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Borussia Mönchengladbach:Der nächste berühmte Thuram

Ein Bild geht um die Welt: der kniende Marcus Thuram.

(Foto: AP)

Das Bild des knienden Gladbacher Stürmers ging um die Welt. Sein sportlicher Erfolg ist das Resultat eines genauen Karriereplans.

Von Javier Cáceres

Man muss vielleicht ein extrovertierter Mensch sein, um mit einer Geste der Stille die Blicke der ganzen Welt auf sich zu richten. Und wenn man alles noch einmal nachliest, was so über Marcus Thuram, 22, erschienen ist, oder das eine oder andere Video anschaut, das über den Stürmer verfertigt worden ist, und schließlich auch mit jenen redet, die ihn bei Borussia Mönchengladbach, seinem Klub, bei der täglichen Arbeit erleben, dann ist es unausweichlich, das Bild eines jungen Mannes zu zeichnen, der gern aus sich herausgeht, gute Laune versprüht, das Team zusammenhält, durch Wort und Tat. Und der sich nun, da es weltweit kaum eine Zeitung gab, die das Bild seiner Hommage an George Floyd nicht prominent druckte, am Vorabend der Partie der Borussia beim SC Freiburg die Freiheit nimmt, zu schweigen.

Seit er nach seinem Tor beim 4:1 gegen den 1. FC Union Berlin niederkniete, habe es tausend Interviewanfragen gegeben, heißt es bei der Borussia, und das muss man nicht unbedingt als Hyperbel verstehen. Das Foto, das entstanden war, erlangte ikonischen Charakter und hatte auch deshalb eine elektrisierende Wirkung, weil er Thuram heißt. Sein Vater Lilian, 1998 Weltmeister mit Frankreich und heute 48, ist mit seinem dezidierten Diskurs über die politischen Verhältnisse und eines seiner Symptome, dem Alltagsrassismus also, so etwas wie der Malcolm X der Fußballszene. Die Interviewanfragen, sogar von fußballfernen Generalistenblättern wie der New York Times, wurden am Ende vom Familienrat abgelehnt. Die Geste, das war die Botschaft hinter den Absagen, stehe für sich. Und so blieb zum Beispiel offen, was er davon hielt, dass der DFB-Kontrollausschuss ermittelte, aber letztlich von einer Strafe absah. "Zum Glück", sagte Gladbach-Manager Max Eberl.

Thuram Jr. wurde in Italien geboren, und dass er dort seine ersten Schritte machte, daran erinnerte dieser Tage der frühere argentinische Nationalstürmer Hernán Crespo, damals mit dem heute 48-jährigen Papa Thuram beim AC Parma tätig. Er wisse noch, wie er das Kleinkind Marcus an der Hand durch die Stadt geführt habe, schrieb Crespo, und fügte hinzu, er vermute, dass der Vater dramatisch stolz sein müsse auf den Sohn, dessen Karriere er, Lilian Thuram, entscheidend geprägt hat. Manchmal auch, indem er ihm einen Wunsch verweigerte: Den ersten Ruf nach Clairefontaine, der Akademie des französischen Fußballverbandes, kam Marcus als Jugendlicher nicht nach; dem Vater war zu wichtig, dass der Sohn in der Realität verankert bleibt und nicht etwa vom Jungprofidasein absorbiert wird.

Seinen Weg ging er auch so, nach einem genauen Karriereplan. Als Teenager ging er zum FC Sochaux, er feierte dort in der zweiten französischen Liga sein Profidebüt, 2017 wechselte er für letztlich zwei Jahre zum Erstligisten Guingamp. Zu der Zeit hatte Borussia Mönchengladbach ihn längst auf dem Zettel. Der erste Rapport im Archiv des fünfmaligen Deutschen Meisters datiert vom Frühjahr 2015, damals war er den Spähern der Borussia bei einem Nachwuchsländerspiel Frankreichs gegen Deutschland aufgefallen, erzählt Steffen Korell, der Chef der Scouting-Abteilung.

"Gefühlt spricht er fünfzehn Sprachen"

Als Vater Thuram 2019 nach Mönchengladbach reiste, um sich ein Bild vom Verein zu machen, die Akademie begutachtete, das Stadion, die Verantwortlichen kennenlernte, war das Dossier Marcus Thuram auf 30 Berichte angewachsen. Was die Rekrutierungsabteilung Borussia beeindruckte? Dass sie einen Stürmer sahen, der trotz stattlicher Physis (1,89 Meter, 79 Kilogramm) geschmeidig geblieben und beidfüßig ist, auf allen drei Angriffspositionen einsetzbar ist. Torgefährlich ist er obendrein. Gegen Union erzielte er bereits seinen zehnten Treffer - im 29. Spiel seiner Debütsaison im neuen Land, die er mit acht Assists garnierte. Was der Beleg einer atemberaubend schnellen Anbindung an neue Gegebenheiten ist. Und nicht von ungefähr kommt.

Borussia Moenchengladbach - Union Berlin, 31.05.2020 Jubel Marcus Thuram (Borussia Moenchengladbach) mit Eckfahne 31.05; Marcus Thuram

Feiert Siege mit der Eckfahne: Marcus Thuram.

(Foto: Moritz Mueller)

Lange, bevor es um Geld ging, habe der Vater thematisieren wollen, welche Rolle der Sohn bei der Borussia spielen könnte, welche Position für ihn in welchem System angedacht sei, erzählt Korell. Er fand eine direkte Ebene mit Trainer Marco Rose - und zeigt, dass er sich intensiv mit seinem Beruf auseinandersetzt, Anweisungen im positiven Sinne hinterfragt. Die rasche Integration ist nicht zuletzt dem großen Schatz geschuldet, den er bei den Stationen des Vaters (Parma, Juventus, FC Barcelona) aufsammelte: "Gefühlt spricht er fünfzehn Sprachen", sagt Korell. Und: Er ist historisch interessiert.

Einer seiner ersten Wege führte ins Borussen-Museum; dass Siege gegen Köln etwas Besonderes sind, ließ er sich ebenfalls erzählen. Den 1:0-Sieg im September in Köln feierte er, indem er sein Trikot über die Eckfahne mit dem Effzeh-Emblem stülpte und damit dann eine Art Ehrenrunde drehte. Siegesfeiern folgen noch immer diesem Muster; Thuram kürt immer seinen "Man of the match". Nach dem Spiel gegen Union fiel seine Wahl auf Mamadou Doucouré, der vor vier Jahren nach Gladbach gekommen war, aber wegen einer diabolischen Verletzungsserie nie sein Debüt feiern durfte. Doch das wäre fast untergegangen, wegen eines Kniefalls, der um die Welt ging.

© SZ vom 05.06.2020/chge
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