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Europa-League-Finale:Diego Carlos eröffnet die Flut aus Tränen

FC Sevilla - Inter Mailand

Die spielentscheidende Szene: Diego Carlos beim Fallrückzieher, den Romelu Lukaku unglücklich ins eigene Tor befördert.

(Foto: Federico Gambarini/dpa)

Bei Sevillas spektakulärem 3:2-Erfolg über Inter Mailand fliegen die Pointen nur so durch die Gegend. Die Geschichte des Spiels schreibt ein Innenverteidiger.

Von Milan Pavlovic, Köln

Antonio Conte stand jetzt still an der Seitenlinie. Während um ihn herum seine Spieler von Inter Mailand versuchten, sich vor der Welt zu verstecken und die ekstatischen Gegner vom FC Sevilla alle Regeln des Social Distancing ignorierten, wirkte der italienische Trainer so ruhig wie noch nie an diesem Abend. Fast 100 Spielminuten war er in seiner Coaching Zone herumgetigert, hatte unentwegt dirigiert und geschrien, Verwarnungen gefordert und sich mit Gegnern angelegt. Jetzt aber sah er aus wie ein Gentleman. Er nahm einen Schluck aus einer Wasserflasche, dann noch einen, guckte sich fast teilnahmslos das Treiben um ihn herum an und schien einen Plan zu schmieden, der ihm wenn schon nicht den Triumph, dann wenigstens das letzte Wort bescheren würde.

Als ob dieser Abend ein weiteres Ausrufezeichen benötigt hätte!

Es gibt herausragende Fußball-Spiele, die begnügen sich mit einer Geschichte; die vom verkannten Stürmer zum Beispiel, der ausgerechnet in seinem wichtigsten Match über sich hinauswächst; oder vom erfolgreichen, aber stark unter Druck stehenden Trainer, der völlig unerwartet hinschmeißt; oder von seinem gedemütigten Gegenüber, der endlich Genugtuung erfährt.

Und dann, selten, gibt es Spiele wie das 3:2 (2:2) zwischen dem FC Sevilla und Inter Mailand. Das Europa-League-Finale in Köln, das den Andalusiern den sechsten Triumph in diesem Wettbewerb einbrachte, lieferte so viele spannende Geschichten, dass Drehbuch-Kritiker über Verschwendung und szenaristische Übertreibung geklagt hätten. Die Pointen flogen durch die Gegend, wie es sonst in dieser Stadt nur die Kamelle an Karneval tun, und so viele potenzielle Heldenfiguren (und Schurken) hat man zuletzt höchstens in Marvel-Spektakeln erlebt. Wer aber war die Lichtgestalt des Abends?

Luuk de Jong erzielt zwei erlesene Kopfballtore

Erster Kandidat war Inters belgischer Torjäger Romelu Lukaku, der früh im Spiel einen Europacup-Rekord von Cristiano Ronaldo egalisierte, als er nach einem selbst herausgeholten Elfmeter auch im elften internationalen Spiel hintereinander getroffen und den Favoriten aus Italien rasch mit 1:0 in Führung gebracht hatte (5. Minute). Am Ende freilich hatte Lukaku seinen Fuß dann einmal zu oft an der falschen Stelle, aber darauf muss gesondert eingegangen werden.

Dann war da Luuk de Jong, 29, ein Versprechen in seinen frühen Jahren bei Twente Enschede, eine große Enttäuschung in der Bundesliga (gerade einmal sechs Tore in 36 Partien für Borussia Mönchengladbach). Über Eindhoven, wo er eine deutlich bessere Quote hatte, kam er zum FC Sevilla. Dort allerdings lief es auch nicht richtig rund (zuletzt elf Spiele ohne Tor) - bis er im Halbfinale dieser Europa League vor einer Woche als Einwechselspieler den 2:1-Siegtreffer gegen Manchester United erzielte. Danach wurde er für die Startelf des Endspiels nominiert, "ich habe es am Morgen erfahren und dem Coach gesagt, dass ich immer bereit bin", schilderte der Niederländer.

Er ließ Taten und ein Novum in einem Finale folgen: zwei erlesene Kopfballtore, einen Torpedo in Grasnarbennähe zum 1:1 (12.) und eine Bogenlampe zum 2:1 (33.). "Der Erfolg der Mannschaft ist wichtiger als meine Tore", sagte de Jong. "Aber einen Titel zu holen und dabei Tore erzielt zu haben, fühlt sich wunderbar an." Kurios: Inters Defensive schaffte es beim zweiten Treffer, den fast 1,90 Meter langen Stürmer aus den Augen zu verlieren. Weil das danach nicht mehr geschah, stand de Jong am Ende nicht mehr allein im Rampenlicht.

Ohnehin hielt kurz nach Sevillas erster Führung auf der anderen Seite Diego Godín ein Plädoyer in eigener Sache: Der Uruguayer, inzwischen auch schon 34 Jahre alt, erzielte postwendend das 2:2 (36.), auch er per Kopf, auch er nach einer Standardsituation. Der Verteidiger, früher in Diensten von Atlético Madrid, ist erst der sechste Spieler, der in Endspielen der Champions League und der Europa League getroffen hat. Aber auch das reichte nicht zur Rolle des Helden.

