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Russland-Sperre:Olympiasieger aus Neutralien

Russia escapes total Rio 2016 Olympics ban

Seite an Seite: IOC-Chef Thomas Bach (links) und Russlands Staatspräsident Wladimir Putin während der Olympischen Spiele in Sotschi 2014 - des Events, bei dem das russische Staatsdopingsystem seinen Höhepunkt erreichte.

(Foto: Barbara Walton/dpa)

Der erschreckende Umgang des Sports mit Russlands Staatsdoping ist beispielhaft für eine Branche, die alle Verfehlungen mit sich selbst ausdealt. Doch künftig kann sich das ändern.

Kommentar von Thomas Kistner

Ob die Sektkorken geknallt haben? Das bleibt unklar, in dieser sperrigen Zeit. Das dünne Statement des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) jedenfalls verrät nichts von dem befreiten Jubel, den das Urteil des Sportgerichtshofs Cas dort ausgelöst haben dürfte. Am Donnerstag verhängte das Tribunal eine zweijährige Olympia-Sperre gegen Russland, bis Ende 2022 sind internationale Starts unter russischer Flagge verboten. Was klingt wie hartes Durchgreifen, ist in Wahrheit aber ein branchentypisch mildes Sanktiönchen und dürfte auch in Moskau Freude ausgelöst haben: Tatsächlich haben die Sportrichter damit ja die Dopingsperre halbiert, welche die Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) verhängt hatte.

Auch deren Sanktion war schon Getue fürs Publikum gewesen. Die brave Wada, faktisch fest in der Hand des IOC, wollte mal kurz auf die eigene Brust trommeln. Am Ende zählt nur, was unterm Strich steht. Im Fall Russland ist es das Erwartbare. Im organisierten Sport, wo ein Rädchen ins andere greift, ein Händchen ins andere, liegt ein Old-Boys-Netzwerk wie Mehltau auf Ländern und Institutionen: Da ist es Grundkonsens, dass heikle politische Themen im Hinterzimmer geregelt werden, bevor ausgesuchte Gremien sie in Beschlüsse für die Außenwelt gießen.

Die Russen sind im Sport viel zu mächtig - und fast allwissend. Jetzt müssen sie halt in Tokio 2021 und Peking 2022 auf Hymne und Fahne verzichten. Nicht aber auf Fans, die in den Stadien wiederum russische Flaggen zeigen dürfen; da fängt der Witz schon an. Auch werden listige Applikationen an den Sportklamotten der zu, kein Scherz, strikter Neutralität verdonnerten Moskauer Sport-Armada zu besichtigen sein, was die Nationalzugehörigkeit erst recht in den Fokus rückt. Und Hunderte Millionen TV-Zuschauer können ohnehin nicht mit dem Unfug bedient werden, dass gerade dem Olympiasieger aus Irgendwo oder dem Land Neutralien Gold umgehängt wird.

Die exorzistischen Übungen des Sports sind so albern, dass sich ernsthafte Analysen erübrigen. Bubenstücke wie das ums russische Staatsdoping könnte man herzhaft belachen, wäre nicht so viel Geld im Spiel. Nicht all der Patriotismus und Nationalismus, echter und falscher Stolz, das Werte-Gedöns und die schmutzige Politik.

Der gerade verabschiedete "Rodchenkov Act" erlaubt US-Fahndern weltweiten Zugriff

Die gute Nachricht: Es gibt eine Zukunft für die Betrugsbekämpfung. Sie trägt just den Namen des Mannes, der 2015 als russischer Laborchef das (von ihm zuvor mitentwickelte) Staatsdoping enttarnen half und seither im US-Zeugenschutzprogramm lebt: Grigorij Rodtschenkow. Der soeben in den USA verabschiedete und nach Art der Anti-Mafia-Gesetze strukturierte "Rodchenkov Act" erlaubt US-Fahndern bei jedem Sportevent auf der Welt, wo nur ein Dollar bewegt wird, den Zugriff. In der Logik: Wer dopt, fügt nicht nur Sportlern, sondern allen am Wirtschaftsereignis Beteiligten Schaden zu. Weshalb die Ermittlung erstmals nicht auf dopende Athleten, sondern auf die übrigen Glieder der Betrugskette zielt: Ärzte, Betreuer, Funktionäre. Also auf diejenigen, die das Milieu präparieren und nicht mal mit wirklich harten Sanktionen reagieren, wenn ein mit staatlicher Finesse gesteuerter Betrug eine ganze Winterspiel-Sause wie die Sotschi-Spiele 2014 in den Orkus spült.

Das neue US-Gesetz rührt an die Autonomie des Sports. Diese ist eh ein Anachronismus aus Turnvater Jahns Zeiten, die es Funktionären noch heute, in einer modernen Milliardenindustrie, erlaubt, ungestört ihre Deals zu machen.

Die Russland-Affäre hat der Sport geübt weggefegt. Aber es gärt, vor allem im Westen - der unabhängige Teil der Athletenschar ist unglücklich mit dieser olympischen Luftnummer. Und die US-Anti-Doping-Agentur Usada hat nun ein starkes Gesetz im Rücken. Sie nennt das Cas-Urteil verheerend, Wada und IOC hätten in der Russland-Affäre manipuliert und wie so oft politisch gedealt.

Die Usada hat die weltweit erfolgreichsten Fahnder an Bord. Beim nächsten Fund gehen sie nicht zur Wada, sondern direkt zum Staatsanwalt.

© SZ/aum/cca
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