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FC Bayern:Einer wie Busquets

Spain v Germany - 2019 UEFA European Under-21 Championship Final

Marc Roca (rotes Trikot) im U21-EM-Finale im Duell mit Luca Waldschmidt.

(Foto: Getty Images)
  • Marc Roca, 22, von Espanyol Barcelona soll sich laut spanischen Medienberichten mit dem FC Bayern einig sein.
  • Die festgeschriebene Ablösesumme für den Mittelfeldspieler soll 40 Millionen Euro betragen. Die Frage ist nun, ob der FC Bayern bereit ist, so viel Geld für Roca zu bezahlen.
  • U21-Europameister Roca zeichnet sich durch viele Stärken aus. Allerdings muss er erst noch den Nachweis antreten, dass er seine Qualität auch auf höchstem Niveau aufscheinen lassen kann.

Falls es eines weiteren Beweises dafür bedurfte, wie sehr sich die Führungsspieler um die internationale Wettbewerbskraft des FC Bayern München in der kommenden Saison sorgen, dann lieferte ihn Robert Lewandowski. In der Nacht zum Mittwoch saß er, wie die Nachrichtenagentur dpa berichtete, in einem "düsteren Kellerraum" eines Stadions in Los Angeles und setzte jene, die bei seinem Arbeitgeber an der Komposition des nächsten Kaders feilen, massiv unter Druck. "Wenn du daran denken willst, alle Titel zu gewinnen, brauchst du Verstärkungen", sagte Lewandowski und meinte damit: sofort. "Jetzt ist es Zeit, um da etwas zu machen."

Aus Europa waren zuvor Nachrichten an die Westküste der USA gedrungen, die immerhin vermuten lassen, dass die Bayern tatsächlich bald den Transfermarkt bewegen könnten. Spanische Medien berichteten, dass der FC Bayern sich mit Marc Roca einig sei, dem spanischen U 21-Europameister von Espanyol Barcelona. Ob der junge Mann in die Kategorie fällt, die Lewandowski meint, darf tendenziell eher bezweifelt werden. Die Worte des Polen klangen eher so, als sehne er sich nach Spielern mit reich verzierten Schulterklappen; nach Profis, die nicht nur Hunger auf Siege haben, sondern bereits eine prall gefüllte Aufstellung von Erfolgen.

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Andererseits: Wenn sich bewahrheitet, was in Roca fußballerisch gesehen wird, dann ist der Spanier vielleicht näher am Status, der Lewandowski vorschwebt, als man auf den ersten Blick meinen könnte.

In seiner spanischen Heimat halten die nobelsten Experten diesen Roca, 22, für einen legitimen Erben des schon jetzt mit Nachruhm gesegneten, nachweislich grandiosen Sergio Busquets vom FC Barcelona. Dass Roca in Busquets' Fußstapfen treten könnte, hat er gerade bei der U 21-EM in Italien unter Beweis gestellt, Spanien gewann dort das Finale gegen Deutschland 2:1.

Roca stand in den ersten Spielen nicht in der Startelf der spanischen Auswahl, am Ende des Turniers aber war er nicht mehr wegzudenken. Längst hatte er den vielen Scouts europäischer Spitzenklubs die Köpfe verdreht. Seine Hauptdarstellerrolle verdankte er allerdings auch dem Umstand, dass ein ähnlich beschlagener Spieler fürs Turnier abgesagt hatte: Rodrigo Hernández, genannt Rodri, der in der vergangenen Saison bei Atlético Madrid spielte. Dieser war ebenfalls von den Bayern umschwärmt worden, erlag aber schließlich der Verlockung, bei Manchester City unter Pep Guardiola arbeiten zu können. Die Engländer zahlten für Rodri die festgeschriebene Ablösesumme von etwa 70 Millionen Euro, sie lag nur knapp unter dem Betrag, den der FC Barcelona für einen weiteren sogenannten neuen Busquets bezahlte, den Niederländer Frenkie de Jong.

Roca gehört im Gegensatz zu De Jong und Co. zu einer raren Spezies: Er ist Linksfuß

Schon im März, als sich die Kundschafter von Vereinen wie Paris St. Germain, Arsenal, Tottenham, FC Barcelona und Real Madrid im Stadion von Espanyol tummelten, nannte die Zeitung El País diesen Roca "ein offenkundiges Schnäppchen". Denn Roca darf seinen Vertrag mit Espanyol einseitig beenden, wenn ihn jemand mit 40 Millionen Euro auslöst. Die Neigung Espanyols, sich runterhandeln zu lassen, ist inexistent, ist bei Quellen zu hören, die mit dem Vorgang vertraut sind. Die Nachfrage nach Roca sei rege. Und der FC Bayern hat ja schon in der Vergangenheit festgeschriebene Ablöseklauseln bedient. Zuletzt war das bei Abwehrspieler Lucas Hernández der Fall, der bei Atlético Madrid für 80 Millionen Euro losgeeist wurde, zuvor bei Javi Martínez, der einst Athletic Bilbao verließ. Bayern müsse sich eher rasch entscheiden, ist bei Espanyol zu hören.

Man brauche Zeit, einen Nachfolger zu finden. Die Frage ist nun, ob der FC Bayern bereit ist, so viel Geld für Roca zu bezahlen. Ein Restrisiko bleibt ja: Anders als Rodri oder de Jong (bislang Ajax Amsterdam) muss Roca noch den Nachweis antreten, dass er imstande ist, seine Qualität auf höchstem Niveau aufscheinen zu lassen. Espanyol hat sich in der vergangenen Saison erstmals seit Jahren für einen kontinentalen Wettbewerb qualifiziert (Europa League), Rodri und de Jong hingegen spielten mit Atlético beziehungsweise Ajax Amsterdam bereits in der Champions League.

Dennoch hat der immer noch junge, entwicklungsfähige Roca in einer "trotz logischer Höhen und Tiefen brillanten Saison", die ihm die in Barcelona beheimatete Zeitung Sport bescheinigte, sein enormes Talent nachgewiesen. In 35 Ligaspielen brachte er zum Ausdruck, dass er bei 1,84 Meter Körpergröße eine gute Körperbeherrschung und Technik besitzt, dass er Spiele lesen und lenken und seinem Team mit Diskretion und Präsenz Struktur verleihen kann, dass er Übersicht und einen Blick für den langen Pass hat und defensiv stark ist. Außerdem gehört Marc Roca einer raren Spezies an: Er ist Linksfuß.

"Er ist gekommen, um die Tür einzutreten", sagte der Trainer, der ihn mit 19 bei Espanyol debütieren ließ, Quique Sánchez Flores. Vielleicht muss man solchen Spielern wie Roca aber auch mal Türen öffnen, um ihr Limit zu ergründen, etwa beim FC Bayern. Busquets könnte davon eine Geschichte erzählen. Im September 2008 stellte ihn Guardiola bei Barça in die Startelf, bis dahin hatte Busquets in Spanien nur drittklassig gespielt. Zehn Monate später spielte er im Olympiastadion von Rom. Im Champions-League-Finale des FC Barcelona gegen Manchester United, das Barça mit 2:0 gewann.

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