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Zwölf besondere Olympioniken:Wenn Oberschenkel Angst einjagen

Wer waren die prägendsten Figuren der ersten Olympia-Woche? Ein Teenager schwimmt schneller als Michael Phelps, Bradley Wiggins fühlt sich wie einer von den "Beatles", der deutsche Radfahrer Förstemann verblüfft mit monströsen Schenkeln. Und was ist eigentlich mit Tommy Haas?

Zwölf Geschichten aus London

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Zwölf besondere Olympioniken:Ye Shiwen

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Quelle: AP

Wer waren die prägendsten Figuren der ersten Olympia-Woche? Eine junge Chinesin schwimmt schneller als Michael Phelps, Bradley Wiggins fühlt sich wie einer von den Beatles, ein deutscher Radfahrer verblüfft mit seinen monströsen Schenkeln. Und was ist eigentlich mit Tommy Haas?

Zwölf Geschichten aus London.

Ye Shiwen: Nein, das konnten sich die Amerikaner nicht gefallen lassen: Da kommt eine 16 Jahre alte Chinesin daher und gewinnt am ersten Tag gleich Gold über 400 Meter Lagen. Und das auch noch in dieser Zeit: Ye Shiwen verbesserte ihre persönliche Bestzeit gleich um sieben Sekunden und war auf den letzten 50 Metern sogar schneller als Michael Phelps. Das kann nicht mit rechten Dingen zugehen. US-Coach John Leonard bezichtigte die Chinesin sogleich des Dopings.

Die Schwimmerin reagierte und schrieb im sozialen Netzwerk Sina Weibo: "Wenn eine andere dieses Resultat erreicht hätte, hätten sie wohl von einem Wunder gesprochen." Ohne jemanden anklagen oder freisprechen zu wollen: Es ist doch verwunderlich, dass die amerikanischen Trainer die Leistungen von Ye Shiwen für "lächerlich" erklären, während die eigenen Athleten insgesamt 30 Medaillen holen - fragwürdig auch, dass der heftigste Protest an dem Tag stattfand, an dem der Amerikaner Michael Phelps den olympischen Medaillenrekord brach.

(jüsc)

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Zwölf besondere Olympioniken:Bradley Wiggins

Bradley Wiggins

Quelle: AP

Bradley Wiggins: Es gibt Sachverhalte, die erlauben keine zwei Meinungen. Da ist die Lage so klar und eindeutig, dass sich jeder Zweifel verbietet. So sieht ein britischer Buchmacher normalerweise keinen Spielraum für Eventualitäten - bei Bradley Wiggins jedoch spielen spätestens seit seinem Olympiasieg im Zeitfahren nicht nur die Paten der Wettbüros verrückt. Tour-Sieg und Goldmedaille, der 32-Jährige wird wohl nie populärer sein als in diesem Sommer.

Es gibt Buchmacher, die haben schon jetzt den Gewinn an Kunden ausgezahlt, die auf den Radfahrer als "BBC Sports Personality of the Year" getippt hatten. Zu den olympischen Rennen in der Hauptstadt standen Millionen an der Straße und Wiggins muss Fragen beantworten, ob er nun nach vier Gold-, einer Silber und zwei Bronze-Medaillen auf Bahn und Straße seit 2000 der GBOAT sei, der "Greatest British Olympian of All Times". Momentan würde Wiggins diese Wahl haushoch gewinnen. Er sagt: "Ich weiß jetzt, wie sich die Beatles gefühlt haben." Die hatten zwar kurzzeitig ähnlich schöne Koteletten wie "Wiggo" - Olympioniken waren sie aber nie.

(fred)

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Zwölf besondere Olympioniken:Shin A Lam

South Korea's Shin reacts after being defeated by Germany's Heidemann during their women's epee individual semifinal fencing competition at the ExCel venue at the London 2012 Olympic Games

Quelle: REUTERS

Shin A Lam: Im TV-Betrieb während der Spiele gibt es wenig Raum zwischen schwarzer, roter und goldener Berichterstattung. Umso erstaunlicher war der Abend des Degenhalbfinales der Frauen. In einstimmigem Lamento besang die London-Berichterstattung eine südkoreanische Fechterin, die gerade das Finale verpasst hatte. Doch Shin A Lam hatte nicht nur verloren, in der letzten Sekunde, die eigentlich die letzte Hundertstelsekunde war. Es war zudem höchst umstritten.