Zu der schwang sich ausgerechnet, ja, das musste kommen: ausgerechnet Diego Carlos auf. Sevillas Innenverteidiger, an beiden Gegentoren direkt beteiligt durch tölpeliges Vorgehen gegen Lukaku, hatte sich in der 69. Minute einen fetten Verband um den Oberschenkel anlegen lassen. Fünf Minuten später stieg er im Inter-Strafraum in die Luft, mit dem Rücken zum Tor, und vollendete einen Fallrückzieher mit dem rechten Fuß. Es wurde das 3:2 - auch wenn der Ball ohne Fremdeinwirkung nie im Tor gelandet wäre. Kurz danach musste Diego Carlos ausgewechselt werden, und noch während das Spiel lief, saß er heulend auf der Bank, alles musste raus.

Inter-Trainer Antonio Conte raubt Sevilla Aufmerksamkeit

Er eröffnete damit eine Flut aus Tränen, reihum schüttelte ein kollektiver Dammbruch Sieger und Verlierer, bei denen Lukaku die Zeremonie schwänzte. Niemand litt so fotogen wie Sevillas Trainer Julen Lopetegui, 53, der zunächst zu Boden sank wie einst Willem Dafoe in "Platoon": die Arme in Opfer-Pose nach oben gerissen, die Augen geschlossen; als würde er noch einmal die vergangenen zwei Jahre reflektieren, als er zunächst wenige Tage vor der WM 2018 als Nationaltrainer Spaniens entlassen wurde, weil herauskam, dass er schon einen königlich dotierten Vertrag bei Real Madrid unterschrieben hatte. Dort wurde er dann nach einigen turbulenten Monaten und einem 1:5 in Barcelona vom Hof gejagt.

Und erst die Tatsache, dass der FC Sevilla zuletzt von der Spur abgekommen war, gab Lopetegui die Chance, es besser zu machen. "Auch wenn wir heute nicht gewonnen hätten, wäre es eine große Team-Leistung gewesen", sagte er, als er wieder reden konnte und sich bei der Entourage des Klubs bedankte, die auf den weitgehend verwaisten Rängen wieder für einen infernalischen Lärmpegel sorgte. "Das ist eine große Familie, das hat uns viel gegeben", lobte Kapitän Jesus Navas, der 2006 und 2007 bei den ersten internationalen Triumphen des Klubs dabei gewesen war - Nummer drei bis fünf aber verpasst hatte, weil er bei Manchester City unter Vertrag stand.

Sevillas Trainer Julen Lopetegui nach dem Schlusspfiff.

(Foto: AFP)

Die Andalusier waren trotz ihrer makellosen Bilanz in Europa-League-Finals (fünf Teilnahmen, fünf Siege) und ihrer beachtlichen Form (20 Partien ohne Niederlage) als Außenseiter ins Endspiel gegangen, aber ihr Teamwork überstrahlte die Star-Power von Inter; kaum jemand hatte zudem damit rechnen können, dass die Spanier feiner kombinieren würden. Die Italiener hingegen schafften es in der wilden ersten Halbzeit nicht, das Spiel zu beruhigen. Und in der kontrollierten zweiten Halbzeit gelang es ihnen kaum, den satten Ballbesitzvorteil in Chancen umzuwandeln. Lukaku bekam bloß noch eine Chance (65.), sein ebenfalls gefürchteter Sturmpartner Lautaro Martínez keine einzige. Inter wirkte planlos und nach der fordernden Saison und den zehrenden ersten 40 Finalminuten plötzlich sehr, sehr müde. Fast gewann man den Eindruck, die Tiraden ihres Trainers hätten die Beine noch schwerer werden lassen.

Conte, 51, ist ein Trainer, der Siege bringt, den es aber nirgendwo lange hält - drei Jahre waren bisher das Maximum. Er ist nun auf Anhieb zweimal Zweiter mit Inter geworden, in der Liga knapp hinter Juventus, in der Europa League knapp geschlagen. Doch während die neuen Besitzer des Klubs, finanzkräftige Chinesen, durchaus etwas mit diesem Trainer aufbauen wollen, geht dieser immer mehr auf Distanz.

Vor ein paar Wochen überraschte Contes Litanei, seine Arbeit werde nicht genug gewürdigt. Am Finalabend verblüffte im Grunde nur noch der Zeitpunkt, als der Mann aus dem Süden Italiens direkt nach dem Finale andeutete, er müsse jetzt sehen, was wichtiger sei: Fußball oder die Familie. "Wir werden die Saison in Ruhe analysieren und versuchen, die Zukunft von Inter zu planen - ob mit mir oder ohne mich", sagte der Coach bei Sky Sport Italia. Er fuhr fort, und der Abschiedsunterton war gewollt: "Es war ein schönes Jahr für mich. Ich danke allen, die mir die Chance für die wunderbare Erfahrung gegeben." Doch die Kritik fand er zuletzt zu hart: "Alles hat eine Grenze, ich möchte nicht, dass mein Privatleben beeinträchtigt wird."

Mit seinem Ego-Auftritt raubte Conte dem Gegner einiges von der Aufmerksamkeit. Gnädig wollte dagegen die Uefa sein, die stundenlang Diego Carlos das Siegtor zuschrieb, obwohl jeder wusste, dass erst Lukaku den Ball ins Tor befördert hatte, weil er als Stürmer seinen Fuß nicht bändigen konnte. Jeder, der diese Partie gesehen hat, wird sie und den Lukaku-Aussetzer nicht mehr vergessen. Und so hatte dieses Finale doch noch seine eindeutige tragische Figur.

© SZ.de/chge
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