bedeckt München
vgwortpixel

Münchner Olympiastadion:Vom Fußballfeld zur Autorennpiste

Und so ist es gekommen, dass Freunde des Geländes in den vergangenen Jahren manchmal etwas leiden mussten, wenn zwischen den ehrwürdigen Tribünen ein Weinfest oder ein Stockcar-Rennen stattfand. Gerade an den aufwendigen Vorbereitungen für das Champions-League-Finale der Frauen kann man sehen, dass die OMG das Olympiastadion längst einer neuen Bestimmung zugeführt hat. Die Deutsche Tourenwagen-Meisterschaft (DTM) nutzt den Innenraum Mitte Juli wieder zu einer Showveranstaltung.

Laufbahn und Feld liegen deshalb seit März unter einer Asphaltdecke, die seit drei Wochen wiederum für das Frauen-Finale unter einer Schicht aus Erde und Rollrasen verschwunden ist. 400.000 Euro kostet es, ein Fußballfeld auf einer Autorennpiste aufzubringen; Europa-Fußballverband Uefa und Stadt München zahlen zu gleichen Teilen. Und nach dem Public Viewing im Stadion zum Männerfinale kommt der Rasen montags auch gleich wieder raus.

Wir sind kein 08/15-Stadion, das ist uns bekannt", sagt Hartung, "aber wir wissen eben auch, dass wir ein Optimum erreichen müssen bei der Frage, was man mit den Anlagen anfängt." Der Konflikt ist fast nicht zu lösen, ein Motocross-Spektakel wie die X-Fighters-Serie eines Getränkeherstellers, die im August im Olympiastadion gastiert, steht eben für einen Zeitgeist, der nur wenig mit jenen Ereignissen zu tun hat, für welche Behnischs Bauten mal gedacht waren. Außerdem ist der Umgang mit dem olympischen Erbe bisweilen gewöhnungsbedürftig.

100.000 Touristen wollen jährlich das Olympiastadion sehen, für die wird nach einem Sommer mit Motorsport und Open-Air-Konzerten der Asphalt mit einem Kunstrasen belegt, auf den die Laufbahn aufgemalt wird. "Kostenfragen" nennt Hartung als Grund für die Attrappe. Die DTM soll schließlich nächstes Jahr wiederkommen.

Rund 400 Millionen Euro hat die OMG in den vergangenen 40 Jahren in den Park gesteckt, um ihn zu renovieren und umzubauen. Dabei hat nicht immer alles geklappt, aber dass der Park sein sportkulturelles Erbe vollkommen verleugnet hätte, bloß weil er sich neuen Formen der Sportunterhaltung zugewendet hat, kann man trotzdem nicht sagen. Man kann das sehen, wenn man den Olympiaberg hinaufstapft und auf die Wege und Wiesen und Hügel rund um die olympischen Bauten schaut.

Läufer bewegen sich durch den Park, Radler, Leute, die vom Schwimmen im Olympiabad kommen. Und auf den Wiesen spielen Eltern mit ihren Kindern Fußball. Es ist ein normaler Vormittag, kein Ereignis, nirgends, im Olympiastadion ruht der Rollrasen vor dem kleinen Comeback des etwas größeren Fußball. Und trotzdem ist der Olympiapark auch in diesem Augenblick voller Sport.

© SZ vom 16.05.2012/jbe
Zur SZ-Startseite