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Silber-Turner Hambüchen und Nguyen:Schöner als Träumen

Die deutschen Turner gewinnen zum Abschluss der Geräte-Wettkämpfe zwei Silbermedaillen, mit denen kaum jemand rechnete: Marcel Nguyen beeindruckt am Barren, Fabian Hambüchen nutzt am Reck seine letzte Chance. Dabei helfen Gedanken an die heimische Turnhalle.

Von Aufregung war bei ihm nichts zu merken. Turner Marcel Nguyen hatte die überragende Woche seiner bisherigen Sportler-Laufbahn hinter sich. Am vergangenen Mittwoch hatte er mit Silber die erste deutsche Medaille im Mehrkampf seit 76 Jahren geholt. Aber es gab ja noch einen Wettkampf, und er sagte deshalb, er werde nicht feiern und nicht trinken, also dem geregelten Wettkämpfer-Alltag nachgehen - aber geht das?

Medaillen-Turner Nguyen und Hambüchen

Silber-Jungs

Gibt es einen Alltag bei Olympia? Behält man die Bilder vom Sieg nicht weiter, und lassen sie einen nachts schlafen? Und kann man als 24-jähriger internetvernetzter Sportler sich voll aufs weitere Training einlassen und zum Beispiel ausblenden, dass man nun zu den Olympiateilnehmern mit den höchsten Facebook-Zuwächsen im Freundeskreis zählt? Nguyen konnte.

Am Dienstag war der letzte Tag der Wettkämpfe im Geräteturnen und auf dem Programm standen wie immer spektakuläre Geräte. Die Anspannung war entsprechend groß, aber dann wurde es für die deutschen Turner ein Abschluss, wie sie ihn sich in kühnen Träumen nicht hatten vorstellen können.

Nguyen holte nachmittags Silber am Barren, Fabian Hambüchen am frühen Abend Silber am Reck. "Besser hätte es nicht laufen können", sagte Bundestrainer Andreas Hirsch, der Hambüchen diesmal als Coach begleitet hatte. "Und bei Nguyen haben wir den Europameister gesehen", seine Übung sei ähnlich gut ausgeführt worden wie bei seinem EM-Titel im Mai.

Hambüchen hatte sich nach seinem gescheiterten Versuch im Mehrkampf noch über eine Pferd-Note geärgert und war dann unter gehörigem Druck gestanden - das Reck war seine letzte Chance. Wieder stand er vor der Frage, wie viel er riskieren sollte. Hambüchen entschied sich für eine geringere Schwierigkeit und mehr Sauberkeit. 0,2 Punkte turnte er weniger, aber im Ergebnis war es mehr. Der 24-Jährige ließ unter anderem Chinas Weltmeister Zou Kai hinter sich.

Er sehe seit Dienstag wieder etwas älter aus, sagte Hirsch, aber: "Ich bin stolz auf ihn." Nur für einen Moment war er auf Platz eins gelegen, dann aber kam die Show des Epke Zonderland. Der Niederländer ist ein anderer Turner als Hambüchen, er liebt das Risiko - und das zahlte sich aus. Zonderland bewältigte sämtliche Schwierigkeiten seiner 7,9 Punkte teuren Reck-Übung und setzte den Abgang dann auch noch in den Stand.

Ähnliche Nervenstärke hatte Stunden zuvor der Unterhachinger Marcel Nguyen am Barren gezeigt. Schon der Mehrkampferfolg vergangene Woche war eine Überraschung; dass er am Barren noch einen drauflegen würde, wurde noch weniger erwartet.

Im Mehrkampf hatte er zwar schon einmal eine hohe Note (15,833) erreicht, doch ob ihm noch einmal eine fehler- und wacklerfreie Ausführung mit sicherem Abgang gelingen würde, war immer noch ungewiss. Schließlich trug Nguyen jahrelang den Ruf eines hochkarätigen und schlampigen Talents. Aber er trat an, schwang sich hoch und hielt sich schön gerade.

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Bild vom fahrlässigen Talent verblasst

Nguyen bekam diesmal 15,800 Punkte an seinem Lieblingsgerät. Besser war nur der Chinese Feng Zhe mit 15,966 Zählern. Bronze ging an den Franzosen Hamilton Sabot (15,566). Hinterher sagte Marcel Nguyen, alles sei gar nicht so schwer gewesen. "Es war gut", sagte er, "dass ich schon einmal Silber hatte, so war ich ruhiger." An Gold hatte er angesichts der überragenden Vorführung von Feng nicht geglaubt, in kühneren Träumen an Bronze, aber nicht an Silber. Sein Trainer Valeri Belenki vielleicht schon eher, er sagte: "Wir waren gut vorbereitet, auch Übungen aus der Kälte zu machen."

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Mit der Kälte hat er nicht den Londoner Regen und Wind gemeint, sondern die Tatsache, dass man sich bei den Olympia-Finals vor den Übungen nicht einturnt. Überhaupt war es ein außergewöhnliches olympisches Barrenfinale. Zwei Brüder aus Japan waren dabei, und erstmals neun statt acht Turner. Denn der Chinese Zhang Chenglong und der Franzose Sabot hatten es geschafft, in der Qualifikation jeweils exakt eine 15,366 zu turnen und damit auf Platz acht zu landen.

Für Marcel Nguyen spielte all dies kaum eine Rolle. Er habe sich konzentriert wie immer, sagte er. Nguyen hatte am Barren im Laufe der vergangenen sieben Jahre ja auch beachtliches Selbstbewusstsein aufgebaut, jedes Jahr ein Stückchen mehr. In Zeiten, da sich im deutschen Turnen viele auf das Reck spezialisieren, blieb Nguyen an diesem deutschen Königsgerät konsequent ungenau und wackelig und brachte es dafür an den zwei Holmen zu immer größerer Präzision. Der vorläufige Höhepunkt kam dann Ende Mai, als er in Montpellier Europameister wurde.

In London steigerte er sich noch, das Bild vom fahrlässigen Talent verschwindet allmählich. Der Unterhachinger hat zwar eine exzellente Turner-Figur mit schlanker Taille und geraden Beinen, nur muss er eben noch lernen, sie im entscheidenden Momente parallel zusammenhalten. Im Mehrkampf-Finale ist ihm das ja bereits gelungen, und auch im Einzel-Endkampf hatten die Punktrichter an seiner Haltung nichts auszusetzen, sie gaben ihm sogar eine bessere B-Note als Feng. Sorgen, sagte Trainer Belenki, habe er eigentlich nur kurz vor Schluss gehabt.

Nguyens Übung ist wie eine gute Ge-schichte, die Spannung steigert sich allmählich zu einem späten Höhepunkt. Sein Abgang, der so genannte Tsukahara, ist nun allmählich auch außerhalb der reinen Turn-Szene bekannt: einerseits, weil er großen Anteil an Nguyens Erfolgen hat, andererseits, weil Nguyen der Einzige ist, der ihn zurzeit vorführt. Doch Trainer Belenki sagt, der entscheidende Moment komme schon zuvor, beim Schwungholen.

Da muss sich Nguyen gleichzeitig drehen und dann weit zur Kerze strecken, sonst fehlt ihm das Tempo für den Doppelsalto mit ganzer Drehung. Nguyen sagte später: "Ich habe mir einfach vorgestellt, ich sei jetzt zu Hause in meiner Turnhalle, und dann hat alles gepasst." Tatsächlich: die Kerze, der Schwung und das Ende.