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Olympische Spiele in Tokio:Grußbotschaften an die Zweifler

Olympia Tokio - Nationalstadion

Hier sollen am 23. Juli endlich die Sommerspiele beginnen: Das Olympiastadion im Stadtteil Kasumigaoka.

(Foto: dpa)

Die Stimmung um die verlegten Spiele bessert sich nicht. Jede Umfrage zeigt, dass die Mehrheit der Japaner gegen den Termin im Sommer 2021 ist. Doch die Pläne werden in der Pandemie vorangetrieben.

Von Thomas Hahn, Tokio

Das Olympiastadion von Tokio sieht aus wie ein riesiges, halb ausgepacktes Weihnachtsgeschenk. Wenn man davor steht im Stadtteil Kasumigaoka, kann man sein geschwungenes Profil betrachten, die schlanken Säulen vor der holzverkleideten Tribünenrückseite, die begrünten Balkone. Aber man kann nicht näher ran, weil ein weißer Zaun den Zugang versperrt. Es ist, als wollten die Bauherren nicht zu viel verraten, bevor hier am 23. Juli die verlegten Sommerspiele beginnen. Beginnen sollen, wie man sagen muss. Denn gerade diese Spiele der 32. Olympiade haben doch gezeigt, dass es immer auch anders kommen kann.

Der U-Bahnhof Kokuritsu-kyogijo ist fast leer. Vereinzelte Jogger ziehen durch den Äußeren Garten von Meiji Jingu. Kaum jemand beachtet das erhabene Olympiastadion. Im Olympischen Museum gegenüber ist auch wenig los. Pandemische Stimmung. Und am Ende der Ausstellung ist ein kleiner Parcours der Hoffnung aufgebaut, weil das Museum natürlich auch Zuversicht streuen soll vor dem riesigen Sportfest, nach dem ab 24. August die Paralympics vorgesehen sind. Auf Plakatwänden stehen Grußbotschaften an die Zweifler. Ein Video läuft in Dauerschleife. Thomas Bach, der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), spricht: "... deshalb bin ich absolut davon überzeugt, dass die verlegten Olympischen Spiele von Tokio 2020 das Licht am Ende des ..."

Vorausschauen ist schwierig dieser Tage. Die meisten aus der olympischen Familie dürfen jetzt auch gar nicht so genau darüber nachdenken, was oder was nicht passieren wird im Sommer. Athletinnen und Athleten stecken in den Vorbereitungen auf den Höhepunkt, der im vergangenen Jahr nicht stattfinden konnte. Das Unbehagen von 2020 ist abgehakt, die Konzentration neu justiert. Wer jetzt mit Zweifeln trainiert, wird keine Chance haben, wenn die Spiele dann doch stattfinden. Und das Organisationskomitee Tocog, das IOC, die japanische Regierung haben die Chancen eines Milliarden-Geschäfts zu wahren. Auch in seiner Neujahrsansprache sagte Japans Premierminister Yoshihide Suga, die Spiele würden "sicher und sorgenfrei" sowie "ein Symbol der weltweiten Solidarität". Zweifel? Ausgeschlossen.

Aber die Pandemie ist nun mal da. Was soll man machen? Keiner weiß gerade, was das für ein Sportjahr wird, das gerade begonnen hat. Wird es voller Gold-Silber-Bronze-Geschichten sein? Oder wird es an irgendeinem Tag im Februar, März oder April in sich zusammenfallen, weil auch IOC und Japans Regierung einsehen müssen: Die Pandemie ist noch zu groß, um rund 11 000 Olympia-Athleten aus 200 Ländern sowie ein ganzes Heer aus internationalen Medienschaffenden, Funktionären, Schiedsrichtern und Zuschauern nach Tokio zu lassen.

Hätten die Spiele diesen Monat stattfinden sollen, wäre die Absage klar. Die Infektionszahlen sind auf der ganzen Welt hoch. Auch Japan, das relativ wenige Corona-Tote beklagt, befindet sich gerade im Stay-Home-Modus. Nachdem in Großbritannien und anderen Ländern die neue ansteckendere Corona-Variante gefunden wurde, hat die Regierung des Inselstaats sogar beschlossen, die Einreisebeschränkungen wieder zu verschärfen.

Wer nicht in Japan wohnt und aus einem belasteten Gebiet kommt, muss draußen bleiben. Die Sonderregelungen für Sportlerinnen und Sportler nebst Begleittross sind ausgesetzt. Bis Ende Januar. Vorerst. Das Coronavirus hat die Hoffnung auf rasche Entspannung bisher immer enttäuscht. Und Japans Bevölkerung ist bei dem Thema sensibel, was auch Japans Premierminister Yoshihide Suga zu spüren bekommt, weil er mit seiner staatlichen Tourismus-Förderkampagne Go-to-Travel die Einheimischen zum Reisen verleitete. Sugas Umfragewerte sind schlecht.

Die Stimmung um die Spiele wird nicht besser. Jede neue Umfrage zeigte zuletzt, dass die Mehrheit in Japan gegen den Termin im Sommer ist. Und dass man von den Sponsoren wenig hört zur Olympia-Frage, heißt nicht, dass diese kritiklos mitrudern. Eher im Gegenteil. Ausdrücklicher Olympia-Zuspruch ist gerade riskant.

Mit 3,3 Milliarden Dollar waren japanische Unternehmen schon vor der Verlegung am Spiele-Budget beteiligt. Noch kein anderer Olympia-Ausrichter hat jemals so viel privates Geld einholen können wie Tocog. Über 210 Millionen Dollar wird Japans Wirtschaft wegen der Verlegung zusätzlich draufpacken auf diesen Berg aus Geld, zumindest hat Tocog-Präsident Yoshiro Mori das vor wenigen Tagen verkündet. Mit allen 68 einheimischen Sponsoren sei man zu einer "Grundvereinbarung" gekommen, sagte Mori.

Der Zusammenhalt von Staat und Wirtschaft ist groß in Japan. Der Appell an gesellschaftliche Verantwortung und die eine oder andere Steuervergünstigung dürften auch die neue Übereinkunft geprägt haben. Motor der Verhandlungen war wie immer die mächtige Tokioter Marketing-Agentur Dentsu, die auch bei der Vergabe der Spiele an die japanische Hauptstadt eine seltsame Doppelrolle als altgedienter IOC-Partner und Tokyo-2020-Vermarkter spielte.

Die Verhandlungen müssen schwierig gewesen sein, sonst hätten sie nicht so lange gedauert. Ob alle Unternehmen wirklich überzeugt sind von dem Engagement, darf man bezweifeln. Und in der höchsten Kategorie der Spiele-Geldgeber mit international aufgestellten Firmen wie Coco-Cola, Panasonic oder Bridgestone schaut man erst recht auf die größeren Zusammenhänge der Pandemie. "Das größte Problem ist, dass es keine Planbarkeit gibt", sagt Andreas Dannenberg, Geschäftsführer der Marketing-Firma Ad-comm-Group, die in Tokio ihren Hauptsitz hat und auf dem asiatischen Markt bestens vernetzt ist. "Alles ist mit heißer Nadel gestrickt, nichts ist entschieden."

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