Übertragung der Olympischen Spiele:Dabei sein war alles

Swimming - Men's 100m Freestyle - Final

Der Sieger, wer auch sonst, steht im Zentrum, in diesem Fall der Amerikaner Caeleb Dressel nach seinem Sieg im Finale über 100 Meter Freistil.

(Foto: Antonio Bronic/Reuters)

Die TV-Übertragungen der Olympischen Spiele sind jetzt ganz aufs Gewinnerfeld fixiert. Dabei offenbart sich doch auch abseits davon der Zauber.

Von Harald Hordych

Wer immer sich eine ordentliche, eine selbstverständlich demokratisch legitimierte Weltregierung wünscht, bei der alle Fäden zusammenlaufen, der braucht nur zu den Olympischen Spielen in Tokio zu schauen. Dort gibt es sie bereits, die Weltregie, die die in Tokio von einer Firma aufgenommenen Fernsehbilder für alle zugeschalteten Länder auswählt. Ein Bild für alle, das kennt man von anderen Sportveranstaltungen und es gäbe auch gar nicht viel darüber zu sagen, wenn nicht bei diesen olympischen Spielen eine Bild-Strategie auffallen würde, die mit merkwürdig nur unzureichend umschrieben ist. Es geht um eine auffallende Konzentration auf die Sieger, also jene ominösen drei, die auf das Siegertreppchen springen dürfen und dann Gold, Silber oder Bronze-Medaillen hochhalten.

Bei den Schwimmwettbewerben kann man beispielsweise Folgendes beobachten: Die drei Bahnen, in denen die Führenden schwimmen, werden mit den Nationalflaggen versehen, die anderen nicht. Nur vor dem Start werden alle Bahnen eingenordet. Mit der Startsirene geht es um die drei Führenden. Deswegen reden die Kommentatoren, wenn sie vom zurückliegenden oder sich herankämpfenden deutschen Starter sprechen, oft ein bisschen ins Leere, weil nicht ganz klar ist, von wem auf welcher Bahn genau jetzt eigentlich die Rede ist. Der Zuschauer zählt ständig die Bahnen ab, um herauszufinden, wo sich denn nun der Schlussschwimmer der 4x200-Meter-Staffel genau befindet, ist das der zweite oder der dritte von oben? Außerdem konzentriert sich der Weltschnitt, wenn man das so nennen möchte, eh auf die potenziellen Sieger. Früher wurden durchweg die Flaggen aller acht teilnehmenden Länder gezeigt, gern auch alle Bahnen in der Totalen. Ja, das war immer sehr bunt, ein Fahnenmeer könnte man jetzt kalauern, aber es war klar, wer wo seine Fahnen durchs Wasser zieht. Die konnten zwar nicht alle gewinnen, sie schwammen aber alle mit, dabei sein war alles.

Nun weiß jeder, wer führt, und der anonyme Rest schlägt seine anonymen Schaumwellen. Gewinnen ist alles.

Und noch etwas Anderes ist seltsam an dieser Weltregie: Wenn die Sieger ihr siegreiches Rennen beendet haben, bleibt die Kamera oft, um nicht zu sagen immer, bei den Siegern, die im Zweifelsfall jubeln, was schön anzusehen ist, aber auch ein paar Sekunden später nachgeholt werden könnte, weil sie so schnell mit dem Jubeln wohl kaum aufhören werden.

Der Einlauf des Vierten, Fünften oder Sechsten, gern auch des Achten, wird oft nicht gezeigt, weil die Sieger ja feststehen, die natürlich weltweit am meisten interessieren. Auch die Verlierer haben aber das Ziel, die bestmögliche Platzierung zu erreichen, und auch sie haben Fans, die wissen möchten, ob ihr Idol nun Fünfter oder Sechster geworden ist, vielleicht sogar mit Landesrekord. Und das möchte man nicht nur erzählt bekommen, sondern auch gern sehen.

Das nervt ganz offenkundig auch Kommentatoren wie bei den Schwimmwettbewerben ARD-Mann Tom Bartels. Die haben beim Zieleinlauf erkennbar Mühe, ihre schön eingeübte Contenance zu bewahren und murren, weil sie ja, wenn sie, wie die meisten ARD- und ZDF-Kommentatoren, im gemeinsamen Broadcasting-Center in Mainz sitzen, auch nicht sehen, was gerade geschieht. Und dann taucht irgendwann der mehr oder weniger glückliche Hinterkopf des eingetroffenen deutschen Schwimmers auf. Und das auch nur, weil ARD und ZDF eine einzige eigene Kamera im Schwimmstadion haben, auch für die Interviews mit den Sportlerinnen und Sportlern nach den Wettbewerben.

Was Olympia ausmacht, was es immer wieder so besonders macht, sind gerade die Momente, in denen das Fixiertsein auf den Sieg als größten gemeinsamen Nenner aller zuschauenden Länder ausgehebelt wird. Zum Beispiel beim Turnen der Frauen, weil bei solchen Wettbewerben die Sportlerinnen nun mal hintereinander antreten und nicht gleichzeitig nebeneinander in Turnbahnen. Da durfte man eine Turnerin erleben, die sich vor dem Wettkampf das Kreuzband gerissen hatte, eine schwere Verletzung, die es unmöglich macht, am Wettbewerb teilzunehmen. Aber nun trat sie an den Stufenbarren heran, um eine einzige Übung zu absolvieren, eine eher leichte. Es folgte einer der Momente für die man - nicht nur, aber auch - Olympische Spiele schaut.

Die Frau hängte sich symbolisch an den Barren, um gewissermaßen ein Mal Olympia eingeatmet zu haben, und stellte sich dann hin, auch auf das dick einbandagierte Bein. Da stand sie nach fünf Sekunden Olympia, aber sie stand da sehr glücklich, denn sie konnte sich nun Olympiateilnehmerin nennen. Dabei sein war alles.

© SZ/hert
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