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San Francisco im Super Bowl:Wenn Raheem Mostert seine Gegner überrennt

San Francisco 49ers running back Raheem Mostert scores on a 22 yard run against the Green Bay Packers in the third quar

Schüttelt seine Gegner gerne ab: Raheem Mostert im roten Trikot der San Francisco 49ers.

(Foto: imago images/UPI Photo)
  • Lange wurde der Running Back Raheem Mostert von den NFL-Teams übersehen, doch nun führt er die San Francisco 49ers mit seinen Touchdowns in den Super Bowl.
  • Dort treffen die 49ers auf die Kansas City Chiefs. Und prädestiniert, um deren Schwächen aufzudecken, erscheint eben jener Mostert.

Mehr als 200 Yards Raumgewinn, vier Touchdowns. Niemand wäre für verrückt erklärt worden, wenn er diese Statistiken vor diesem Wochenende für einen Laufspieler im Halbfinale der US-Footballliga NFL vorhergesagt hätte. Er wäre nur für verrückt erklärt worden, wenn er bei dieser Prognose nicht Derrick Henry genannt hätte, die Naturgewalt der Tennessee Titans, der schon als Teenager in seinem Heim-Bundesstaat Florida der Mr. Football gewesen und 2015 als bester College-Akteur mit der Heisman Trophy ausgezeichnet worden ist. Der in dieser Saison den größten Raumgewinn und die meisten Touchdowns geschafft hat, beim Sensationssieg im Viertelfinale 195 Yards erlief und sich bei Twitter ganz unbescheiden "King Henry" nennt.

Henry spielte ordentlich am Sonntagnachmittag (69 Yards, ein Touchdown), sein Verein verlor jedoch mit 24:35 gegen die favorisierten Kansas City Chiefs. Die treffen im Super Bowl in zwei Wochen in Miami auf die San Francisco 49ers, deren Running Back Raheem Mostert beim 37:20-Sieg gegen die Green Bay Packers insgesamt 220 Yards erlaufen und dabei vier Mal die gegnerische Endzone erreicht hat. "Völlig irre", sagte Mostert danach: "Ich kann überhaupt nicht glauben, was ich heute erreicht habe." Nun, da ist er nicht alleine, viele Leute fragen nun: Wer in aller Welt ist dieser Typ, der bei Twitter "RMos_8Ball" heißt?

Raheem Mostert ist ein sportliches Multitalent

Mostert ist ein Übersehener in einer Sportart, deren Verantwortliche sich gerne dafür rühmen, niemanden zu übersehen und alles zu planen, was sich planen lässt. In der bereits die Statistiken von Grundschülern gewälzt, die Karrieren von Teenagern geplant und bei der Suche nach Talenten, das ist kein Witz, die Beziehung zur Großmutter eine Rolle spielen kann. Wer sich mit einem der zahlreichen NFL-Talentspäher unterhalten hat, der fragt sich, ob nicht "Privatdetektiv" die treffendere Berufsbezeichnung wäre. Wie konnten die Mostert nur übersehen?

Es liegt womöglich daran, dass Mostert ein sportliches Multitalent ist. Als Leichtathlet der Purdue University schaffte er die 100 Meter in 10,15 Sekunden, als Footballspieler agierte er sowohl in der Verteidigung als auch in der Offensive; erst im letzten Jahr wurde er Stammspieler. Er konnte vieles, ragte allerdings nirgends heraus; das durchschnittliche Urteil der Späher, die nach Experten suchen: zwei von fünf Sternen. Bei der NFL-Talentbörse im Jahr 2015 wurde er nicht gewählt. Die Vereine wussten, dass dieser Raheem Mostert was kann - sie wussten nur nicht so genau, was das sein könnte.

Die Philadelphia Eagles verpflichteten ihn im Herbst 2015 nach einem Probetraining, degradierten ihn jedoch trotz formidabler Testspiele in die sogenannte "Practice Squad", deren Aufgabe es ist, künftige Gegner zu imitieren und die Stammspieler so aufs kommende Wochenende vorzubereiten. Mostert wurde nur eine Woche später entlassen, wie in den darauf folgenden Monaten von den Miami Dolphins, den Baltimore Ravens und den Cleveland Browns. Eine Saison später war er bei den New York Jets und den Chicago Bears unter Vertrag, im November 2016 kam er zu den San Francisco 49ers, und man kann nun wahrlich nicht sagen, dass die unbedingt auf Mostert gewartet oder sein Talent entdeckt hätten.

Aufgrund seiner Schnelligkeit durfte er die Anstöße der Gegner zurücktragen, als Running Back wurde er zwei Spielzeiten lang bei insgesamt gerade mal sieben Spielzügen eingesetzt; erst in dieser Saison durfte er aufgrund von Verletzungen der Stammspieler Tevin Coleman und Matt Breida häufiger aufs Spielfeld. Beim Football gewinnt nur selten der Verein den Titel, der zu Beginn einer Saison die vermeintlich besten Spieler im Kader hat - sondern oftmals jener, der in den Playoffs über die meisten gesunden Akteure verfügt oder Ausfälle adäquat ersetzen kann, und genau das passiert gerade beim Laufspiel der 49ers.

Sie wollten Green Bay überrennen - und Mostert tat genau das

Trainer Kyle Shanahan scheint Breida nach einigen Ballverlusten in den vergangenen Wochen nicht mehr zu vertrauen, Coleman schied gegen die Packers im zweiten Viertel mit einer Schulterverletzung aus. Die 49ers hatten die Lauf-Verteidigung der Packers als Schwachstelle identifiziert, Quarterback Jimmy Garoppolo warf den Ball insgesamt nur acht Mal. Sie wollten Green Bay im wahrsten Sinne des Wortes überrennen, und Mostert tat genau das: Er ist keiner, der wie der Hüne Henry (112 Kilo verteilen sich auf 1,91 Meter) seine Gegenspieler wegschubst oder zur Not mit sich schleppt. Mostert (1,78 Meter, 89 Kilo) wirkt eher wie das schmächtige Kind auf dem Schulhof, das beim Fangenspielen noch nicht einmal von den anderen berührt wird, weil es gar so flink ist.

"Es hat viele Leute gegeben, die nicht an mich geglaubt haben", sagte Mostert nach der Partie. Er, der Übersehene, trage stets einen Zettel mit den Vereinen bei sich, die ihn hinausgeworfen haben: "Vor jedem Spiel lese ich, an welchen Tagen ich genau entlassen worden bin. Nicht jeder kann mit diesem Stress und Schmerz der Zurückweisung umgehen. Es ist meine Art, mir selbst zu sagen: 'Du hast nie aufgegeben und immer an diesen Traum geglaubt - und nun schau, wohin du es geschafft hast.'"

Er hat es ins Endspiel geschafft, das in zwei Wochen in seiner Heimat Florida, in Miami ausgetragen wird. Sportlich dazu nur so viel: Sollte Gegner Kansas City eine Schwäche haben, dann ist es die Lauf-Verteidigung.

© SZ.de/jki/cat
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