Serena Williams in Wimbledon:Noch mal kurz raus aus dem Office

Lesezeit: 5 min

Serena Williams

Eine Statue? Nein, sie ist es wirklich - Serena Williams nimmt beim Training im All England Club die Grundposition ein. So fängt man im Tennis an.

(Foto: Julian Finney/Getty Images)

Serena Williams ist für viele ein Vorbild: Frauenrechtlerin, Unternehmerin, reich, bestens vernetzt. Nun will sie in London, wo sie sieben Mal gewann, ein weiteres Mal Geschichte schreiben.

Von Gerald Kleffmann, Wimbledon

Pressekonferenzräume können sehr unterschiedlich sein. Groß oder klein, gemütlich oder funktional, verspielt oder schlicht. Der Pressekonferenzraum in Wimbledon ist gediegen und ehrfurchtsvoll. Der Teppich verschluckt die Gehgeräusche. Die Klappsitze quietschen nicht. Selbst die Stenotypisten, die vorne am Rand sitzen und wie mit Zauberhänden auf ihrer Zaubermaschine alles Gesagte in diesem Zimmer mitschreiben, so dass es Minuten später im Internet für jeden Journalisten zu lesen ist, sind nicht zu vernehmen. Alles ist so still. Man wagt kaum zu atmen an diesem markanten Ort. So geht es nicht nur Medienpersonen.

Auch Serena Williams staunte mit großen Augen, als sie sich vor ihrem ersten Match an diesem Dienstag der Öffentlichkeit präsentierte. "Es fühlt sich gut an, zurück in Wimbledon zu sein", sagte sie. "Ein bisschen surreal, wieder hier zu sitzen." Dann nahm sie etwas Druck aus der Ernsthaftigkeit und meinte flapsiger: "Hab ich das hier nicht gerade gemacht?" Sie meinte: hier vor der Presse zu reden. "Es ist nett, hier zu sein."

Serena Williams lachte dabei. Manchmal oder meistens gar kippt ja dann in solchen Momenten die Stimmung und wird etwas entspannter, auf beiden Seiten. Aber es blieb seltsam angespannt diesmal. Die Fragen hatten viel Schwere, Williams' Antworten oft wenig Tiefe. Als sie nach gut einer Viertelstunde wieder aufstand, war die Welt nicht fundamental, aber immerhin ein wenig schlauer, wie die große Hauptfigur dieser ersten Tage von Wimbledon nun wirklich über ihre Rückkehr denkt, die die Tennisbranche komplett überrascht hat.

Kann sie auf dem Tennisplatz noch einmal, vielleicht wirklich ein letztes Mal Großes erreichen?

Williams war schon mehrmals weg in ihrer Karriere, 2003/04 fehlte sie ein halbes Jahr nach einer Knieverletzung, 2006 noch einmal. 2010 musste sie eine Fußoperation erdulden, 2017 nahm sie eine Auszeit, als sie erstmals Mutter wurde. Die Geburt von Tochter Olympia verlief dramatisch, aber das stoppte sie nicht. Jedes Mal kam Williams zurück. Es hat zweifellos seine Gründe, warum diese bald 41-jährige Sportlerin längst mehr ist als eine Tennisspielerin. Sie ist für viele Vorbild, Frauenrechtlerin, Unternehmerin, Investorin, reich, einflussreich und bestens vernetzt.

Der Hollywood-Film "King Richard", der die Anfänge nachzeichnet von Serena und ihrer 15 Monate älteren Schwester Venus - auch sie ein Tennis-Champion -, war in mehreren Kategorien für den Oscar nominiert. Schauspieler Will Smith spielte Vater Richard und wurde ausgezeichnet. Viel mehr Ikonenstatus kann eine Sportart einer ihrer Protagonistinnen nicht zuschreiben, als ihn Serena erhält. Die Frage lautet diesmal: Kann sie auf dem Tennisplatz noch einmal, vielleicht wirklich ein letztes Mal Großes erreichen?

Alles nur ein Missverständnis: "Ich bin nicht zurückgetreten", erklärt Serena Williams. "Ich musste nur körperlich, mental gesunden."

Auf die Frage, warum sie nun zurückkehre, räumte Williams zunächst mal eine Art Missverständnis aus. "Ich weiß nicht. Ich bin nicht zurückgetreten. Ich musste nur körperlich, mental gesunden." Vor einem Jahr hatte sie in Wimbledon, in der ersten Runde gegen die Belarussin Alexandra Sasnowitsch, bei einer unglücklichen Bewegung einen Riss in der hinteren Oberschenkelmuskulatur erlitten und aufgegeben. Seitdem hatte sie mit Tennis ausgesetzt. Sie habe immer gewusst, sie komme zurück, nur was den Zeitpunkt betrifft, hatte sie "keine Pläne". Wimbledon, wo sie sieben ihrer 23 Grand-Slam-Titel gewann, sollte dann der Ort der Rückkehr sein, denn: "Es ist so ein großartiger Ort."

Zuletzt ging es schnell: Anfrage im Stillen bei Ons Jabeur vor den French Open, ob die beiden nach dem Sandplatzturnier in Eastbourne auf Rasen zusammen im Doppel spielen. Mitte Juni die öffentliche Bekanntgabe. Sofort herrschte Euphorie, hier Williams, die Überfigur, dort Jabeur, die kometenhaft auf den zweiten Weltranglistenplatz geklettert ist und große Sympathien als beste Spielerin genießt, die je aus dem arabischen Raum und Afrika kam. "Es hat Spaß gemacht", sagte Williams, nachdem beide zwei Matches bei dem kleinen WTA-Turnier vor Wimbledon gewonnen hatten. Aber: Erst an diesem Dienstag wird es wirklich ernst.

