Olympia-Gastgeber:Brasilien baut auf den Heimvorteil

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Gemessen an der Größe der Bevölkerung ist Brasiliens Ausbeute bei Olympischen Spielen bislang extrem bescheiden. Die fünftgrößte Nation der Welt liegt im ewigen Medaillenspiegel auf Platz 32, knapp hinter Kenia, deutlich hinter Belgien und weit hinter Kuba. Der nationale Sportplan sieht vor, es dieses Jahr erstmals in die Top Ten des Rankings zu schaffen. 27 Medaillen sollten es ursprünglich werden. Inzwischen wurde das Minimalziel auf 23 bis 24 korrigiert. Vor vier Jahren in London waren es 17. So viele wie noch nie.

Natürlich setzt das Land auf den berühmten Heimvorteil, obwohl bei der Fußball-WM vor zwei Jahren nicht wirklich zu erkennen war, dass er tatsächlich existiert. Laut Berechnungen der Zeitung Folha de São Paulo sammelten die Gastgebernationen vergangener Spiele durchschnittlich 13 Medaillen extra ein. Allerdings weist die Statistik nicht aus, wie viel davon auf die Unterstützung der heimischen Zuschauer zurückzuführen ist - und wie viel etwa auf staatliche Dopingprogramme.

Brasilien kämpft gegen die Depression

In Brasilien wurde vor diesen Spielen jedenfalls kräftig in die Sportförderung investiert. Der 2012 verkündete Plan "Brasil Medalhas" hatte ein Volumen von einer Milliarde Reais, gut 270 Millionen Euro. Kritiker behaupten, dass ein erklecklicher Teil der Summe auf verschlungenen Pfaden sowie in tiefen Taschen versickerte. Wahrscheinlich muss also Neymar alles richten. Allein durch seine Präsenz im Kreise größtenteils unbekannter Nachwuchskicker erfährt das sonst so bedeutungsleere Fußballturnier bei diesen Spielen eine beispiellose Aufwertung.

Für Brasilien geht es hier um den Kampf gegen eine multiple Depression: Der Rekordweltmeister hat noch nie olympisches Gold gewonnen - weder bei den Männern noch bei den Frauen. Spätestens nach dem mitleiderregenden WM-Auftritt von 2014 gelten diese beiden Medaillen als Pflichtübungen. Dann fehlen aber immer noch 21 zum Minimalziel.

Berechtigte Hoffnungen auf den mittleren Podiumsplatz kann sich Brasilien auch im Judo, im Segeln, im Volleyball am Strand und in der Halle, in der ein oder anderen Kanu- und Schwimmentscheidung sowie im Stabhochsprung der Frauen machen. Der Turner Arthur Zanetti soll seinen Olympiasieg an den Ringen aus London wiederholen. Der modernen Fünfkämpferin Yane Marques, die am Freitag Brasiliens Fahne ins Maracanã tragen darf, wird auch einiges zugetraut. Was den Rest des Medaillenplans angeht und überhaupt fast alles, was mit dem Erfolg dieser Spiele zusammenhäng, so gilt der Refrain eines Olympiasongs, den der unermüdliche Pelé gerade mit einem Kinderchor eingesungen hat: "Esperança", Hoffnung.

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