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Fan-Proteste in der Premier League:Eindrückliche Bilder aus Manchester

Premier League: Fans von Manchester United protestieren im Old Trafford

Fußballromantiker? Oder Krawallbrüder? Die Proteste der Fans von Manchester United am Sonntag zeigten den Unmut der Anhänger, die sich nicht ernst genommen fühlen.

(Foto: Action Images via REUTERS)

Nach der geplatzten Superliga demonstrieren Fans in England für einen anderen Fußball. Der Ärger ist verständlich - doch Macht und Idealismus der Anhänger kommen schnell an Grenzen.

Kommentar von Sebastian Fischer

In England gibt es einen Termin, wann sich Fußball wieder ein bisschen mehr wie Fußball anfühlen könnte. An den letzten beiden Spieltagen der Premier-League-Saison, am 15. und 23. Mai, sollen bis zu 10 000 Fans pro Partie in die Stadien dürfen, darunter sogar 500 Anhänger der Gästemannschaft, das ist der Plan.

Die Europameisterschaft, so umstritten das ist, soll in eingeschränkter Zahl vor Zuschauern stattfinden. Und irgendwann, vielleicht darf man sogar "bald" sagen, wird es auch in Deutschland soweit sein, dass die Spiele nicht mehr vor leeren Rängen ausgetragen werden müssen. Und dann? Kommen die "alten" Fans zurück? Und wenn ja, wird die Stimmung euphorisch sein? Oder vielleicht doch eher gereizt?

Am vergangenen Wochenende waren sie, die Fans, plötzlich wieder in so großer Zahl zu sehen wie lange nicht mehr in Europa. In Mailand feierten die Tifosi dicht gedrängt in den Straßen den sehnsüchtig erwarteten Titel für Inter, als gäbe es Corona nicht mehr. In Manchester stürmten sie im Protest das Stadion Old Trafford mit dem an diesem Tag bezeichnenden Spitznamen "Theater der Träume".

Die Anhänger verhinderten die Austragung des Spiels von United gegen Liverpool - und lieferten eindrückliche Bilder, die Europas Fußball noch etwas länger beschäftigen könnten. Es waren Bilder, die je nach Sichtweise nach Krawall und Dystopie aussahen - oder, ohne die Randale herunterzuspielen, nach dem verzweifelten Versuch einer erstaunlich großen Anzahl an Idealisten, für den Fußball zu streiten, den sie sich wünschen.

Einerseits ist Manchester United ein Spezialfall: Die Wut richtete sich gegen die Besitzerfamilie Glazer aus den USA, der die Anhänger Habgier und Missmanagement im Umgang mit ihrem Klub vorwerfen. United ist immerhin eine Weltmarke mit riesigen Umsätzen, enttäuscht aber seit Jahren in Meisterschaft und Champions League. "50+1", stand auf einigen Plakaten, die Forderung nach jener exklusiv in Deutschland angewandten Regel also, die dem Verein die Mehrheit der Stimmenanteile garantiert und Investorenmacht beschränkt. Nicht ohne Ironie, dass die hierzulande so umstrittene, oft als Hemmnis für Erfolg gescholtene Klausel gerade im hyperkapitalistischen englischen Fußball Sehnsüchte weckt.

Das Geschäft funktioniert gerade ohne Fans im Stadion

Andererseits, das ist der exemplarische Teil, war der Protest in Manchester auch Ausdruck eines Selbstverständnisses. Der Versuch der Gründung einer Superliga vor zwei Wochen war ja nicht ausschließlich, aber doch auch am Fan-Protest gescheitert. Die Wut beschränkte sich nicht nur auf jene zwölf federführend beteiligten Standorte, zu denen Manchester zählte. Und sie hat sich noch nicht gelegt, nur weil das absurde Projekt vorerst abgesagt ist. Nicht nur Fanverbände sind der Auffassung, dass die während der Superliga-Aufregung vergleichsweise geräuschlos verabschiedete Champions-League-Reform ab 2024 ebenfalls unverhältnismäßig den Interessen von Eliteklubs folgt.

Der Fußball soll nicht ohne sie funktionieren, nicht gegen ihren Willen, das ist Wunsch des wütenden Teils der Fans. Das ist hehr, das ist verständlich, aber es könnte ein trauriges Problem geben: Das Geschäft hat in den vergangenen Monaten ohne sie funktioniert. Und selbst der Idealismus hat ja Grenzen. Auch Inter Mailand war ein Gründungsmitglied der Superliga, auch Inter wird von umstrittenen Investoren gelenkt. Der Titel wurde trotzdem vom Inter-Publikum gefeiert.

© SZ/sjo/and
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