Olympiasiegerin Schoenmaker:Laut lachend im Schwimmhimmel

Swimming - Olympics: Day 7

Tatjana Schoenmaker kann es kaum fassen: Weltrekord!

(Foto: Harry How/Getty Images)

Tatjana Schoenmaker schafft in Tokio den ersten Weltrekord der Schwimm-Wettbewerbe. Wie sie das gemacht hat? Ein Erklärungsversuch mit ihrem Trainer.

Von Claudio Catuogno, Tokio

Ein schöneres Rennen könne es gar nicht geben, fand Tatjana Schoenmaker, 24, die neue Weltrekordlerin über 200 Meter Brust. Und bestimmt wäre das auch so gewesen, wenn sie nur eine ganz normale Olympiasiegerin geworden wäre, ohne Weltrekord.

Von links kam ihre Teamkollegin Kaylene Corbett herangeschwommen, von rechts die beiden Amerikanerinnen Lilly King und Annie Lazor, alle drei warfen ihre Arme um Tatjana Schoenmaker, drückten Stirn an Stirn. Wenn man den erbitterten Kampf um jeden Zentimeter zuvor verpasst hatte, musste man denken, hier hätten sich einfach nur vier gute Freundinnen im Schwimmbad verabredet, um sich auf der Leine eine gute Zeit zu machen.

Herzlichkeit im Schwimmbecken

So viel Herzlichkeit nach einem olympischen Finale? Obwohl doch Schoenmakers Weltrekord bedeutete, dass King sich mit Silber begnügen musste, Lazor mit Bronze und Corbett mit Rang fünf? Das sieht man nicht alle Tage. Irgendwann mussten die Vier aber raus, raus aus ihrer Umarmung, raus dem Becken, da kennt der Zeitplan keine Gnade.

Und es gab ja auch eine Menge zu besprechen. Wer ist diese Tatjana Schoenmaker, die als erste Frau überhaupt die 200 Meter Brust unter 2:19 Minuten geschwommen ist: in 2:18,95 Minuten, 16 Hundertstel schneller als die Dänin Rikke Möller Pedersen 2013? Und die damit am sechsten Finalmorgen der Schwimmwettbewerbe von Tokio (abgesehen von zwei Staffeln) den ersten Weltrekord aufgestellt hat?

Swimming - Olympics: Day 7

Vier Freundinnen, die sich im Schwimmbad eine gute Zeit machen? Nein, das sind die Konkurrentinnen Tatjana Schoenmaker, Kaylene Corbett, Lilly King und Annie Lazor nach dem Olympiafinale über 200 Meter Brust (von oben rechts im Uhrzeigersinn).

(Foto: Rob Carr/Getty Images)

Auf dem Weg zum Pressezelt hinter dem Aquatics Centre lehnt Rocco Meiring an einem Geländer, Schoenmakers südafrikanischer Trainer, und sieht so aus, als könne er auch mal eine Umarmung brauchen. Wenn man ihn fragt, was ihm dieser Erfolg bedeute, bleibt ihm erst mal die Sprache weg, "sorry", sagt er und braucht einen Moment, "wir haben keine Erfahrung in so was, wir sind hier Rookies". Für sich selbst hat er da etwas untertrieben, aber Tatjana Schoenmaker ist der Szene tatsächlich erst seit der WM 2019 in Südkorea ein Begriff, da gewann sie Silber.

"Sie kam zu mir, als sie 14 war, in Pretoria", beginnt Rocco Meiring also zu erzählen. "Ich ging beruflich nach Kanada, als sie 16 war. Als ich zurückkam, war sie sauer auf mich, wofür ich ihr keinen Vorwurf mache. Aber nachdem 2016 Rio nicht geklappt hat, war ich ihre letzte Option. Entweder aufhören - oder zum Teufel gehen. Also kam sie zu mir zurück." Das mit dem Teufel darf man allerdings nicht zu wörtlich nehmen, Meiring lacht laut dabei, und am Ende sind sie ja gemeinsam im Schwimmhimmel gelandet, am Freitag in Tokio.

