Bundesliga:Kölns vernebeltes Lebensgefühl

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Vor dem Duell mit dem FC Bayern hat die Kölner Elf von Trainer Markus Gisdol (r.) zwei Punkte geholt. (Foto: dpa)

Es ist ein harter Herbst für den FC - und jetzt kommen auch noch die Bayern. Sportchef Horst Heldt geht vor dem Spiel in die Offensive, um Trainer Markus Gisdol zu stützen.

Von Philipp Selldorf

Der Karneval in Köln fällt dieses Jahr zwar flach, aber es ist nicht so, dass nicht trotzdem jecke Menschen in der Stadt unterwegs sind. Am Samstag sollen rund 150 auf dem Roncalliplatz am Dom zusammenkommen, und zwar unter dem Motto: "Trump-Days: Unternehmer-Power für Frieden, Freiheit und Einigkeit". Der Polizei wurde die Veranstaltung als politische Kundgebung gemeldet, aber 150 Anhänger von Trump in Köln? Das kann doch nur Satire sein.

Ansonsten ist die Lage nicht lustig. Das Motto der Karnevalssession 2021 "Nur zesamme sin mer Fastelovend" hat das Rathaus durch die ins Hashtag-Format gepresste Devise "diesmalnicht" ersetzt. Das gemeinsame Feiern hatte die Verwaltung schon vor dem neuesten Berliner Erlass gestrichen, und während die Trump-Fans nun die von der Verfassung garantierte Versammlungsfreiheit genießen, hält das kölsche Grundgesetz nur noch in Teilen der neuen Wirklichkeit stand.

1:1 gegen Stuttgart
:Schalke schleppt sich dahin

Auch gegen den VfB reicht es für leicht verbesserte Gelsenkirchener nicht zum Sieg, weil Verteidiger Sané ein Handspiel unterläuft. Stuttgart springt in der Tabelle weit nach oben.

Die Paragraphen 1 und 2 bleiben zwar bis zum Weltuntergang gültig: "Et es wie et es"/ es ist, wie es ist; und "et kütt wie et kütt"/ es kommt, wie es kommt. Aber der zentrale 10. Lehrsatz - "drink doch eine met" - ist außer Kraft gesetzt. Stattdessen heißt es nun "drink doch keine met".

Das geübte Lebensgefühl der Kölner werde zurzeit "arg gebeutelt", sagt Horst Heldt, es kommt ihm jetzt "irgendwie vernebelt und verschwommen" vor. Andererseits ist auch ein ausnahmehalber zur Askese verpflichtetes Köln immer noch das Köln, das in 2000 Jahren Bestehen schon ganz andere Entbehrungen überstanden hat, darunter sogar mehrere Abstiege des 1. FC Köln. Der FC-Sportchef Heldt hat das am Freitag beim Einkaufen erfahren können. Er wohnt mitten in der Stadt, er ist gern unter Leuten und hat auch überhaupt nichts dagegen, wenn sie gleich auf ihn zukommen. "Hörens Horst, wie jeht et, wie läuf' et?", so hat man ihn wieder herzlich empfangen. Gefolgt aber von einer anderen Frage aus aktuellem Anlass: "Un', wie hoch verliert ihr diesmal?"

Es treibt sich ja nicht nur das vermaledeite Virus in der Stadt herum, im Müngersdorfer Stadion gastiert am Samstag auch noch ein anderer notorischer Spaßverderber. Der Besuch des FC Bayern weckt mittlerweile wohl nur noch bei Tollkühnen und Lebensmüden in Köln sportlichen Enthusiasmus, FC-Trainer Markus Gisdol nennt eine Begegnung mit den Münchnern "die womöglich größte Aufgabe im Weltfußball". Heldt findet es "in jeder Beziehung grausam", diesem Gegner ausgesetzt zu werden - unter anderem auch deshalb, weil zwar niemand mit einer Überraschung rechnet, aber je nach Ausmaß der allseits erwarteten Niederlage trotzdem ein Schaden am Gemüt der Mannschaft entstehen kann.

