferinnen ins Spiel, in der SZ. Eine berichtete, sie sei von Kahr 16-jährig vergewaltigt worden, eine weitere erzählte von einer versuchten Vergewaltigung sowie dem Versuch, sie in einem Zugabteil zu Oralverkehr zu zwingen. Beide Frauen wollten anonym bleiben, gaben aber eidesstattliche Erklärungen ab. Auch gegen die SZ hat Kahr deshalb Klage eingereicht, vor dem Strafgericht in Wien.

Die Sache in Vorarlberg nahm schon vorher ihren Lauf. Da verfolgte eine ehemalige Rennläuferin, was ihre einstige Zimmerkameradin zu der Debatte zu sagen hatte: Moser-Pröll. Etwa das: "So lange ich im aktiven Rennsport mit dabei war, hat sich bei uns überhaupt nichts zugetragen, nicht das Geringste." Oder das: "Ich hätte mich zu wehren gewusst."

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