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Anti-Rassismus-Proteste:Der wohlfeile Fifa-Chef

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Fifa-Präsident Gianni Infantino.

(Foto: AFP)

Infantino findet, dass Anti-Rassismus-Proteste von Fußballern Applaus verdienen. Doch wie würde er mit ähnlichen Aktionen bei der WM in Katar umgehen?

Die Welt kann sich auf bemerkenswerte Szenen einstellen, wenn im Advent 2022 in Katar die nächste Fußball-WM stattfindet. Zahlreiche Gastarbeiter sind dort wegen des unmenschlichen Systems und der unmenschlichen Zustände auf den Baustellen gestorben. Der globale Protest ist immens. Und was macht wohl Gianni Infantino als Präsident des Weltverbandes Fifa, wenn sich dann in den Stadien von Doha und Ar-Rayyan die Spieler diverser Nationalmannschaften mit Aufschriften und Gesten diesem Protest anschließen? Ja, er erhebt sich natürlich von seinem VIP-Platz neben dem Emir von Katar und applaudiert den Solidaritätsaktionen der Spieler auf dem Feld - was denn sonst?

Am Dienstagabend hat sich Gianni Infantino in der Debatte um die Anti-Rassismus-Proteste einiger Bundesliga-Profis zu Wort gemeldet. Denn für deren Aktionen gab es zwar viel öffentliche Sympathie und Anerkennung. Aber weil laut Reglement politische Botschaften verboten sind, sah sich der Kontrollausschuss des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) in der Pflicht, die Proteste zu prüfen. "Um Zweifel zu vermeiden: In einem Fifa-Wettbewerb würden die jüngsten Demonstrationen von Spielern in der Bundesliga einen Applaus verdienen und keine Bestrafung", sagte nun Infantino.

Infantinos Statement birgt den durchschaubaren Ansatz, von den jüngsten Verfehlungen abzulenken

Das klingt natürlich wunderbar. Aber es kommt nicht nur wohlfeil daher, weil abzuwarten wäre, wie Infantino mit einem ähnlichen Fall bei einem Fifa-Wettbewerb - zum Beispiel bei der WM 2022 in Katar - wirklich umgehen würde. In der Vergangenheit fiel der Weltverband nicht als Förderer von Meinungsfreiheit und Menschenrechten auf. Zugleich birgt Infantinos Statement den durchschaubaren Ansatz, von den jüngsten, vielfältigen Verfehlungen abzulenken; die bringen nicht nur sein Image auf Tiefstwerte, sondern gefährden auch konkret sein Amt.

Ständig forcierte Infantino dubiose Milliarden-Deals. Seine Geheimtreffen mit dem Schweizer Bundesanwalt Michael Lauber torpedierten die Strafverfahren im globalen Fußballsumpf nachdrücklich. Und zuletzt wurde durch SZ-Recherchen publik, dass Infantino 2017 zur Beendigung einer Dienstreise kurzfristig einen kostspieligen Privatjet nutzte und dies mit einem Treffen gerechtfertigt wurde, das nie stattfand. Eine solche Täuschung der eigenen Aufsicht müsste zwingend zu einem Verfahren der Ethik-Kommission führen.

Daneben gibt es noch einen ganz praktischen Aspekt: Wenn Infantino findet, dass solche Aktionen Applaus bringen sollen und nicht Bestrafung, dann ist die Frage, warum das Regelwerk so ist, wie es ist. Dieses untersagt nämlich ganz grundsätzlich politische Botschaften. Es unterscheidet nicht zwischen konkreten politischen Äußerungen für ein Land oder eine Partei und dem Eintreten für allgemeine Werte und Menschenrechte, wie sie bei den aktuellen Bundesliga-Protesten gegen Rassismus zum Ausdruck kommen.

Formal macht die Fußballregeln eine Organisation namens Ifab. Aber diese ist so aufgebaut, dass sich zusammengefasst sagen lässt: Gegen den Willen der Fifa und ihres Präsidenten ist keine Regeländerung möglich.

© SZ vom 04.06.2020/chge
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