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Kansas City Chiefs:Halb Mozart, halb Salieri

Schnurrbartträger mit Kladde und Headset: Andy Reid, Trainer der Kansas City Chiefs, in Aktion.

(Foto: AP)

Ein Schritt bis zur Vollkommenheit: Andy Reid gehört zu den Trainern mit den meisten Siegen in der NFL. Die Super-Bowl-Trophäe fehlt dem 61-Jährigen noch, aber in diesem Jahr könnte er mit den spielfreudigen Kansas City Chiefs den großen Wurf landen.

Wann springt die Liebe zur eigenen Arbeit in Besessenheit um? Vielleicht dann, wenn man für ein Jobinterview ein mehr als zehn Zentimeter dickes Buch mit allen möglichen und unmöglichen Antworten mitbringt. Es war 1999, die Philadelphia Eagles waren auf Trainersuche und fragten in der Liga herum: "Habt ihr irgendjemand in eurem Team, über den sich die Spieler beschweren, weil er so besessen von Details ist?" Ein Name tauchte immer wieder auf: Andy Reid. Als er zum Vorstellungsgespräch erschien, hatte er in seinem Buch zum Beispiel seine Favoriten für jede einzelne Assistenten-Stelle aufgeschrieben - zehn Namen pro Stelle. Dieser Antrieb hat den inzwischen 61-Jährigen zum Chefcoach mit den sechstmeisten Siegen in der hundertjährigen NFL-Geschichte gemacht. Der wichtigste Sieg, der letzte des Jahres, der Gewinn des Super Bowls, fehlt immer noch. Doch in diesem Jahr scheint dieser letzte Schritt zur Trainer-Vollkommenheit so möglich wie nie.

Andy Reid ist ein unübersehbarer Mann, vor allem in körperlicher Hinsicht, und das war auch schon als Kind so. Geboren und aufgewachsen ist Reid in Los Angeles. Als er dort als 13-Jähriger an einem Football-Wettbewerb im Fernsehen mit anderen Kindern teilnahm, musste er sich das Trikot eines Profispielers ausleihen, so kräftig war er schon damals. Heldentaten blieben aus, seine eigene Spielerkarriere endete 1981 unspektakulär im College.

Der Trainer ist ein begnadeter Offensiv-Architekt

Es begann der lange Marsch durch die Football-Institutionen, das übliche amerikanische Hochackern und -schuften. Zuerst Trainer auf dem College, dann Assistenz-Trainer bei den Green Bay Packers, dann der erste Chefcoach-Job bei den Eagles, damals als zweitjüngster Trainer der NFL-Geschichte. Als er 2013 von den Eagles zu den Kansas City Chiefs wechselte, hatte er angeblich wieder etwas Besonderes mit zum Vorstellungsgespräch gebracht: alle 1988 Spielzüge, die die Chiefs in der vergangenen Saison ausgespielt hatten.

Reid wäre nicht so erfolgreich, wenn hinter der ganzen Arbeit nicht viel Geist stecken würde. Der Mann mit der Vorliebe für Hawaii-Hemden ist einer der besten Offensiv-Architekten der vergangenen 20 Jahre im Profi-Football. Reid ist kreativ, wenn es darum geht, seiner Offensive neue Elemente hinzuzufügen, zum Beispiel aus dem College-Bereich. Er setzt Trends, die andere nachahmen, erkennt den immer größeren Wert des Passspiels in der NFL, die Auswahl seiner Spielzüge ist ebenfalls exzellent. Bei aller Football-Verrücktheit wird Reid auch menschlich von den Kollegen und Spielern in der NFL sehr geschätzt und hat zum Beispiel nicht das Unsympath-Image von Patriots-Chef Bill Belichick, dem einzigen aktiven Trainer, der noch mehr Siege hat als Reid.

Reid ergänzt sich erstklassig mit dem jungen Quarterback Patrick Mahomes

Taktische Avantgarde und menschliche Kompetenz haben es bisher dennoch nicht zuwege gebracht, Reids Laufbahn endgültig zu veredeln: Ein Super-Bowl-Gewinn. Reid ist zwar Mozart der Ideen, aber Salieri, wenn es um Zählbares geht. Allein fünf Mal scheiterte er mit den Eagles und den Chiefs im Halbfinale. In den Playoffs verzottelten seine Teams teilweise auf fast absurde Art Vorsprünge. Und das eine Mal, als der Mann mit dem Walross-Schnauzbart mit den Eagles 2005 im Finale stand, waren da eben Bill Belichick und die Patriots um drei Punkte besser. Reid wurde einmal gefragt, ob er seinen kleinen Zeh für eine Super-Bowl-Trophäe hergeben würde. "Sofort auf der Stelle", war die Antwort.

Fast jeder würde Reid den Super Bowl gönnen, auch wegen seiner Vita. In seiner Familie musste Reid einen schweren Schicksalsschlag verarbeiten. Seine beiden ältesten Söhne waren jahrelang drogensüchtig. 2007 versuchte der Vater, seinem Sohn Garrett sechs Wochen lang bei einer Therapie zu helfen. Es schien zu wirken, doch fünf Jahre später starb Garrett, ebenfalls Footballtrainer, an einer Überdosis Heroin.

All das musste Reid bewältigen. Jetzt steht er wieder im Halbfinale, am Sonntagabend trifft er mit Kansas City auf die Tennessee Titans. Die Gelegenheit, den Titel ohne Amputationen zu holen, scheint für Reid so groß wie nie zu sein: Er hat in den letzten Jahren rund um den flinken Quarterback Patrick Mahomes eine Offensiv-Walze gebaut, die jeden Gegner jederzeit überrollen kann. So geschehen letzte Woche: Obwohl die Houston Texans auswärts mit 24-0 vorne lagen, legten die Chiefs noch insgesamt 51 Punkte hin. Ein monströses Comeback. Gegen die Titans ist Kansas der haushohe Favorit, denn das vermeintliche Überteam der Saison, die Baltimore Ravens, sind in den Playoffs schon gestolpert. Es scheint angerichtet zu sein. Es wäre Andy Reids Belohnung für jahrzehntelange Arbeit an der Grenze zur Besessenheit.

© SZ vom 19.01.2020
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