Schach:Schachspieler, Showmaster, Tausendsassa

Schach: Niclas Huschenbeth weiß, wie Schach es geschafft hat, aus der Nerd-Ecke zu kommen.

Niclas Huschenbeth weiß, wie Schach es geschafft hat, aus der Nerd-Ecke zu kommen.

(Foto: privat)

Niclas Huschenbeth ist Schach-Großmeister in Diensten von Bayern München und Youtuber. Er hat den Schach-Boom und die Transformation seines Sports hautnah miterlebt - und weiß: Heute ist Schach ebenso Show wie Denksport.

Von Helene Altgelt

Ein dunkler Raum, eine Tür, Klopfen. "Mademoiselle, vous êtes là?", tönt eine Stimme aus dem Off. Schnitt: ein luxuriöses Hotelzimmer in Paris, im Hintergrund stehen auf einem Schachbrett Dutzende Flaschen und Pillendosen. Eine junge, rothaarige Frau nimmt einen tiefen Schluck aus einer dieser Flaschen, dann eilt sie heraus in das Blitzlicht-Gewitter und zu ihrem Brett. Ihr Gegner wartet schon, die altmodische Holzuhr tickt.

Das ist die Anfangsszene der Serie "Das Damengambit", die nach ihrem Erscheinen im Oktober 2020 schnell Netflix-Rekorde bricht. Anya Taylor-Joy brilliert in der Rolle des traumatisierten Waisenkinds, das der männerdominierten Großmeisterwelt das Fürchten lehrt. Die Mischung aus Pariser Chic, den virtuos inszenierten Szenen auf den 64 schwarz-weißen Feldern und den halluzinatorischen Drogentrips löst einen unverhofften Schach-Boom aus. Die Nutzerzahlen auf Online-Portalen schießen in die Höhe, Holzbretter sind plötzlich ausverkauft und der Wikipedia-Artikel erfreut sich reger Beliebtheit. Die Serie ist schon der zweite Glücksfall für den Schachsport im Jahr 2020, denn mit Beginn der Pandemie gibt es bereits einen ähnlichen Höhenflug.

Einer der Nutznießer dieser Entwicklung heißt Niclas Huschenbeth. Der 31-Jährige, der sich den hinteren Teil seines Namens mit der Damengambit-Protagonistin Beth Harmon teilt, ist der vielleicht bekannteste deutsche Schachspieler, Großmeister in Diensten des FC Bayern München und vor allem sehr erfolgreich auf Youtube. Fast 110 000 Abonnenten hat er dort. Im Vergleich zu Gaming-Streamern mag das nach einer bescheidenen Anzahl klingen, aber es ist doch mehr, als der Deutsche Schachbund Mitglieder hat. Sein erfolgreichstes Video, über eine brillante Partie von Bobby Fischer, hat mehr als eine Million Aufrufe. Er wird für seine lockeren und verständlichen Analysen von Experten wie Laien geschätzt. Vor der Pandemie "plätscherte der Kanal vor sich hin", erzählt er, dann kam der Durchbruch. Huschenbeth weiß, wie Schach es geschafft hat, aus der Nerd-Ecke zu kommen.

Die Aufmerksamkeitsspanne sinkt, doch Huschenbeth trifft den Nerv der Zeit

"Schach ist cool", sagt Huschenbeth. "Es gab einen großen Imagewechsel. Ich sehe ständig Leute, die es auf dem Handy spielen." Auf Online-Plattformen wie chess.com sind besonders Partien mit kurzer Bedenkzeit, von fünf Minuten oder weniger, beliebt. Ganz anders als die klassischen Turnierpartien, von denen die längsten, die sogenannten "Seeschlangen", sich über sechs Stunden oder mehr ziehen können. Die schnellen "Blitz"- oder "Bullet"-Partien sind dagegen kurzweilig und adrenalingeladen. Die Aufmerksamkeitsspanne sinkt in Zeiten der 30-Sekunden-Videos, auch im Schach. Huschenbeth weiß das, inzwischen bespielt er seinen Youtube-Kanal nur noch mit Streams, in denen er die eigenen Schnellpartien kommentiert. "Die Leute finden das spannend, weil sie einen direkten Blick in den Kopf des Großmeisters bekommen", sagt er.