Die Kölner haben an den jüngsten beiden Spieltagen mit viel Mühe die ersten beiden Punkte erwirtschaftet, einen Münchner Kantersieg müsste der zarte Aufwärtstrend erst mal verkraften (wobei die Bayern laut Bild-Zeitung ohne Angreifer Robert Lewandowksi nach Köln aufgebrochen sind).

Gisdol ist vor dem Treffen mit den Bayern ein Trainer, der 15 Spiele nicht gewonnen hat. Es wundert ihn nicht, dass in der Stadt darüber diskutiert wird, ob er noch der richtige FC-Coach ist, er nimmt das nicht persönlich. Auch Heldt hat als Sportchef in Stuttgart, auf Schalke oder in Hannover viel zu viele Krisen betreut, als dass er die Trainerdebatte für einen Sittenverfall halten würde. Er möchte allerdings verhindern, dass die extern grassierenden Zweifel an Gisdol ins Innere des Geißbockheims vordringen.

Der FC ist mit seinen konträr besetzten Gremien und den Machtkämpfen im Hintergrund ein nervöses und unruhiges Gebilde, Kurzschlusshandlungen sind jederzeit möglich. Nachdem er in der Lokalpresse von Gerüchten über eine angeblich angedachte Nachfolgeregelung mit diversen Trainerstäben des Hauses hat lesen müssen - Überlegungen, die er selbst nie angestellt habe, wie er versichert - sieht sich der Sportchef aufgefordert, öffentlich in die Offensive zu gehen, um Gisdol zu stützen. Der Trainer habe alle Probleme mitgetragen, die sich aus der schwierigen Saisonvorbereitung und dem unvermeidlich spät in Gang gekommenen Transfergeschäft ergaben, betont Heldt also: "Er ist stressresistent, hat im Umgang mit der Mannschaft die richtige Nähe und die richtige Distanz. Er macht einen wirklich guten Job."

Ob der Karneval helfen könnte, wenn es ihn gäbe? Der erste Fußballklub der Stadt ist erklärtermaßen auch ein Karnevalsverein. Die traditionelle FC-Sitzung hat der überzeugte Rheinländer Heldt auch dann nicht ausgelassen, als er beim VfB und bei Schalke und bei 96 beschäftigt war. Was für Wien der Opernball, das sei für Köln die FC-Sitzung, meint er. Die Wirkung der Folklore auf den Sport ist auch nicht zu unterschätzen. Im vorigen Februar gewann der FC am Karnevalssamstag 5:0 in Berlin, an Rosenmontag gab es einen Triumphzug durch die Stadt. Auf dem Doppeldecker, mit dem der Klub durch die Stadt tourte, kam sich Heldt vor "wie auf einer Sänfte", getragen von Hunderttausenden. Nur sind von den Berliner Helden, die damals an jeder Ecke besungen wurden, viele nicht mehr da: Kein Mark Uth, Toni Leistner, Simon Terodde und kein Jhon Cordoba, und der alte Held und Spitzenkarnevalist Anthony Modeste ist zwar noch Angehöriger des Kaders, aber oft verletzt und das in einem fortgeschrittenen Alter, in dem es für Angreifer täglich schwieriger wird.

Etwas mehr Leichtigkeit täten Klub und Mannschaft gut, und auch die sehr spezielle Magie des Stadions wird dringend vermisst. Er wisse ja, dass alle Klubs das gleiche Problem mit den Geisterspielen und dem Verlust des heimischen Publikums hätten, stellt Horst Heldt sehr vernünftig fest. Aber das hindert ihn nicht daran zu behaupten, dass die Abwesenheit der Fans den FC in dieser Saison "bestimmt zehn Punkte" koste: Das 3:2-Siegtor, das Hoffenheim neulich in der Nachspielzeit schoss - "das hätten unsere Fans rausgebrüllt", glaubt er. Am Samstag gegen die Bayern wird aber nicht mal Geißbock Hennes in Müngersdorf mähen.

© SZ vom 31.10.2020 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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