Bilder aus dem Schiedsrichter-Alltag:"Die Schiedsrichterkabine ist die Visitenkarte eines Fußballvereins"

Bilder aus dem Schiedsrichter-Alltag: Immerhin geräumig - aber wohlfühlen geht sicher anders als in dieser Kabine in Franken.

Immerhin geräumig - aber wohlfühlen geht sicher anders als in dieser Kabine in Franken.

(Foto: Instagram/schiedsrichterkabinen)

Über die Jahre hat Gerd Lamatsch viele Schiri-Umkleiden betreten - und sich oft über deren Zustand geärgert. Also begann er, Bilder davon auf Instagram hochzuladen. Im Interview erzählt er, wie diese Räume im Amateurfußball wirklich aussehen - und was das mit Wertschätzung zu tun hat. 

Interview von Philip Kearney

Gerd Lamatsch hat viel erlebt auf dem Rasen. Seit 1976 pfeift der Nürnberger Fußballspiele, als Assistent schaffte er es bis in die zweite Liga. Er bekam mit, wie Torwart Jens Lehmann aus Wut über ein Pokal-Aus mit Schalke 1991 die Türen in den Erfurter Stadionkatakomben eintrat. Nach einem Bayernliga-Spiel hat ihn die Polizei mal mit dem Auto direkt am Mittelkreis abgeholt - aus Sicherheitsgründen. Und weil er mit so viel Leidenschaft dabei ist, dass er auch mit 64 noch immer Spiele leitet, hat er sogar schon zwei Bücher geschrieben: Das erste soll jungen Menschen Lust machen, selbst Schiedsrichter zu werden, das zweite behandelt die Probleme des Videoschiedsrichters.

Bilder aus dem Schiedsrichter-Alltag: Schiedsrichter aus Leidenschaft - und auch mit 64 noch aktiv: Gerd Lamatsch.

Schiedsrichter aus Leidenschaft - und auch mit 64 noch aktiv: Gerd Lamatsch.

(Foto: Stefan Schwarz/mococo/oh)

Lamatsch hat aber auch neben dem Rasen schon viel gesehen, denn auch für Schiedsrichter geht jeder Spieltag in einer Umkleide los - und weil es davon äußerst kuriose gibt, kam ihm Ende 2021 die Idee, Fotos von Schiedsrichterkabinen auf Instagram zu veröffentlichen. Daraus entstand ein erstaunlicher Blick hinter die Kulissen.

SZ: Herr Lamatsch, wie kamen Sie auf die Idee, Schiedsrichterkabinen zu fotografieren und die Fotos auf Instagram zu posten?

Gerd Lamatsch: Seit Jahren wird darüber diskutiert, wie man im Fußball neue Schiedsrichter gewinnen kann. Immer wieder geht es dabei um das Thema Wertschätzung. Diese drückt sich meiner Meinung nach auch darin aus, wie ein Schiedsrichter bei einem Verein empfangen wird und welche Kabine er zugewiesen bekommt. Die Schiedsrichterkabine ist die Visitenkarte eines Fußballvereins - obwohl das viele Vereine noch nicht begriffen zu haben scheinen. Vor vier Wochen erst habe ich wieder eine komplett verdreckte Kabine vorgefunden. Ende 2021 dachte ich mir, warum postest du nicht einfach mal Fotos von Kabinen auf Instagram. Heute bekomme ich aus ganz Deutschland Bilder von Schiedsrichterkollegen geschickt, die ich dann auf meinem Account veröffentliche.

Was wollen Sie dadurch erreichen?

Mir geht es nicht darum, mit meinen Posts die Vereine zu bashen. Ich will zeigen, wie man es als Verein gut und schlecht machen kann. Daher poste ich sowohl Positiv- als auch Negativbeispiele, und manchmal nenne ich die betreffenden Vereine auch gar nicht beim Namen.

Bilder aus dem Schiedsrichter-Alltag: Ein Hauch von Luxus: Auch beachtliche Ausreißer nach oben werden auf der Seite gepostet.