Eine Stunde saß die vermeintlich Geschlagene auf der Planche, das Regelwerk zwang sie - während der Protest ihrer Betreuer lief -, in aller Öffentlichkeit zu leiden. Während abseits der Scheinwerfer diskutiert wurde, weinte Shin erst, dann zitterte sie vor Erregung, dann weinte sie wieder. Irgendwann kauerte sie am Rand der Planche, allein. Kurz zuvor hatte ihr jemand ein Handtuch über die Schultern gelegt. Eine Stunde nach dem letzten "en garde" erfuhr Shin, dass sie verloren hatte. Endgültig. Sie warf das Handtuch von sich. Sie war untröstlich - auch der Ehrenpreis des Weltverbandes wird da keine Hilfe sein.

(fred)

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Zwölf besondere Olympioniken:Deutsche Radlerinnen

Olympia 2012: Bahnradsport

Quelle: dapd

Deutsche Radlerinnen: Eigentlich müssten Kristina Vogel und Miriam Welte ihre Karriere beenden. Und zwar sofort. "So viel Glück, wie wir hatten, kann man nicht noch einmal haben", erkannte Welte und schüttelte ungläubig den Kopf. Um ihren Hals baumelte eine Medaille, die Farbe: Gold. Dabei waren Vogel/Welte im Bahnrad-Teamwettbewerb keineswegs die Schnellsten. Zwei Teams waren zuvor disqualifiziert worden, jeweils profitierte das deutsche Duo direkt von den Entscheidungen des Schiedsgerichts: Erst erwischte es Gastgeber Großbritannien nach dem Viertelfinale, als die Regelhüter einen Wechselfehler monierten.

Statt um Bronze fuhren Vogel und Welte plötzlich um Gold. Dort jubelte das chinesische Duo bereits, weil es Vogel/Welte eindeutig distanziert hatte. Zu früh: Auch Gong Jinjie und Guo Shuang war ein Wechselfehler unterlaufen, es ging nur um wenige Millimeter, die Shuang zu früh über die Linie gefahren war. Die Chinesen waren raus, Gold ging nach Deutschland. Und als hätte Welte es geahnt: Sie hatte ihr Glück tatsächlich aufgebraucht. Im Einzel-Wettbewerb schied sie bereits im Halbfinale aus. Sie hatte den entscheidenden Antritt verpasst. Diesmal griffen die Schiedsrichter nicht helfend ein.

(ebc)

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Zwölf besondere Olympioniken:Christian Ahlmann

Olympic Games 2012 Equestrian Jumping

Quelle: dpa

Christian Ahlmann: Der deutsche Reiter holte mit seiner Gerte aus und schlug seinem Pferd "Codex One" kräftigst auf die Hüfte. Der zehnjährige Hengst hatte beim ersten Hindernis einer Zweifachkombination zwei Stangen abgeworfen und vor Schreck den folgenden Oxer verweigert. Christian Ahlmann wäre von dem eingeschüchterten Tier fast abgeworfen worden - für ihn offenbar Grund genug, zuzuschlagen. Das Reglement verbietet solche Aktionen nicht. Zum Abschluss seines Ritts zwang er den Hengst, das Hindernis noch einmal zu bewältigen, doch das nützte dem 37-Jährigen nichts mehr. Mit 15 Strafpunkten schied er frühzeitig aus. "Beim Einspringen in die Kombination hat Codex einen Schreck bekommen", klagte Ahlmann später, "immerhin ist er dann wieder normal gesprungen."

Vor vier Jahren in Peking wurde Ahlmann von den Spielen suspendiert, da sein Wallach das unerlaubte Mittel Capsaicin im Körper hatte. Der Deutsche Tierschutzbund hatte seine erneute Nominierung heftig kritisiert. Und noch eine kleine Geschichte: Wie bekannt wurde, brachte Ahlmanns Freundin kurz vor dem Olympiastart per Kaiserschnitt das gemeinsame Kind zur Welt - zehn Tage vor dem errechneten Geburtstermin. Damit sich der Reiter besser auf Olympia konzentrieren kann. 

