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Debatte um Mesut Özil:Die wahren Verlierer sind die Ehrenamtlichen

kickende Flüchtlingskinder in Niederwörresbach

Fußballvereine tun viel für die Integration von Jugendlichen.

(Foto: dpa)

Der Fall Özil hat an der Fußballbasis ein vergiftetes Echo hinterlassen. Die Arbeit ist nun schwieriger geworden. Differenzierung ist nicht die Stärke des Stammtischs, auch nicht im Vereinsheim.

Kommentar von Sebastian Fischer

Es gab eine Zeit, in der Mesut Özil noch kein Profifußballer war, sondern nur ein kleiner Fußballer. Er sollte noch nicht das Vorbild einer in ihrem Verständnis von Integration verunsicherten Gesellschaft sein. Er wuchs in sie hinein. Das war nicht immer einfach für Özil, aber man stellt sich dieses Land wohl nicht zu rosarot vor, wenn man mutmaßt: Es wurde immer dann einfacher, wenn er Fußball spielte. Für Teutonia Schalke, Westfalia und Falke Gelsenkirchen, für die Klubs seiner Jugend. Aber man stellt sich dieses Land hoffentlich zu dunkel vor, wenn man aus Özils Rücktritt schlussfolgert, dass nun bei Vereinen wie Teutonia, Westfalia und Falke die Integrationsarbeit scheitert. Man unterschätzt dann hoffentlich rund sieben Millionen Amateurfußballer in Deutschland.

Der DFB hat mit seinem Krisenmanagement stellvertretend für all seine Mitglieder fahrlässig gehandelt, indem er ihre Symbolfigur für Integration zur Symbolfigur des Scheiterns werden ließ. Und Özil hat seine Rolle als Integrationsbotschafter, die er freilich nie haben wollte, kaum erfüllt. Die Arbeit an der Basis ist nun schwieriger geworden, der Fall ist eine Hypothek. Dass in den Kabinen, wo Alltagsrassismus und Segregationstendenzen genauso ein Problem sind wie überall, demnächst flapsige oder bösartige Özil-Vergleiche angestellt werden - das ist das vergiftete Echo.

Die Trainer und Betreuer, die Ehrenamtlichen, die dieses Echo nun Training für Training und Spiel für Spiel abschwächen müssen, sind die wahren Verlierer der Krise. Es ist zu hoffen, dass sie ihre wertvolle Arbeit deshalb nicht aufgeben, die zusätzliche Last bereitwillig schultern. Differenzierung ist nicht die Stärke des Stammtischs, auch nicht im Vereinsheim. Doch es braucht sie nun besonders, all die Trainer, die schon bei den Kleinsten die Gemeinschaft betonen. Auf dem Foto der ersten Mannschaft von Westfalia Gelsenkirchen sitzt ein Fatih neben einem Niklas. Das muss selbstverständlich bleiben, ohne dass Fatih sich vor Niklas für Özil und Erdogan rechtfertigen muss.

Die Nähe zwischen Profis und Amateuren ist ein Mythos

Nun ist die vom DFB beschworene Nähe zwischen Profis und Amateuren ein Mythos. Das ist ein Jammer, wenn es um die Verteilung von Geld geht. Doch es kann auch ein Segen sein. Wer Feierabendkicker nach dem Namen ihres Verbandspräsidenten fragt, bekommt eher ein Achselzucken als Antwort. Und haben sie viel gemein mit Özil, einem Millionär aus London?

Was sie gemein haben mit den Nationalspielern: Teil eines Teams zu sein. In einem Team werden keine Einzelnen gegängelt. Ein Team hält zusammen, auch wenn es weh tut. Das weiß jeder Kreisligist, auch wenn es beim DFB ein paar Menschen vergessen haben.

© SZ vom 24.07.2018/schma
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