Stürmer im DFB-Team:Schade! Dreimal Schade!

Hungary v Germany - UEFA European Under-21 Championship Qualifier

Drei Tore, drei Vorlagen in seinen beiden ersten U-21-Länderspielen: Der Freiburger Kevin Schade (rechts, mit Erik Shuranov) weckt große Erwartungen.

(Foto: Alexander Hassenstein/Getty)

Kein Knipser? Keine Brechstangen? Das Lamento über den vermeintlich fehlenden Tordrang deutscher Angreifer lässt sich neuerdings recht einfach kontern - auch wenn es widersprüchlich klingt.

Kommentar von Ulrich Hartmann

Wer ohne großen Aufwand sein Smalltalk-Repertoire erweitern möchte, findet im Wissensgebiet Fußball derzeit eine gute Gelegenheit. Die hitzige Debatte um Deutschlands Mangel an effektiven Stürmern lässt sich an Stammtischen und in Warteschlangen neuerdings mit nur einem einzigen Wort klug kommentieren. Zu diesem Zweck antwortet man auf die wehmütige Litanei eines extrovertierten Skeptikers einfach bloß: "Schade!"

Diese Antwort schlägt zwei Fliegen mit einer Klappe. Sie drückt erstens Mitgefühl aus. Und benennt zweitens einen 19 Jahre jungen Stürmer, der gerade Berühmtheit erlangt. Weil die breite Öffentlichkeit noch nicht gar so viel über ihn weiß, empfiehlt sich für eventuelle Nachfragen im Smalltalk allerdings die Vorbereitung biografischer Details.

Kevin Schade - Sohn einer deutschen Mutter und eines nigerianischen Vaters, geboren in Potsdam, ausgebildet bei Energie Cottbus und nun ein junger Bundesligaspieler beim SC Freiburg - hat in seinen ersten beiden Spielen für die U-21-Nachwuchs-Nationalmannschaft drei Tore geschossen und drei weitere vorbereitet. Im ersten Spiel gegen Israel (3:2) vergangene Woche steuerte er ein Tor und eine Vorlage bei sowie im zweiten Spiel am Dienstag in Ungarn (5:1) zwei Tore und zwei Vorlagen. Wer sich mit Zahlenreihen besser auskennt als mit den Unwägbarkeiten des Fußballs, dürfte Schades drittes U-21-Länderspiel am 12. November gegen Polen mit glühenden Wangen erwarten und im Freundeskreis spitzbübisch bereits eine vermeintlich wagemutige Expertenwette vorbereiten.

17 deutsche Treffer in den jüngsten vier U-21-Länderspielen: Flaute vorerst beendet

Schade, der schon in seinem ersten U-18-Länderspiel nach nur einer halben Stunde auf dem Feld getroffen und in seinem zweiten U-19-Länderspiel einen Dreierpack geschnürt hatte, könnte Nebenbei-Fußballbeobachter künftig so manches Mal verwirren. Wenn nämlich ein die Stimme anhebender TV-Kommentator "Schade" brüllt und ein Zuhörer, der gleichzeitig zum Beispiel kocht, dann denkt, der Ball sei am Tor vorbeigegangen.

Bei Schade ist zuletzt nichts vorbeigegangen, und auf seinen Torriecher angesprochen, zeigte sich der smarte Bursche auch noch irritierend sympathisch. Seine beiden Treffer gegen Ungarn müsse man eigentlich Erik Shuranov und Jonathan Burkardt anrechnen, sagte er lächelnd und erinnerte daran, dass er selbst nur zwei Abpraller über die Linie befördert habe.

Die jungen Stürmer sind feinmotorische Allrounder

Solche Stürmer wünscht sich der deutsche Fußball und erst recht der neue U-21-Bundestrainer Antonio Di Salvo, der in seiner ersten Amtshandlung nicht nur Schade, sondern als kongenialen Sturmpartner auch den gleichaltrigen Malik Tillman vom FC Bayern München ins Nachwuchsnationaltrikot gesteckt hatte. Auch Tillman hat in seinen ersten beiden U-21-Länderspielen direkt getroffen.

Und so erleidet die deutsche Stürmer-Wehklage zumindest für den Moment eine wohltuende Flaute, zumal auch der stets skeptisch beäugte Timo Werner in der A-Nationalmannschaft zwei Tore geschossen hat. Aktuelle deutsche Stürmer sind als Torjäger nicht die "Killer", die sich der frühere Stürmer Mario Gomez wünscht, und auch nicht die "Brechstangen", die sich der noch frühere Stürmer Horst Hrubesch so vorstellt.

Sie sind feinmotorische Allrounder, die dadurch aber flexibler eingesetzt werden können. 17 deutsche Treffer in den jüngsten vier U-21-Länderspielen erscheinen als ein gutes Beruhigungsmittel für aufgebrachte Fußball-Choleriker. Den Rest dieser Therapie kann jeder Einzelne im Smalltalk selbst übernehmen durch den Einwurf des widersprüchlich anmutenden Zauberworts: Schade.

© SZ/sjo/bkl/pps
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