Serena Williams in Wimbledon: Ihr bisher letzter Triumph in Wimbledon? 2016, im Finale gegen Angelique Kerber. Die deutsche Championesse revanchierte sich im Endspiel zwei Jahre später.

Ihr bisher letzter Triumph in Wimbledon? 2016, im Finale gegen Angelique Kerber. Die deutsche Championesse revanchierte sich im Endspiel zwei Jahre später.

(Foto: Pool/Getty Images)

Im Einzel trifft sie auf die Französin Harmony Tan, Nummer 115 der Welt. Ist sie bereit? "Ich fühlte mich besser vorbereitet, als ich vor ein, zwei, drei Monaten dachte", versicherte Williams. Aus den wenigen Trainingseinheiten, die sie in Wimbledon zuletzt absolvierte, lässt sich wenig ablesen, außer: Sie haut schon noch mächtig drauf. Ihre Aufschlagbewegung ist noch die alte. Eine Chance immerhin wittert Sam Sumyk, der Trainer von Tan, von der im Grunde niemand spricht, so als gebe es sie gar nicht. Sumyk, ein respektierter Tour-Coach, der einst bei den zwei Grand-Slam-Siegen der Spanierin Garbiñe Muguruza involviert war, sagte dem Portal Tennis Majors: "Serena kann nicht auf dem Top-Level sein. Das geht nicht." Gleichzeitig weiß der Franzose: "Trotz allem - sie ist Serena."

Williams' bisher letzter Triumph in Wimbledon? 2016, im Finale gegen Angelique Kerber.

Die Konkurrenz hat nach wie vor Respekt vor ihren Fähigkeiten, andererseits, glaubt Sumyk, werde auch Williams "nervös" sein. Überdies ist es eine Weile her, dass sie große Endspiele gewann. 2016 besiegte sie in Wimbledon im Finale Angelique Kerber. Ihr 23. und bisher letztes Grand-Slam-Turnier hat Williams 2017 in Melbourne gewonnen, damals war sie schwanger, was noch keiner wusste. Seitdem: vier Grand-Slam-Finals, vier Niederlagen. Die Verwundbarkeit auf dem Platz zeigte sich schon, als sie noch häufiger spielte.

Williams selbst wirkt aber nicht so, als würde sie sich stressen, sollte sie jetzt nicht Wimbledon gewinnen, was natürlich ihr Ziel ist, wie sie in der ihr eigenen Art selbstbewusst zu verstehen gab. Mit welchem Ergebnis sie zufrieden sei, wurde sie gefragt - da lachte sie und meinte nur schnippisch: "Ihr kennt die Antwort." Sie machte überdies klar: Ihr Leben wird nicht mehr maßgeblich von Tennis bestimmt, im Gegenteil. "Es ist total anders", sagte sie. Oscars, Met-Gala, Serena Ventures, all das nehme inzwischen für sie "mehr Raum ein in meinem Leben als Turniere".

Ihre Schwester Venus Williams, gerade 42 Jahre alt geworden, ist diesmal nicht dabei, der Körper lässt es nicht zu.

Viel mehr wollte sie dazu indes nicht preisgeben. Sie investiere gerne in Firmen, die Oscars waren "fun", und das gekippte Abtreibungsrecht oder der Ausschluss russischer und belarussischer Profis in Wimbledon, das seien "schwere Themen". Auch auf ihre Trennung von ihrem langjährigen Trainer Patrick Mouratoglou ging sie nicht ein. In Wimbledon betreut sie Eric Hechtman, der Coach von Schwester Venus, die diesmal nicht im All England Club spielt. In der Weltrangliste ist sie, gerade 42 Jahre alt geworden, auf Platz 570 zurückgefallen. Serena, auf Platz 1204 geführt und damit so ziemlich am Ende der offiziellen Rangliste angelangt, hatte vom Turnier eine Wildcard erhalten, sonst hätte sie gar keine Chance gehabt, überhaupt in England anzutreten. Etwas überhöht formuliert: Göttinnendämmerung ist schon zu spüren.

Serena Williams in Wimbledon: 20 Jahre ist das inzwischen her: Serena Williams posiert erstmals mit der Trophäe der Wimbledon-Siegerin.

20 Jahre ist das inzwischen her: Serena Williams posiert erstmals mit der Trophäe der Wimbledon-Siegerin.

(Foto: Imago/Imago)

Serena Williams ist zweifellos nur noch Teilzeitprofi, ob dies ihr letztes Mal in Wimbledon sein wird, ließ sie auch offen wie so vieles. Manchmal wirkte sie auch ein bisschen gedanklich abwesend. Zumindest versicherte sie, sich nun mit Leidenschaft dem Tennissport zu widmen. Sie lässt mal ihr anderes Leben ruhen, auch das der Unternehmerin. "Ich bin momentan out of office, wenn ihr mich also anmailen wollt, bekommt ihr diese Out-of-office-Antwort", sagte sie lächelnd, und ergänzte einen Satz, der verriet, wo sie ihren Platz in der Welt nun eher sieht: "Jeder weiß, dass ich in ein paar Wochen zurück bin." Sie meinte ihr Leben ohne Tennis.

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