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Blamage für DFB-Team:So eine Niederlage gab es unter Löw noch nie

Spain v Germany - UEFA Nations League

Blamage in Spanien: Leon Goretzka (links) und Niklas Süle sind schockiert.

(Foto: Getty Images)

Im schlechtesten Spiel in der Ära des Bundestrainers geht die Nationalmannschaft 0:6 gegen Spanien unter. Der fatale Eindruck begleitet die DFB-Elf nun ins EM-Jahr.

Von Philipp Selldorf

Zur von Oliver Bierhoff in Szene gesetzten Wie-lange-noch-mit-Jogi-Löw?- Debatte kam die Begegnung mit Spanien zum Abschluss der Nations-League-Runde wie bestellt. Gegen Spanien hatte der Bundestrainer Löw in 14 Jahren Regentschaft noch in keinem Pflichtspiel gewonnen, lange Zeit stellte Spanien für ihn Idol und Schreckgespenst zugleich dar. Einerseits bewunderte und verherrlichte er die Spielkunst der Spanier, andererseits suchte er vergeblich und manchmal verzweifelt nach einem Gegenmittel, das er seiner eigenen Elf zur Verfügung stellen konnte.

Zuletzt waren die Emotionen mangels Berührungspunkten ein wenig abgekühlt, aus besonderer Verehrung wurde gewöhnliche Achtung, aber über die spezielle Beziehung zwischen Jogi Löw und Spanien wird nun wohl wieder zu reden sein. Denn die alte Nemesis Spanien hat am Dienstagabend in Sevilla wieder einen Meilenstein in der Karriere des Bundestrainers gesetzt, sie besiegte seine Nationalelf 6:0. Jawohl: 6:0.

So ein 0:6 aus deutscher Sicht, das klingt nicht nur nach Desaster und Demütigung, das war tatsächlich so, und eigentlich war es sogar noch schlimmer. Nach 54 Minuten stand es bereits 0:4, und der Ball rollte immer weiter in Richtung Manuel Neuer. Die deutschen Spieler hatten die Gegenwehr weitgehend eingestellt, sie standen entgeistert auf dem Platz herum. So ließen die Hausherren ihre Gäste wie eine Ansammlung von Anfängern aussehen. Mitten in der zuletzt aufgekommenen zarten Aufbruchsstimmung ist diese überaus peinliche Niederlage ein Schock für Löw und die DFB-Führung, und der tückisch-zweideutige Satz des DFB-Direktors Bierhoff, er werde den vom Bundestrainer gewählten Weg "bis einschließlich der EM" mitgehen, bekommt auf einmal das Gewicht einer sehr konkreten Drohung.

Es wurde die höchste Niederlage seit 1931

Hinterher stand dann auch ein schwer angeschlagen wirkender Bundestrainer am Mikrofon des übertragenden Senders ARD: "Alles schlecht" sei heute gewesen, sagte Löw, "ein rabenschwarzer Tag". Unmittelbar nach dem Spiel schon in die Details zu gehen, lehnte er ab ("schwer zu erklären"), die Analyse traf dennoch den Kern der Darbietung: "Alle sind heute nur irgendwo rumgelaufen."

Das stimmte. Dabei war diese Partie im Vorhinein dazu angetan, die Straßen zu fegen. Letzteres erledigten zwar schon die aktuellen Gesundheitsverordnungen, doch der sechste Spieltag der Nations League bescherte ein attraktives Endspiel. Spanien und Deutschland machten in Sevilla den Gruppensieg unter sich aus, der Gewinner des Abends würde im Oktober nächsten Jahres - drei Monate nach der EM - an der Endrunde der vier Teams teilnehmen. Sicher wird dann wieder von der Überbelastung der Fußballprofis die Rede sein, doch es ist nicht anzunehmen, dass der Auftritt der deutschen Spieler eine Form von passivem Widerstand sein sollte - auch wenn es so ausgesehen hat. Trügerisch harmlos hatte das Debakel begonnen.

Löw wählte eine Viererkette mit Süle und Koch im Zentrum, Ginter auf der rechten und Max auf der linken Seite. Das Mittelfeld bildeten Kroos, Gündogan und Goretzka; Gnabry, Sané und Werner formierten eine Offensive mit hohem Tempo. Die Aufstellung versprach Mut und Angriffslust - und das Risiko, dass es hinten öfter mal eng werden könnte. Die Spanier waren das aktivere Team, die Deutschen machten den Eindruck, als bräuchten sie noch etwas, um ihren Rhythmus zu finden. Doch dazu sollte es nicht mehr kommen, stattdessen setzte ein Torreigen von historischem Ausmaß ein: die höchste Niederlage seit einem 0:6 gegen Österreich - im Jahr 1931. Just an dem Tag, an dem Manuel Neuer einen Rekord feierte durfte, indem er mit seinem 96. Einsatz den bisherigen Rekordhalter Sepp Maier überholte.

Das 0:1 in der 17. Minute war ein Tor, das Maßstäbe setzte: Die Spanier handelten, die Deutschen schauten zu. Bei einer Ecke schlägt der frühzeitig eingewechselte Fabián den Ball hoch hinein, am Fünf-Meter-Raum steht der Mittelstürmer Morata und macht das Beste draus. Ein Gegenspieler, der ihn dabei gestört hätte, war weit und breit nicht zu sehen. In Tatortnähe hielt sich lediglich der um mindestens einen Kopf kleinere Serge Gnabry auf, der eher nach hinten umfiel als hochzuspringen.

Den Spaniern musste es fast albern vorkommen

Während die Deutschen keinerlei Spannung erkennen ließen und trotz der verheißungsvollen Besetzung keinerlei Kombinationsspiel zustande brachten, kamen die Spanier in Schwung. Zweimal hatte Ferran Torres das 2:0 auf dem Fuß, im dritten Versuch klappte es dann (33.). Damit war der Weg geebnet, denn dieser Rückstand sah aus wie die Bestätigung einer dunklen Ahnung, dass es ein unschöner Abend werden könnte für die Deutschen. Das 3:0 durch Rodrigo, wieder nach einer Ecke, bekräftigte den Eindruck. Wieder stand mit Gündogan der falsche Mann beim Schützen.

Die Partie war damit zur Halbzeit entschieden, der angeschlagene Süle machte Tah Platz, aber dadurch wurde die instabile Abwehr nicht stabiler. Von einer seriösen Deckung konnte weiterhin keine Rede sein, das 4:0 durch Ferran Torres entsprang einem Konter in Überzahl. Den Spaniern musste es fast albern vorkommen, wie leicht es die Deutschen ihnen machten. So sah es am Ende aus, als hätten die Sieger das 5:0 (Torres, 72.) und 6:0 (Oyarzabal, 89.) selbst nicht mehr verhindern können.

Was Löw nicht verhindern kann: dass er die Debatten um das 0:6 mitnimmt bis ins EM-Jahr 2021 hinein. "Wir waren zuletzt auf einem guten Weg, aber heute hat man gesehen, dass wir noch nicht so weit sind, wie wir geglaubt haben", gestand Löw ein. Bierhoff sagte, er vertraue dem Bundestrainer weiterhin uneingeschränkt.

© SZ vom 18.11.2020/ebc
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