Missbrauch im Schwimmen:Der Stein beginnt zu rollen

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Missbrauch im Schwimmen: Die Missbrauchsvorwürfe von Jan Hempel erschüttern den deutschen Sport.

Die Missbrauchsvorwürfe von Jan Hempel erschüttern den deutschen Sport.

(Foto: Laci Perenyi/Imago)

Dem Deutschen Schwimm-Verband droht nach den von Jan Hempel geäußerten Missbrauchsvorwürfen der Entzug von Fördermitteln. Bei der DSV-Präventionsbeauftragten melden sich unterdessen immer neue mögliche Missbrauchsopfer.

Von Sebastian Winter

Nach den Missbrauchsvorwürfen des früheren Weltklasse-Wasserspringers Jan Hempel in Richtung seines damaligen Trainers Werner Langer steht eine Streichung öffentlicher Fördermittel für den Deutschen Schwimm-Verband (DSV) im Raum. Mahmut Özdemir (SPD), für den Sport zuständiger Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesinnenministerium, sagte in einem Beitrag der "Sportschau" am Sonntag, dass ein Verband, "der sexualisierte Gewalt, Doping oder andere interpersonelle Gewalt duldet, nicht aufklärt, vertuscht - solche Verbände dürfen keinen Cent von Steuermitteln bekommen". Konkret beim Namen nannte Özdemir den DSV nicht. Dessen Leistungssportdirektor Christian Hansmann hatte zuvor am Rande der Schwimm-Europameisterschaften in Italien gesagt, es könnte Konsequenzen wie finanzielle Einschnitte geben: "Das ist natürlich zu befürchten."

Für den Verband, den ohnehin Finanzierungsprobleme plagen - beispielsweise können die deutschen Wasserballerinnen nur dank eines Crowdfunding-Projektes von diesem Samstag an bei der EM in Split mitmachen -, wäre eine Streichung der Fördergelder ein schwerer Schlag.

Hempel hatte seinen Trainer, der im Jahr 2001 Suizid beging, in einer erstmals am vergangenen Donnerstag ausgestrahlten ARD-Dokumentation des massiven sexuellen Missbrauchs beschuldigt. Zwischen 1982 und 1996, also über 14 Jahre hinweg, sei er von Langer missbraucht und vergewaltigt worden, auch unmittelbar vor einem Olympiawettkampf 1992. Im Jahr 1997 habe sich Hempel der damaligen Bundestrainerin geöffnet, doch die Verbandsspitze habe seinen Fall vertuscht. "An mich ist die damalige DSV-Führung mit den Worten herangetreten, ,wenn du das an die große Glocke hängst, dann ist deine Sportart tot'", sagte Hempel der ARD am Sonntag in einer erneuten Stellungnahme: "Man kann schon sagen, dass das am Ende wie eine Drohung rüberkam, dass dann auch meine eigene Karriere in Gefahr ist. Ich habe dann in Kauf genommen, nicht darüber zu reden, weil ich meine Sportart weitermachen wollte."

Buschkow lässt eine SZ-Anfrage zur Sache unbeantwortet

Mehrere Zeitzeugen bestätigen in der Dokumentation, dass auch der damalige Stützpunkttrainer und langjährige hochrangige DSV-Funktionär Lutz Buschkow von den Vorwürfen gewusst habe. Buschkow hatte bis Donnerstag die Wasserspringerinnen und -springer als Bundestrainer bei der Schwimm-Europameisterschaft in Rom betreut, wurde dann vom DSV-Präsidium freigestellt. Buschkow ließ auch am Montag eine SZ-Anfrage zur Sache unbeantwortet. Bezüglich der EM in Rom, wo der Fall Jan Hempel Buschkow unvermittelt noch während der Wettkämpfe erreichte, sagte DSV-Leistungssportdirektor Hansmann, der ebenfalls in Rom weilte, am Sonntag: "Man hat gesehen, dass ein Knick durch die Mannschaft ging." Den Sportlerinnen und Sportlern sei psychologische Hilfe angeboten worden.

Hansmann sagte am Sonntag am Rande der EM außerdem, dass seit der Veröffentlichung der ARD-Dokumentation weitere mögliche Missbrauchsopfer an den Verband herangetreten seien: "Es haben sich bei unserer Präventionsbeauftragten viele Geschädigte und Opfer gemeldet. Immer noch kommen täglich Fälle dazu. Das werde nun "alles zusammengetragen und dokumentiert", sagte der DSV-Leistungssportdirektor, der zugleich auf erste Präventionsmaßnahmen verwies, wie etwa, das Thema der sexualisierten Gewalt bis zur Bundesebene in die Trainerausbildung zu integrieren: "Es muss eine verpflichtende Schulung für Mitarbeiter im DSV geben."

Jan Hempel zeigte sich in seiner Reaktion in der "Sportschau" am Sonntag froh, "einen Stein ins Rollen gebracht zu haben. Das, was mir passiert ist, kann man nicht zurückdrehen. Aber das, was in Zukunft sein wird, kann man ändern."

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