Huschenbeth ist ein Tausendsassa, einer mit unzähligen Projekten. Als Haupteinnahmequelle betreibt er die größte deutsche Online-Schachschule, Chessence, dazu spielt er für Bayern in der Bundesliga. Er will in die Nationalmannschaft, hat gerade seine Masterarbeit zur Interaktion zwischen Mensch und Computer im Schach abgegeben und ist Sekundant des Weltranglistendritten Hikaru Nakamura, also dessen Spezialist für die Eröffnungsvorbereitung. Auch Weltklassespieler wie Nakamura - zwei Millionen Abonnenten auf Youtube - verbringen inzwischen mehr Zeit in Online-Schachforen als am klassischen Brett.

Schachrevolution von Magnus Carlsen

Langzeitpartien auf Weltklasseniveau sind einigen Großmeistern zu langweilig geworden, denn ein beachtlicher Teil besteht nur daraus, die vorbereitete Eröffnung abzuspulen. Spielwitz und Schachverständnis zählen weniger. Gerade mit Schwarz sind viele nur darauf aus, ein Remis zu erreichen. "Deshalb werden gar nicht alle Fähigkeiten der Spieler abgefragt", meint Huschenbeth. Ist Schach etwa ausgerechnet, zu Ende gedacht? Wenn, dann gäbe es zwei Lösungen: schneller spielen - oder anders spielen.

Der prominenteste Vertreter dieser anders Spielenden heißt natürlich Magnus Carlsen, der gerade mit dem Unternehmer Jan Henric Buettner ein neuartiges Schachturnier ausgerichtet hat. Freestyle Chess G.O.A.T. Challenge hieß das ganz unbescheiden. G.O.A.T. (oft auch Goat) steht für "Greatest of all time." Mit der Besonderheit, dass die Aufstellung der Figuren auf der Grundreihe ausgewürfelt wurde. 960 unterschiedliche Kombinationen gibt es. Huschenbeth war als Kommentator mit dabei, er versteht den Reiz des sogenannten Fischer-Schachs: "Man darf nicht zu sehr in den Denkmustern vom klassischen Schach feststecken, sondern muss offen sein, thinking outside the box", sagt er.

Huschenbeth, der Streamer und Kommentator, wirkt wie der perfekte Repräsentant einer neuen Generation, die Schach anders denken und spielen will. Gleichzeitig wirbt er für das klassische Schach. Die langen Bedenkzeiten findet er wichtig, und "es hat seinen Sinn, dass die Figuren so stehen, wie sie stehen", meint er. Als Eröffnungsexperte hat Huschenbeth natürlich einen Nachteil, wenn alles durcheinandergewirbelt wird. "Mich reizt es, neue Ideen zu finden, wie man den Gegner überraschen kann", sagt er.

Für das klassische Schach steht die Bundesliga, eine der stärksten Spielklassen der Welt. Fast alle Weltklassespieler sitzen in Deutschland am Brett, allerdings spielen sie nicht für Huschenbeths FC Bayern, sondern für Baden-Baden, Viernheim oder Deizisau. Die Münchner, ein ungewohnter Anblick, spielen nicht oben mit, sondern im soliden Mittelfeld. Selbst in der traditionellen Liga verschieben sich aber die Maßstäbe. Der SC Viernheim verpflichtete Hikaru Nakamura wegen seines Könnens auf den Feldern, aber auch wegen seiner Internet-Präsenz: "Nakamura hat verstanden, dass er als Schachspieler Unternehmer in eigener Sache ist, auch, dass er Mitglied des Showgeschäfts ist, wenn ich das so sagen darf", sagt Klubchef Stefan Martin. Niclas Huschenbeth hat das auch verstanden.

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