Peng Shuai:Die olympische Gefangene

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Peng Shuai

Die Tennisspielerin Peng Shuai sollte besser keine allzu großen Hoffnungen setzen in die "stille Diplomatie" des IOC.

(Foto: Ng Han Guan/AP)

"Stille Diplomatie" verspricht das IOC im Fall Peng Shuai. Hauptsache Ruhe vor Olympia, soll das wohl heißen. Aber wer schützt die Athletin, sobald die Peking-Spiele vorbei sind?

Kommentar von Claudio Catuogno

Ist es ein Problem, wenn ein stolzes Olympia-Land wie nun China eine Sportlerin überwacht und/oder wegsperrt, die den schönen Schein zu trüben droht? Nicht wirklich. Jedenfalls nicht für das Internationale Olympische Komitee (IOC), dessen dringlichste Fürsorge in Wahrheit noch nie den Athleten galt und deren Recht auf freies Geleit oder freie Rede. Sondern immer: dem reibungslosen Geschäftsablauf.

Insofern sollte die Tennisspielerin Peng Shuai, 35, dreimalige Olympia-Teilnehmerin, besser keine allzu großen Hoffnungen setzen in die "stille Diplomatie" und die "sehr menschliche und personenzentrierte Herangehensweise an ihre Situation", die laut einer IOC-Mitteilung vom Donnerstag nun "der vielversprechendste Weg" sein soll, um in ihrer Sache "wirksam vorzugehen". Dass es diese stille Diplomatie tatsächlich gibt zwischen Peking und Lausanne, davon darf man zwar ausgehen. Dass es Peng Shuai gut geht, dass sie sich frei bewegen darf - oder dass es zumindest so aussieht -, ist dabei aber nur Mittel zum Zweck: Es hilft den Olympia-Partnern, halbwegs ihr Gesicht zu wahren. Daran, ihre Vorwürfe zu wiederholen, wird man die Athletin gewiss zu hindern wissen.

Peng Shuai: Chinas Staatschef Xi Jinping (links) und IOC-Präsident Thomas Bach wollen vor allem eins: keinen Ärger rund um die Winterspiele 2022 in Peking.

Chinas Staatschef Xi Jinping (links) und IOC-Präsident Thomas Bach wollen vor allem eins: keinen Ärger rund um die Winterspiele 2022 in Peking.

(Foto: Denis Balibouse/AFP)

Man denkt zurück an die Winterspiele 2014 in Sotschi, Russland. An den Geologen Jewgeni Witischko, der gegen die Umweltschäden des Mega-Events protestiert und dabei auch den örtlichen Gouverneur gegen sich aufgebracht hatte. Drei Jahre Lagerhaft, plus Sofortarrest pünktlich zum Spiele-Start, weil er angeblich an einer Bushaltestelle geflucht hatte - Witischko war ein olympischer Gefangener, weggesperrt zur Wahrung des schönen Scheins. Die weltweite Solidarität war auch hier überwältigend - bloß nicht vom IOC. Das verwies auf russische Beteuerungen, wonach "der Fall Witischko nichts zu tun" habe mit Olympia. Und IOC-Präsident Thomas Bach hatte sogar herausgefunden, dass Witischko "gegen geltendes russisches Recht verstoßen" hatte! Das darf man natürlich nicht in den Partner-Autokratien des IOC.

Die WTA dagegen begreift Peng Shuai tatsächlich als Athletin, als Mitglied der globalen Tennisfamilie

Insofern folgt es jetzt der Geschäftslogik, dass Peng Shuais Vorwurf, einer der mächtigsten Politiker Chinas habe sie sexuell missbraucht, in der IOC-Erklärung gar nicht erwähnt wird. Eine unabhängige Aufklärung, wie etwa die Europäische Union sie fordert? Undenkbar, dass das IOC auf so etwas drängt. Wer es konsequent schafft, die in China unterdrückten Uiguren noch nicht mal beim Namen zu nennen, hat längst klargemacht, wie viel er für die Spiele zu opfern bereit ist.

Umso bemerkenswerter ist, dass die Frauen-Tennistour WTA jetzt keine Turniere mehr in China spielen lässt. Bemerkenswert, weil man das gar nicht mehr für möglich gehalten hätte: dass die vielbeschworenen Werte des Sports tatsächlich mal mehr wiegen als Geschäftsinteressen. Und weil die WTA Peng Shuai offenbar tatsächlich als Athletin begreift, als Mitglied der globalen Tennisfamilie.

Hoffentlich ist den WTA-Leuten aber auch dies klar: Peng Shuai wird die weltweite Aufmerksamkeit noch viel dringender brauchen, wenn China und das IOC ihre Peking-Show erst mal hinter sich haben.

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