22 Liga-Spiele ohne Sieg:Extrem zäh und manchmal qualvoll anzusehen

FC Schalke 04 - VfB Stuttgart

"Man muss ja eh denken, und deshalb ist es wichtig, positiv zu denken": Schalke-Trainer Manuel Baum (M.).

(Foto: Guido Kirchner/dpa)

Beim 1:1 gegen Stuttgart zeigt sich, dass das Offensivspiel Schalkes großes Problem bleibt. Trainer Baum analysiert sachlich, will aber auch ein bisschen Optimismus ermöglichen.

Von Philipp Selldorf, Gelsenkirchen

Es gab große Gesten der Enttäuschung bei den Hausherren, als Benjamin Brand nach 93 Minuten die Partie zwischen Schalke 04 und dem VfB Stuttgart beim Stand von 1:1 beendete. Kapitän Omar Mascarell winkte ärgerlich ab wie ein Mann, dem schon wieder der Bus vor der Nase davongefahren ist, Außenverteidiger Bastian Oczipka nahm den Ball und schlug ihn mit so viel Wucht in die Luft, als wollte er ein Loch in das abgeriegelte Stadiondach schießen. Andere eilten davon wie Flüchtende. "In der Kabine habe ich viele Spieler gesehen, die den Kopf hängen ließen", berichtete Trainer Manuel Baum später.

Die Enttäuschung der Schalker war verständlich, sie hatten gegen das Team des Aufsteigers VfB ein besseres Ergebnis erhofft und erwartet. In Wahrheit hatten allerdings eher die Spieler der anderen Mannschaft Grund zur Unzufriedenheit. Die Stuttgarter sahen drei Punkte in Reichweite, nachdem sie sich im Laufe der zweiten Halbzeit in der Schalker Hälfte breitgemacht hatten, als ob sie das fremde Hoheitsgebiet annektiert hätten. Immer wieder entzogen sie dem Gegner durch gekonnte Stafetten minutenlang den Ballkontakt. Das gab Anlass zu grundsätzlichen Fragen: Welches der beiden Ensembles ist noch mal der Aufsteiger? Welche der beiden Parteien ist hier in der sogenannten Donnerhalle zuhause?

Man sei während der zweiten Halbzeit "in alte Muster verfallen", gestand Baum. Der Schalker Trainer befand sich in dem Dilemma, dass er einerseits eine sachliche und ehrliche Analyse vorlegen wollte, wie er das nach den bisherigen Spielen auf wohltuende Weise immer getan hatte. Dass er aber andererseits unbedingt das Gute hervorzukehren versuchte, um seinen Schalkern eine vage Ahnung von Optimismus zu ermöglichen. Zu dem Zweck überlistet sich Baum sogar selbst, indem er den alten Grundsatz "Ich denke, also bin ich" um eine Handlungsanweisung erweitert: "Man muss ja eh denken, und deshalb ist es wichtig, positiv zu denken." Mit der Schreckensserie von nunmehr 22 Liga-Spielen ohne Sieg beschäftige er sich nicht, erklärte der Fußball-Lehrer, "das wäre rückwärtsgewandtes Denken, und das bringt uns nichts".

Schalkes Trainer mag vorwärts denken, doch das Vorwärtsspiel seiner Mannschaft bleibt das große Problem. Die Partie gegen Stuttgart bot von Anfang an die bekannten Bilder: Sie handelten von den extrem zähen und manchmal qualvoll anzusehenden Anstrengungen, Wege in den Angriff zu erschließen. Salif Sané, Matija Nastasic und Malik Thiaw bemühten sich zwar aus der tiefen Defensive um geordneten Aufbau, anstatt mit langen Zufallsbällen die Arbeit an andere weiterzureichen. Doch weder die Außenpositionen noch das offensive Mittelfeld dienten als verlässliche Anschluss-Stellen, obwohl Baum dort die spielstarken Profis Mark Uth, Amine Harit und Can Bozdogan aufgeboten hatte. Meistens dauerte es zu lang, bis der Pass gespielt wurde, oft wurde er unsauber gespielt, dem VfB fiel es nicht schwer, den Gegner fern vom eigenen Strafraum aufzuhalten.

Schon in der ersten Hälfte waren die Stuttgarter das gefährlichere Team, das 1:0 aber schossen die Schalker. Einen Freistoßball von Harit nahm Thiaw mit dem Kopf, seine Torgefährlichkeit hatte der 19-Jährige Innenverteidiger in den Schalker Nachwuchsteams schon häufig nachgewiesen. Baum setzte den gebürtigen Düsseldorfer, der einen Vater aus Nigeria und eine Mutter aus Finnland hat, aber nicht nur wegen seiner starken Zweikampfwerte und seines guten Kopfballspiels ein, sondern auch deshalb, "weil er ein junger Spieler ist, der die ganzen Erlebnisse in der Form nicht mitbekommen hat". Gemeint ist die Erfahrung der Sieglos-Serie samt all den daraus entstandenen Beklemmungen, die auch der Führungstreffer nicht linderte. Von seelischer Befreiung keine Spur.

"Das letzte Drittel ist extrem ausbaufähig", sagt Trainer Baum

Es gab Phasen vor und nach der Pause, in denen die Schalker Momente von Torgefahr entwickelten, aber konzertierten und konstanten Druck auf den Gegner brachten sie nicht zustande. Baum nannte die Probleme in der Angriffszone beim Namen: "Bälle flutschen weg, Flanken treffen überhaupt nicht den Raum - das letzte Drittel ist extrem ausbaufähig, das ist immer noch unsere Baustelle." Zudem macht diese Baustelle den Eindruck, als ob akuter Fachkräftemangel herrscht. "Es wird entscheidend sein, dass wir torgefährlicher werden", gab Baum die Devise für den Abstiegskampf aus - selbstredend ohne das schlimme Wort Abstiegskampf zu benutzen.

Der Ausgleich für den VfB entsprach dem Zugewinn an Spielanteilen nach der Pause, dennoch musste dabei der Gegner nachhelfen: Erst beging der immer eifrige, aber noch sehr grüne 20-jährige Außenverteidiger Kilian Ludewig ein sinnfreies Foul an neuralgischer Stelle in Strafraum-Nähe' dann langte Sané mit ausgestrecktem Arm nach dem Ball, den fälligen Handelfmeter verwandelte Nicolas Gonzalez. Anschließend hatten die Schalker zwar einige Mühe, den hübsch anzuschauenden Stuttgarter Kombinationen hinterherzulaufen, aber große Herausforderungen brauchte Torwart Frederik Rönnow nicht zu bestehen. Trotz eines Großaufgebots von Angreifern blieb der vom schlauen Gonzalo Castro angeführte VfB die Entschlossenheit in der Offensive schuldig. "Da war mehr drin", stellte VfB-Coach Pellegrino Matarazzo zutreffend fest. Der schmale Punktgewinn gefiel ihm mit Blick auf den pädagogischen Fortschritt trotzdem: "Am meisten freut mich, dass wir von Spiel zu Spiel an unsere Grenzen gehen wollen und können." Seit fünf Spielen ist der VfB unbesiegt.

Die Schalker müssen am nächsten Samstag nach Mainz, da kann man schon von einem Schlüsselspiel sprechen und Anlass zur Sorge ausrufen. Aber Sorgen machen sich die Schalker schon so lange, dass sie gar nicht mehr wissen, wann sie damit angefangen haben.

© SZ/chge
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