Olympia 2020 Olympischer Größenwahn mit dem Geld der Steuerzahler

Sieht aus wie ein Fahrradhelm, sollte aber eine Sportarena werden: Der Entwurf eines futuristischen Olympiastadions für 2020 wird nicht umgesetzt - der japanischen Regierung war die Idee der irakisch-britischen Architektin Zaha Hadid einfach zu teuer.

(Foto: AFP)
  • Das Olympiastadion in Tokio sollte achtmal mehr kosten als das in Peking. Nun wurden die Pläne gekippt.
  • Von kostengünstigen olympischen Spiele, wie es mal versprochen wurde, ist die Stadt trotzdem weit entfernt.
  • Auch, weil das IOC mit manchen Sparvorschlägen offenbar nicht einverstanden ist.
Von Christoph Neidhart, Tokio

Yoshiro Mori streitet wieder, dieses Mal für eine Volleyball-Halle, einen künstlichen Rudersee und eine Schwimmhalle. Zwei Jahre lang hatte der Chef des Organisationskomitees für die Olympischen Spiele 2020 das Nationalstadion-Projekt der kürzlich verstorbenen Stararchitektin Zaha Hadid verteidigt, obwohl niemand es mochte und sich namhafte Architekten dagegen wehrten. Bürger-Gruppen kämpften für die Erhaltung des alten Baus, der für die Spiele 1964 errichtet worden war und als wichtiges Architekturdenkmal für jene Zeit galt. Als wollte die japanische Regierung die Stadion-Gegner zum Verstummen bringen, ließ sie die alte Arena abreißen, bevor der Neubau bewilligt war. Seit zwei Jahren liegt deshalb mitten in Tokio eine riesige Baustelle brach.

Nun können die Arbeiten beginnen. Am Mittwoch gab Japans Regierung bekannt, dass sie einen Vertrag über 149 Milliarden Yen (rund 1,3 Milliarden Euro) mit einem Gemeinschaftsunternehmen um den Bauriesen Taisei besiegelt hat. Die Vorbereitungen sollen noch in diesem Monat starten, der eigentliche Baubeginn ist für Dezember geplant; in drei Jahren soll das neue Olympiastadion dann fertig sein.

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Premierminister Shinzo Abe hatte Hadids Projekt, das vom Volk als "Fahrradhelm" verspottet wurde, vor einem Jahr gekippt, weil es zu teuer wurde. Die Arena hätte rund 2,7 Milliarden Euro gekostet - sechsmal mehr als die für London 2012, achtmal mehr als das "Vogelnest" für 2008 in Peking. Vor dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) hatte Abe noch geprahlt, Japan werde ein Stadion präsentieren "wie kein anderes in der Welt".

Bei der Bewerbung hatte Tokio behauptet, alle Wettkampfstätten würden bereits bestehen

In die erste, noch teurere Version der in Bagdad geborenen Britin hatte das Olympische Komitee Japans ein neues Hauptquartier geschmuggelt - und erwartet, die Zentralregierung als Bauherr werde das schweigend mitzahlen. OK-Chef Yoshiro Mori, einst einer der unbeliebtesten Premierminister, die Japan je hatte, und bis heute im Hintergrund ein Drahtzieher von Abes Liberaldemokraten, hat in seiner langen Polit-Karriere stets großzügig Staatsgelder verteilt. Dass der Fahrradhelm zu teuer würde, schien den einstigen Rugby-Spieler nicht zu stören. Kaum hatte Abe das Projekt gekippt, distanzierte sich der 79 Jahre alte Mori von dieser "offenen Auster", wie er Hadids Projekt nun nannte. Er habe sein Design von Anfang an gehasst.

Das Ersatzprojekt des japanischen Architekten Kengo Kuma soll jetzt nur noch die Hälfte kosten; dazu muss der japanische Staat allerdings rund 65 Millionen Euro Entschädigung an das Büro von Zaha Hadid und diverse Ingenieursfirmen zahlen. Mori war es im Übrigen auch, der das erste Logo für die Spiele 2020 vorgestellt und gegen alle Plagiatsvorwürfe "mit absoluter Überzeugung" verteidigt hatte: Sein Komitee habe alles abgeklärt. Drei Wochen später ließ er das Logo kleinlaut fallen, weil es eben doch ein Plagiat war. Olympia 2020 hat bisher vor allem Fehlstarts produziert.

Jetzt kämpft Mori für jene drei Wettkampfstätten, welche eine von der neuen Bürgermeisterin Yuriko Koike eingesetzte Kommission streichen will, um zu sparen. Tokio hatte den Zuschlag für vernünftige, kostengünstige, ökologische Spiele erhalten: Sie sollten insgesamt 768 Milliarden Yen kosten, rund 6,7 Milliarden Euro. Dabei war Hadids Stadion in dieser Rechnung nicht einmal enthalten, da es nicht von der Stadt, sondern der Zentralregierung gebaut wird. In den Bewerbungs-Unterlagen hatte Tokio behauptet, fast alle Wettkampfstätten würden bereits bestehen, sie müssten nur erneuert werden.

Kaum hatte Tokio den Zuschlag, wurden die Spar-Vorsätze jedoch dem Hang zum Größenwahn geopfert. Jede Einrichtung sollte die beste der Welt sein. Und weil in Japan bei der Vergabe von öffentlichen Bau-Aufträgen Seilschaften wichtiger sind als der Wettbewerb, werden die Projekte zwangsläufig teuer. Und im Laufe der Bauzeit noch teurer. Schon für die Sommerspiele 1964 in Tokio explodierten die Kosten, die Korruption war gigantisch, die Verschwendung auch. Tokio 1964 waren bis dahin die teuersten Olympischen Spiele. Tokio 2020 ist auf dem besten Weg, das zu wiederholen.

Bürgermeisterin Koike war mit dem Versprechen zur Wahl angetreten, sie werde mit dem Filz in der Stadtregierung aufräumen. In den ersten zwei Monaten im Amt hat sie bereits Betrügereien beim Neubau von Tsukiji, dem größte Fischmarkt der Welt, ans Tageslicht gezerrt. Die Kommission, die sie einberufen hat, um die Kosten von Olympia zu durchleuchten, argumentiert, mit "Tatsumi" verfüge Tokio über eine olympiawürdige Schwimmhalle unweit vom geplanten Neubau; sie müsste bloß renoviert werden. Das Volleyball-Turnier könne in die "Super-Arena" des Vororts Saitama verlegt werden, wo 2006 die Basketball-WM stattfand. Fürs Rudern wurde bereits 1964 ein Becken ausgehoben, zudem verfüge Japan über gute Ruderseen.

Als Kronzeugen gegen diese Einsparungsvorschläge führen Mori und sein Organisationskomitee das IOC und die internationalen Fachverbände an - die seien damit nicht einverstanden. John Coates, der Verbindungsmann des IOC, hat in der Tat bereits Bedenken angemeldet. Das fällt dem IOC und den Fachverbänden leicht, sie zahlen ja nichts für die Spiele. Und geben wie Yoshiro Mori das Geld anderer Leute großzügig aus: Nach den IOC-Regeln wird die Stadt Tokio, also deren Steuerzahler, 97,5 Prozent der Kosten tragen.

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