(mane)

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Zwölf besondere Olympioniken:Ian Millar

Ian Miller

Quelle: AP

Ian Millar: Als der deutsche Kugelstoßer David Storl im Juli 1990 geboren wurde, war Ian Millar 43 Jahre alt. Als Storl eingeschult wurde, erlebte der Kanadier in Atlanta gerade seine sechsten Sommerspiele. 2012 ist Storl nun olympischer Silber-Gewinner. Und Millar? Reitet immer noch. Im Hindernisspringen stellte er einen bemerkenswerten Rekord auf: Der 65-Jährige startete bereits in seine zehnten Spiele, so viele schaffte kein anderer zuvor; er zog damit an dem österreichischen Segler Hubert Raudaschl und dem Schützen Afanasijs Kuzmins (UdSSR/Lettland) vorbei, die jeweils neunmal dabei waren.

Schon 1972 in München war Millar, damals 25, am Start. In den Jahren darauf verpasste er nur die Boykott-Spiele 1980 in Moskau - sonst wären es in London bereits seine elften Spiele. Der Kanadier ist jedoch ein Gentleman, sieht dies nicht als seinen eigenen Verdienst, sondern sagt: "Ich habe das Glück gehabt, in diesen mehr als vierzig Jahren immer Pferde zu haben, die die Klasse hatten." Drängt sich natürlich die Frage auf, ob nicht irgendwann mal Schluss ist. Eine Medaille hat Millar schließlich schon, 2008 in Peking gewann er mit der Mannschaft Silber. Millar hat andere Sorgen: Er denkt ans Geld. "Das kanadische Springreiter-Team erhält eine sehr, sehr kleine Rente", rechnet er vor. Solange er "das richtige Pferd" hat, wie Millar sagt, will er weitermachen. 

(ebc)

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Zwölf besondere Olympioniken:Sonja Pfeilschifter

Olympia 2012: Schiessen

Quelle: dapd

Die Geschichte von Sonja Pfeilschifter und den Olympischen Spielen ist eine der Tränen. Fünf Mal kämpfte die Sportschützin um eine Medaille, verlassen hat sie die Spiele stets erfolglos und mit feuchten Augen. Auf diese Kontinuität konnte man sich auch in diesem Jahr verlassen: Nach dem verpassten Finale und Platz 19 in London flossen bei der 41-Jährigen die Tränen.

"Ich darf eigentlich nichts sagen, das ist mir verboten worden", sagte die Bayerin und dann betonte sie noch, eigentlich nicht "ausschweifen zu wollen". Das tat sie dann aber doch: Der Deutsche Schützenbund (DSB) belaste seine Sportler mit zu hohen Erwartungen. "Die Goldmedaille wurde von mir verlangt", so Pfeilschifter, "dass das auch nicht immer so einfach ist, müssen sie halt mal kapieren." Nach der erneut verpassten Medaille sollte das - in Bezug auf Pfeilscheifter - beim DSB angekommen sein. 

(ska)

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Zwölf besondere Olympioniken:Xu Lili

London 2012 - Judo

Quelle: dpa

Xu Lili: Es ist doch einfach nur schön, wenn sich Dinge innerhalb der Familie regeln lassen, wenn es keinen hässlichen Streit gibt, sondern Einigkeit und Liebe. Die chinesische Familie Xu aus der Provinz Shandong ist so eine. Es gibt da die Schwestern Lili und Yuhua, beide betreiben Kampfsport.

Nun gibt es im Judo allerdings die Regel, dass jede Nation pro Gewichtsklasse nur eine Athletin zu Spielen entsenden darf, also legte Vater Shouquin bereits vor vier Jahren fest: Die Ältere, Yuhua, darf in Peking antreten, Lili dann in London. Yuhua war 2008 in der zweiten Runde ausgeschieden, Lili erreichte diesmal die Silbermedaille in der Klasse bis 63 Kilogramm. Sie darf übrigens zu den Spielen 2016 nach Rio. Papa Shouquin hatte auch das bereits geregelt: Wer mehr erreicht, darf erneut ran.

(jüsc)

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Zwölf besondere Olympioniken:Marc Hunter und Zac Purchase

Olympics Day 8 - Rowing

Quelle: Getty Images

Marc Hunter und Zac Purchase: Diese beiden Briten wollten unbedingt etwas sagen, doch das war gar nicht so einfach, weil die beiden Ruderer auch Minuten nach ihrem Rennen noch keine Luft bekamen. Sie hatten ja auch laufen wollen, doch auch das war ihnen nicht gelungen. Man musste ihnen aus dem Boot helfen, Purchase musste von zwei Helfern gestützt werden. Sie waren kaputt, fertig, völlig am Ende. Sie hatten Silber gewonnen - und nun wollten sie etwas sagen. Live im Fernsehen.

