Tod von Paolo Rossi:Mit 30 Jahren hörte Rossi mit zerschundenen Knien auf

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Der Sieg über Brasilien bei der WM sollte sich zum Mythos verdichten, er trug die Italiener zum Titel. Auch im Finale gegen Deutschland, beim 3:1 im Bernabéu, gelang Rossi das erste Tor. Im Kopf bleibt der wunderbare Torjubel von Marco Tardelli nach dem zweiten Treffer, diesen Befreiungslauf durch das halbe Stadion. Doch natürlich gewann Italien dank "Pablito", dank Toren "alla Paolo Rossi". Dieser Begriff bürgerte sich ein, er steht für gestohlene, irgendwie ergaunerte, großartige Tore, die in der Sekunde zuvor niemand kommen sah, kein Verteidiger, kein Torhüter. Für Italien war der Sieg eine Atempause, ein seltener Augenblick der Leichtigkeit: Das Land wurde zerrissen vom Terror roter und neofaschistischer Organisationen, seit Jahren schon. Die bleierne Ära, sie war für einen kurzen Moment gebrochen.

Rossi erhielt den Ballon d'Or des weltbesten Fußballers. Aus dem Staub zu den Sternen, völlig unverhofft. Danach spielte er noch für Juve, Milan und Verona. Aber eben: Das war Beigemüse zu einer Karriere im nationalen Azur, der einzigen Farbe, die ihm wirklich wichtig war. 48 Länderspiele absolvierte er nur, manche aber gruben sich ins kollektive Gedächtnis der Italiener.

Mit 30 Jahren hörte er auf. Seine Knie waren zerschunden, drei Mal hatte er sich schon die Menisken operieren lassen müssen. Er wurde Fernsehkommentator, bei allen trat er auf: Rai, Mediaset, Sky. Und weil er sich selbst nie übermäßig ernstnahm und diesen fein sarkastischen toskanischen Witz in sich trug, war er immer beliebt. Er heiratete noch einmal und wurde drei weitere Male Vater, als Großvater schon. Rossi kaufte sich im Hinterland von Arezzo einen ganzen Weiler mit Häusern, die er zum "Agriturismo" umbaute, zum großen Landgasthof. Das war ihm der liebste Ort.

Vor einiger Zeit ging er mit Rückenschmerzen zum Arzt. Ein Bandscheibenvorfall? Eine Folge der Karriere? Der Arzt fand einen Lungentumor. Seine Frau postete die Todesnachricht auf Instagram, ein Bild des Paars und eine Widmung: "Per sempre." Für immer. Uno di noi.

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