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Messi und Barcelona:Ein zerrüttetes Verhältnis

Der Kapitän bleibt, aber eigentlich wollte er mit aller Macht weg. Barcelona und Messi müssen ein Jahr miteinander auskommen. Trainer Koeman steht vor einer riesigen Aufgabe.

Von Javier Cáceres

Vor ein paar Tagen saßen Sique Rodríguez, der Sportchef des Katalonien-Büros des Radiosenders Cadena SER, und ein Abrissfirmenbesitzer, der sich Tío Faja nennt, vor einem Wohnwagen und schälten Kartoffeln und Zwiebeln. Tío Faja ist ein Faktotum, der es im Radio zu einer gewissen Berühmtheit erlangt hat, weil er sozusagen das Fußvolk des FC Barcelona repräsentiert. Mit einer Zunge, die ähnlich scharf ist wie das Messer, mit dem er an jenem Tag vor dem Wohnwagen eine Zwiebel häutete - die ihm nach eigenen Angaben dabei half, zu verbergen, dass er in Wahrheit wegen Lionel Messi weinte.

"Ich hab' euch gewarnt!", sagte also Tío Faja und meinte, dass es genau so gekommen sei wie vermutet: "Kaum, dass man Dalí exhumiert hatte, wurde alles surrealistisch", sagte er. Und das ist eine der wenigen Wahrheiten, die auch diesen Montag überdauern werden, wenn Lionel Messi, 33, doch wieder beim Training des FC Barcelona vorstellig wird, nach einer Woche voller versäumter Arbeitstage.

Es gibt im Surrealismus zwei Strömungen, eine davon ist die "veristische" oder auch "paranoisch-kritische", die besagt: Dinge zusammenzuführen, die in Wahrheit nicht zusammengehören. Im Fall von Messi und Barcelona muss man wohl sagen: die nicht mehr zusammengehören. Sie hatten eine Art Ehe geführt, die der Tod scheiden sollte; dann hat Messi versucht, sie aufzukündigen. Doch als Barcelona ihm sagte, dass er tatsächlich die vertraglich festgelegte Ablösesumme in der futuristischen Höhe von 700 Millionen Euro aufbringen - oder vor Gericht ziehen müsse, gab Messi klein bei.

"Ich bleibe", sagte er in einem Interview mit dem Portal Goal.com, "niemals" würde er gegen den "Klub meines Lebens" prozessieren. Aber er bleibt, das wurde auch klar, "a contracor", wie man auf Katalanisch sagen würde, wortwörtlich: "widerherzlich". Gegen den eigentlichen Willen. Und Beobachter wie Fans, die den tobenden Rosenkrieg mit offenen Mündern beobachtet hatten und von denen nicht alle es wagten, sich auf eine der beiden Seiten zu schlagen, fragen sich, ob das wohl gut gehen kann.

Messis Interview war recht ausführlich. Er sagte, dass es schon länger nicht mehr so lief, wie es sollte; dass er sich betrogen fühlte, weil der andere, Präsident Josep Maria Bartomeu, nicht antwortete, wenn er ihm zu verstehen gab, dass er umziehen wolle; dass er ihm ins Gesicht log, solche Dinge. Das Interview sparte aber auch einige wesentliche Fragen aus, so dass es am Ende wirkte wie eine schlechte PR. Zum Beispiel: Hat Messi mit Manchester Citys Trainer Pep Guardiola gesprochen? Wollte er seinen früheren Mitspieler Neymar zurückhaben?

Oder hat ihn der Brasilianer jetzt zu Paris Saint-Germain locken wollen? Hat er, wie die Medien schrieben, wirklich ein Problem mit Antoine Griezmann, der anstelle von Neymar kam? Was geschah mit Quique Setién, dem gerade durch Ronald Koeman ersetzten Trainer? Wie war das Gespräch mit Koeman? Wie hat er verkraftet, dass seine Freunde Luis Suárez und Arturo Vidal Abschied nehmen müssen. Und, perspektivisch die vielleicht wichtigste Frage: Was will Messi nun im Sommer 2021 machen?

Im kommenden Sommer wird Messi endgültig (ablöse-)frei sein, er wird sich also nach einem neuen Partner umschauen können. Oder aber doch - endgültig - entscheiden, zu bleiben. Vor der Krise hatte Messi mit Barça über eine Vertragsverlängerung bis 2023 verhandelt, die ihn finanziell kaum schlechter gestellt hätte als jetzt, da er den Klub inklusive Lohnnebenkosten mehr als 100 Millionen Euro pro Jahr kostet. Es ist kaum vorstellbar, dass irgendein Verein 2021 ein solches Angebot macht.

Barcelona's Argentine superstar Lionel Messi poses with FC Barcelona president Josep Maria Bartomeu during the signing of his new contract in Barcelona

Ein Handschlag, der so heute nicht mehr denkbar wäre: 2017 waren sich Messi und Barça-Präsident Josep Maria Bartomeu noch einig.