Ein Hauch von Luxus: Auch beachtliche Ausreißer nach oben werden auf der Seite gepostet.

(Foto: Instagram/schiedsrichterkabinen)

Wie reagieren die Klubs auf die Posts?

Ein paarmal sind schon Vereine auf mich zugekommen, haben sich entschuldigt und Besserung geschworen.

Waren die Schiedsrichterkabinen früher in einem besseren Zustand als heute?

Aus dem Bauch heraus würde ich behaupten, dass der Zustand deutlich schlechter geworden ist. Das liegt zum einen daran, dass die Vereine Probleme haben, Ehrenamtliche zu finden, die sich um die Kabine kümmern. Zum anderen stelle ich vielerorts einen Renovierungsstau fest. Oft fehlt das Geld - nicht zuletzt coronabedingt -, um die ein oder andere Schönheitskorrektur vorzunehmen.

Was war die schlimmste Schiedsrichterkabine, in der sie je saßen?

Schwierig zu sagen. Die vor vier Wochen gehört zweifelsohne zu den schlimmsten. Sie hat ausgeschaut, als wäre sie die vergangenen 15 Monate kein einziges Mal geputzt worden. Die Fenster komplett verdreckt, überall Spinnweben. Der Waschbereich machte den Eindruck, als wäre er lediglich einmal schnell durchgewischt worden.

Was war die beste im Amateurbereich?

Die in Neuses bei Ansbach. Da war alles drin, was ein Schiedsrichter braucht: ein Tischchen, ein Ablagehaken, eine Bank, eine Dusche, eine Toilette. Die Kabine war modern, sauber und hatte zwei Safes für Wertsachen. Zudem standen Getränke bereit.

Bilder aus dem Schiedsrichter-Alltag: Neu, sauber, spartanisch - und für einen einzelnen Unparteiischen ganz sicher besser geeignet als für ein Dreierteam.

Neu, sauber, spartanisch - und für einen einzelnen Unparteiischen ganz sicher besser geeignet als für ein Dreierteam.

(Foto: Instagram/schiedsrichterkabinen)

Mussten Sie sich schon mal draußen umziehen, weil es keine Schiedsrichterkabine gab?

Vor zehn, 15, 20 Jahren war es auf dem Land nicht unüblich, dass es keine Schiedsrichterkabine gab. Einmal habe ich mich in der Waschküche eines Gasthauses umgezogen. Das war schon abenteuerlich. Ich ärgere mich im Nachhinein, dass ich nicht schon viel früher damit angefangen habe, Kabinen zu fotografieren.

Was haben Sie am häufigsten zu bemängeln?

Fehlende Sauberkeit. Dass bei Sonntagsspielen noch der Dreck vom Spiel am Vortag auf dem Boden liegt, weil keiner mal durchgewischt hat. Manche Kabinen sind im Winter kaum beheizt. Ab und an gibt es kein warmes Wasser, oder die Duschen sind so abenteuerlich, dass ich mit dem Duschen warte, bis ich zu Hause bin. Bei vielen Vereinen muss man betteln, dass man ein Getränk bekommt. Ich verstehe nicht, warum es nicht selbstverständlich ist, dass am Spieltag eine Flasche Wasser in der Kabine steht. Einmal, schon lange her, wurde mir Geld aus der Kabine geklaut. Seitdem lasse ich nichts mehr in der Kabine liegen.

Haben Sie schon mal eine Schiedsrichterkabine beim Verband gemeldet?

Ich persönlich habe noch nie eine Meldung geschrieben. Vielleicht bin ich da etwas zu nachsichtig, aber ich weiß, wie schwer es die Vereine haben. Ich suche lieber den Dialog und sage, kümmert euch bitte darum, wie vor vier Wochen geschehen. Ein anderer Schiedsrichter hätte in der Situation vielleicht gesagt, gebt mir eine andere Kabine oder ich gehe wieder. So weit bin ich noch nie gegangen. Ich finde eigentlich auch, das sollte man nicht machen. Andererseits: Vielleicht muss man auch mal ein Zeichen setzen.

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