"Tatjana ist ein sehr starker Charakter", sagt Meiring. "Über solche Sportler kannst du nicht bestimmen, du musst sie überzeugen. Lenken, aber den Charakter erhalten. Du willst ja diese selbstbewusste Person im Pool. Meine Herangehensweise war deshalb eher die eines Vaters: Je mehr du willst, dass deine Kinder irgendwas tun, desto mehr sagst du ihnen, dass sie es nicht tun sollen..."

Am Ende hatte er Schoenmaker so weit, 2017 auf die WM in Budapest zu verzichten und stattdessen zur Universiade nach Taipeh zu fahren - sie gewann eine Medaille, "ihr Selbstvertrauen ging hoch". 2018 startete sie bei den Commonwealth-Spielen in Gold Coast - zwei Mal Gold, "das Selbstvertrauen ging wieder hoch". 2019 folgte dann Silber in Gwangju über 200 Meter Brust, da war sie, 22 inzwischen, endlich bei den Großen angekommen. Auf Umwegen. Und als dann 2020 der Lockdown anstand, "war sie im Kopf sehr, sehr stark", sagt Meiring.

Sie werde im Juli einen Weltrekord schwimmen, versprach ihr Trainer

Mit der Verschiebung der Spiele um ein Jahr hat auch bei den Schwimmern jeder seine eigenen Erfahrungen gemacht, Tatjana Schoenmaker hat sicher davon profitiert. Letztlich müssen bei einem Weltrekord aber mehr Dinge zusammenkommen als bloß Selbstbewusstsein und gute Vorbereitung: Es geht um Kraftwerte, Wasserlage, Wendegeschwindigkeit, es ist eine Wissenschaft für sich. An welchen Rädchen genau gedreht wurde, das kann man bei Olympia schlecht am Geländer besprechen. Aber hätte der Trainer Meiring das für möglich gehalten: den Weltrekord?

"Im Training haben wir nie über den Weltrekord gesprochen", antwortet er. "Erst Ende des letzten Jahres, als unklar war, ob die Spiele stattfinden, habe ich zu Tatjana gesagt: ,Ob wir es in Pretoria, auf dem Mond oder in Tokio machen, du wirst im Juli 2021 einen Weltrekord schwimmen.'" Dann habe er wieder aufgehört mit dem Thema. "Ich wollte keinen Extra-Druck machen. Das war aber auch nicht nötig, die Zeiten im Training sprachen für sich." Auch die Zeiten nach der Ankunft in Japan: Da hatte Schoenmaker gleich Silber über die 100 Meter gewonnen.

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Ungläubig, auch noch bei der Siegerehrung: Tatjana Schoenmaker.

(Foto: Roger Sedres/Gallo/Getty Images)

Die gute Laune ist dann übrigens bei der Pressekonferenz weitergegangen. Schoenmaker kamen wieder die Freudentränen. Lilly King wurde gefragt, ob man sich als Amerikanerin wirklich an Silber- und Bronzemedaillen gewöhnen wolle, wo doch immer Gold der Anspruch war? Aber King fand das, laut lachend, "Bullshit" - wie könne man "sich nicht freuen, wenn man eine Medaille nach Hause bringt"?

Dass es in Tokio erst diesen einen Einzelweltrekord gab, wunderte keine: Die Medaillenentscheidungen sind bei diesen Spielen so terminiert, dass sie im US-Fernsehen zur Primetime am Abend laufen. Also morgens um 10:30 Uhr Ortszeit. "Es ist hart, morgens Finals zu schwimmen. Du wachst auf und bist ein bisschen müder", sagte Schoenmaker - der es dennoch gelungen war. "Morgens ist der Körper nicht bereit", sagte auch Coach Meiring: "Wir haben es simuliert, aber Tatjana war immer langsamer." Sein Umkehrschluss: "Abends wäre sie noch schneller gewesen."

Ob der Rückgang der Weltrekorde auch bedeute, dass die Szene insgesamt sauberer geworden sei - diese Frage ging noch an Lilly King, die seit Jahren eine der lautesten Stimmen gegen Doping im Schwimmsport ist. Ihre Antwort, kurz und knapp diesmal: "Ich bin mir sicher, dass dieses Finale sauber war - mehr kann ich dazu heute nicht sagen." Man möchte es gerne glauben angesichts all der fröhlichen Herzlichkeit. Ob es wirklich so war, weiß nur der Teufel.

© SZ/bek/jkn
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