(Foto: Reuters)

Messi wird dann 34 Jahre alt sein - und sich überlegen, ob es sinnvoll ist, gut ein Jahr vor der wahrscheinlich letzten Chance, mit Argentinien eine WM zu gewinnen, doch noch zu wechseln. Dass die ursprüngliche Abschiedsentscheidung daheim "ein riesiges Drama" auslöste, wie Messi berichtete, dass also Ehefrau Antonella und die Kinder bitter weinten, ist für Messi keine Banalität. Er weiß, wie sich eine Entwurzelung anfühlt, seit er als 13-Jähriger das heimische Rosario verließ und nur mit seinem Vater in Barcelona lebte. Er hatte immer gesagt, dass er derlei seinen Nachkommen ersparen wolle. Einerseits. Andererseits steht er nun vor einem in vielerlei Hinsicht komplizierten Jahr. Messis Ökosystem in Barcelona hat sich nachhaltig verändert.

Seine besten Freunde - Suárez und Vidal - sind auf dem Sprung nach Italien; sie trainierten zuletzt nur individuell und verhandeln mit Juventus Turin (Suárez) und Inter Mailand (Vidal). Messi ist Kapitän der Mannschaft, aber in den sozialen Netzwerken suchte man in den vergangenen Tagen vergeblich nach Kommentaren von Mitspielern zur Lage ihres Kapitäns. Der Radiosender Onda Cero berichtete unter Berufung auf das Umfeld Messis, dass ihn das überrascht und auch verletzt habe. Nur: Wen wundert's?

Kürzlich sprach Messi davon, dass die Vereinsführung zuletzt nur "herumjongliert" und "Löcher gestopft", also kein "Siegerprojekt" entwickelt habe. Das wurde vor allem als Klage darüber interpretiert, dass Barcelona zu viele Trainer und Sportdirektoren verschlissen hat. Die Bemerkung war aber so vage, dass sie sich leicht in Richtung Kollegenschelte drehen ließ. Zumal Messi in der vergangenen Saison wiederholt gewarnt hatte, dass es für den Sieg der Champions League nicht reichen würde. Das darf als bewiesen gelten, das 2:8 gegen den FC Bayern im Viertelfinale der Champions League war deutlich genug. Nur rührt derlei auch am Ehrgefühl der Spielkameraden, von denen eine zunehmende Zahl inzwischen skeptisch auf Messi und dessen Macht blickt.

Das muss nun ausgerechnet der neue Trainer Ronald Koeman kitten, der gesagt hatte, dass er nur mit Spielern arbeiten wolle, die wirklich bei Barça sein wollten. Was man von Messi vorerst nicht behaupten kann. Messi und Koeman haben sich einmal getroffen. Danach sägte Koeman Messis Freund Suárez am Telefon ab. Und Messi schickte das berühmte "burofax" an den Klub, in dem er sagte: Ich gehe!

Was klar ist: Das Verhältnis zum Präsidenten Josep Maria Bartomeu ist nicht zu kitten. Er ließ ausrichten, dass er Messis Entscheidung nicht kommentieren wolle; es heißt aber, dass er zufrieden darüber sei, das Armdrücken gewonnen zu haben. Er weiß, dass der Konflikt die innere Zerrissenheit des Klubs nur sichtbarer gemacht hat. Einen Rücktritt hat Bartomeu bislang ausgeschlossen, er hat nur die für kommenden Sommer vorgesehenen Wahlen auf den März vorgezogen. Das wäre wohl zu spät, um mit Messi über eine Vertragsverlängerung zu sprechen. Die Opposition zu Bartomeu versucht, bis zum 22. September 16 500 Unterschriften von Mitgliedern zu sammeln, um ein Misstrauensvotum gegen den Präsidenten zu erzwingen. Ein anderes Szenario für einen frühen Wechsel an der Vereinsspitze wäre, wenn die Wahlmännerversammlung im Oktober das Präsidium nicht entlastet.

Im Oktober wird der Ball auch wieder rollen - ohne Publikum, was auf jeden Fall ein Segen für Bartomeu sein dürfte, womöglich auch für Messi. Es sind nicht wenige Vereinsmitglieder, die es für ratsamer gehalten hätten, eine einvernehmliche Trennung zu erzielen, und die seinen Versuch, per "burofax" Abschied zu nehmen, für bizarr und respektlos hielten. Die Frage wird sein, ob Messi seinen Groll in Treibstoff umwandelt. Er wird beäugt werden wie noch nie. Und er weiß, dass jeder sportliche Rückschlag die Gefahr von Explosionen birgt, die dann neue unkalkulierbare Mengen an Energie freisetzt. "Ich werde alles geben", sagte Messi.

© SZ vom 07.09.2020/jbe

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