"Sorry", sagte Purchase. Er rülpste mehr als dass er sprach. "Sorry an alle, die wir enttäuscht haben." Dann lehnte er sich an seinen Kollegen Hunter, der auch nur ein "Sorry" hervorbrachte. Es ist wohl das erste Mal in der Geschichte der Olympischen Spiele, dass sich jemand dafür entschuldigt, nicht Gold gewonnen zu haben. Der Reporter, der die beiden interviewte, sagte übrigens mit Tränen in den Augen: "Ihr habt überhaupt niemanden enttäuscht."

(jüsc)

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Zwölf besondere Olympioniken:Robert Förstemann

Germany's Robert Forstemann keeps warm before the track cycling men's sprint race for 5th-8th places at the Velodrome during the London 2012 Olympic Games

Quelle: REUTERS

Robert Förstemann: Der Oberschenkel der Nation, ja sogar der Olympischen Spiele, ist Bahnradfahrer Robert Förstemann. Was so manche Frau als Taille trägt, hat Förstemann an den Beinen: 73 cm misst sein muskelbepackter Oberschenkel. Verantwortlich dafür ist nicht nur hartes Training, sondern ein Gendefekt, durch den der Muskelaufbau weniger begrenzt ist als bei anderen. Irgendwie ein X-Men dieser Förstemann. X-Förstemann. Nicht auszudenken, welchen Körper Förstemann durch London bewegen würde, wäre er Gewichtheber geworden. 

"Der Hosenkauf ist ein echtes Problem. Das ist alles Maßanfertigung", sagt er. Vielleicht tröstet ihn die Bronzemedaille im Teamsprint über sein modisches Problem hinweg. Zudem kann er sein Leid mit Teamkollege René Enders teilen: Der liegt mit einem Oberschenkelumfang von 70 cm nur knapp hinter Förstemann.

(ska)

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Zwölf besondere Olympioniken:Danny Boyle

Olympic Games 2012 IOC event

Quelle: dpa

Danny Boyle: Dieser Mann ist kein Sportler, er ist Regisseur - und doch ist er eine der wichtigsten Figuren dieser Olympischen Spiele geworden. Der Brite Danny Boyle hat die Eröffnungsfeier choreografiert und damit den Ton dieser Spiele vorgegeben. Dieser Ton lautet: Locker bleiben, nicht alles so ernst sehen.

Boyle selbst sagt: "Lass Geschmacksfragen außen vor, versuch nicht, Kunst zu fabrizieren! Es muss krachen, die Gegensätze müssen aufeinanderknallen! Bumm, bumm, bumm!" Die Eröffnungsfeier war, wie London ist: laut, bunt, schrullig - und genau so sind die Spiele bisher.

(jüsc)

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Zwölf besondere Olympioniken:Tommy Haas

Citi Open - Day 8

Quelle: AFP

Tommy Haas: Irgendwann vor Olympia stellte Tommy Haas das Lamentieren ein. Es machte schließlich keinen Sinn, der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) hatte seine Entscheidung getroffen: Der Tennisspieler durfte nicht nach London fahren, weil er die Qualifikationskriterien nicht erfüllt hatte. Und das, obwohl er in den Wochen nach dem Stichtag brillant aufspielte, das Turnier in Halle gewann, sogar Roger Federer schlug.

Die deutschen Tennis-Männer waren in London schließlich so gut wie gar nicht vertreten. Florian Mayer passten die Spiele irgendwie nicht in den Trainingsplan, Philipp Kohlschreiber beklagte eine leichte Verletzung - und sagte ebenfalls kurzfristig ab. Und Haas, der so heiß auf Olympia gewesen wäre? Spielte eben ein Turnier in Washington. Sehr erfolgreich übrigens: Nach einem Sieg über den Amerikaner Mardy Fish erreichte er das Finale, verlor dort jedoch gegen Alexander Dolgopolow aus der Ukraine. Zufrieden über den Turnierverlauf war Haas dennoch. "Wer hätte mir das in meinem Alter noch zugetraut?", sagte er, "das bedeutet mir sehr viel." Über seine Nichtnominierung für Olympia lamentierte er nicht mehr. 

(ebc)

© Süddeutsche.de/sas/jbe/lala
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